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Beschleunigung. Immer höher, schneller, weiter. Ihr kommt da nicht mit?  Die Arbeitswelt ist komplex. Coaching hilft, findet Psychologin Judith Bergner…

Coaching in beruflichen Zusammenhängen findet immer in einem Kontext statt. Der Klient bewegt sich in einem komplexen, sozialen und offenen System. Komplexe Systeme unterliegen anderen Regeln als komplizierte Systeme. Komplizierte Sachverhalte sind durch einen mechanistischen Denkstil beherrschbar und beruhen auf Ursache-Wirkungs-Konstellationen. Dieser Denkstil ist hilfreich, wenn es um die Konstruktion hochkomplizierter Produkte, wie beispielsweise Autos mit gut 3 000 Bauteilen, um Kaffeevollautomaten oder Computertomografen geht. Er ist nicht mehr adäquat, wenn es darum geht, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und sich darin angemessen zu verhalten.

Systemregeln überdenken und die eigene Kommunikation

Komplexität wird in einem sozialen System wie einem Unternehmen durch Akteure erzeugt, die in vielfältigen Beziehungen und Konstellationen miteinander kommunizieren. Die Art der Kommunikation innerhalb der Systemregeln erzeugt Verhalten. Es sind also die Regeln des Systems, die ein bestimmtes Verhalten zur Folge haben. Sie wirken stärker als die individuelle Überzeugung. Der Coach erkundet die Spielregeln, die Muster, nach denen sich die Akteure verhalten und betrachtet sein Gegenüber sowohl in seiner Individualität als auch als Spielfigur in einem Spiel.

Systemkompetenz bedeutet hier vor allem: Muster erkennen können. In komplexen Systemen kommt es zu Ereignissen, die nicht vorherzusehen waren: nicht lineare Ereignisse. Kleine Störungen des Systems oder minimale Unterschiede in den Anfangsbedingungen führen zu unkalkulierbaren Er- gebnissen, die sich den Risikomanagementinstrumenten entziehen. Einfach ausgedrückt:

Die zunehmende Vernetzung hat die Welt unsicherer gemacht. Wer hätte prognostizieren können, dass im Juli 2009 die kostenlose SMS- Applikation »WhatsApp« ein ertragreiches Geschäftsmodell der Service-Provider in kurzer Zeit obsolet macht? Wie kann sich eine Führungskraft auf Ereignisse dieser Art einstellen und bei aller Ungewissheit intelligente Entscheidungen treffen?

Der Kontext, in dem berufliches Coaching als Unterstützungsfunktion auftaucht, ist geprägt von den Eigenschaften der globalisierten Wirtschaftswelt. Der globale Wettbewerb bringt Erscheinungen hervor, die im kollektiven Zusammenwirken aus sich selbst heraus entstehen, ohne dass ein einzelner Akteur diese erzeugen könnte (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Diese Erscheinungen sind heute:

Das globale Wirtschaften bedeutet aktuell: Der Druck auf die Akteure wächst.  Maßnahmen  zur  Leistungssteigerung  und  -erhaltung  werden  installiert.

Die Identität des menschlichen Daseins ergibt sich nur mehr aus ihrem Nutzwert für die unternehmerische Wertschöpfung. Diese Entwicklung hat sich im globalen Wettbewerb so ergeben und hat letztlich die radikale Ausnutzung der menschlichen Ressourcen zur Folge: Sie führt zu

  • Erschöpfungssyndromen
  • Depressionen
  • Angsterkrankungen und weiteren somatoformen Störungen, wie die Zusammenstellung aktueller Studien des Bundesamts für Arbeitsschutz zum Thema Arbeitsbelastungen eindrücklich belegt.

Der Zusammenhang zwischen negativem beruflichen Stress und dem Auftreten von psychischen Störungen ist nachgewiesen. Die WHO zusammen mit der Weltbank prognostizieren (Moussavi 2007; Ferrari 2010), dass bis zum Jahre 2020 depressive Verstimmungen nach den ischämischen Herz- erkrankungen vor allen anderen Krankheiten auf dem Rangplatz 2 der welt- weiten Krankheitsbelastung stehen werden (heute Rang 4).

Psychosoziales am Arbeitsplatz: Immer mehr seelische Leiden

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Sozial- und Arbeitsmediziner gehen nach den Ergebnissen einer DAK-Expertenbefragung (DAK Gesundheitsreport 2005, S. 136) davon aus, dass wir es mit einer signifikanten Zunahme von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen zu tun haben. Allein in Deutschland stiegen aufgrund seelischer Leiden im Jahr 2010 etwa 70 000 Beschäftigte vorzeitig aus dem Berufsleben aus – Tendenz steigend.

Die volkswirtschaftlichen Kosten werden in Deutschland mit 29 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Dem tief greifenden Wandel von Gesellschaft und Arbeitswelt wird als Auslöser für Verunsicherung, Distress und psychische Erschöpfung hohe Bedeutung beigemessen.

Die wesentlichen Bedingungen, die Gesellschaft und Arbeitswelt heute bestimmen, sind die Vorherrschaft der Ökonomie und die Instabilität fast aller Lebenswelten. Die oberste Maxime für die Gestaltung jedes Lebensbereichs ist das ökonomische Prinzip. Effizienz und Effizienzsteigerung sind angesagt. Das ist so selbstverständlich, dass es meistens nicht hinterfragt wird. Die gesamte Gesellschaft wird »unternehmerisch« gedacht und »Unternehmerverhalten« wird als Rollenideal angepriesen, das  wir  schätzen und pflegen sollten.

Artikelbild: Pressmaster/ Shutterstock

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