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„Welchen Preis sind Sie bereit für die Karriere zu zahlen? Was sind Ihnen Macht und Anerkennung wert?“ Fragen, die heute zunehmend anders als noch vor 20 Jahren beantwortet werden. Manager und angehende Führungskräfte sind oft nicht mehr bereit, ausufernde Arbeitszeiten und hohen Leistungs- und Termindruck für die Karriere in Kauf zu nehmen…

Früher wollte jeder Chef werden. Hohes Einkommen, toller Dienstwagen, gesellschaftlicher Aufstieg – das war lange Zeit der Traum eines jeden angehenden Managers. Privatleben und Familie kamen erst an zweiter Stelle und wurden der Karriere meist bereitwillig untergeordnet. Für das Privatleben auf Karriere verzichten?

Heute ist die Situation eine andere: Der hierarchische Aufstieg ist für Etliche eben nicht mehr das oberste Karriereziel; viele Führungskräfte räumen einer Fachkarriere sogar den Vorrang ein, sagt der Deutsche Führungskräfteverband. Und auch Freizeit und Familie haben immens an Bedeutung gewonnen: Laut einer aktuellen Studie der Financial Times Deutschland und des GfK Vereins würde ein Drittel der Befragten eine Karriere hinten anstellen, wenn dafür mehr Zeit für die Familie bliebe. Karriere ja, aber nicht um jeden Preis – das scheint das Motto der neuen Generation Y zu sein. Karriereverweigerer?

Gut leben, Karriere machen

Bei den jüngeren, angehenden Führungskräften ist ein Wertewandel zu erkennen, der vor zehn oder 20 Jahren so nicht absehbar war. Die neue Generation hat am Beispiel ihrer Eltern, insbesondere am Vater, miterlebt, wie anstrengend Karriere sein kann. Wie die Arbeitsbelastung mit zunehmendem Alter steigt, wie Stress und Druck die Psyche und das körperliche Wohlbefinden negativ beeinflussen. Materieller Wohlstand war für diese Generation – mehr oder weniger – selbstverständlich. Beides hat dazu geführt, das Lebensmodell des Vaters nicht unreflektiert nachahmen zu wollen.

Begünstigt wird das Ganze durch den zunehmenden Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften. Die Komfortzone der Leistungsträger nimmt zu; die neue Generation Führungskräfte strebt nach Selbstverwirklichung, Sinnfindung und Spaß an der Arbeit. Unternehmen müssen sich auf diese geänderten Bedürfnisse einstellen. Zusammen mit ihren Führungskräften sollten sie an einer Vision, an einer Möglichkeit arbeiten, wie Beruf und Privatleben in Einklang gebracht werden können.

Die Arbeit als Lifestyle

Wichtig ist: die Generation Y sucht ebenso wie ihre Eltern die Herausforderung – allerdings nicht mehr hauptsächlich im Führen möglichst vieler Mitarbeiter. Die neuen Führungskräfte wollen weniger Befehlshaber und Vorkämpfer sein als vielmehr Sinnstifter und Vorbilder mit einem klaren Werteverständnis. Für etablierte Unternehmen, welche die Generation Y für sich gewinnen wollen, bedeutet das: zum ernsthaften Diskurs bereit zu sein und eigene Werte hinterfragen und überdenken zu wollen.

Knallharte Zielvorgaben, die auf jedes einzelne Teammitglied hinunter gebrochen werden, gehören der Vergangenheit an; sie haben mit modernem, selbstbestimmtem Führen wenig zu tun. Zentrales Thema sollte sein, die Führungskräfte ihren eigenen Stärken und Interessen nach zu entwickeln und einzusetzen. Unternehmen müssen mehr als sie es bisher schon getan haben, Projekte und Aufgaben anbieten, die zur Motivation der Manager passen.

Aus dem Leben gegriffen – Praxisbeispiel

Ein Manager war seit über vier Jahren erfolgreich in Kostensenkungs- und Effizienzsteigerungsprojekten tätig, lange Arbeitszeiten und hoher Erfolgsdruck inklusive. Vor 21 Uhr abends kam er unter der Woche nur selten nach Hause. „So geht es nicht mehr weiter. Meine kleine Tochter erkennt mich kaum noch, meine Frau droht mit der Scheidung und all das nur, damit das Unternehmen seinen Deckungsbeitrag weiter maximiert.

Ich fühle mich nur noch leer…“ gestand er sich selbst irgendwann ein. In zwei Tagen Seminar lernte er, sich und seine Umwelt anders wahrzunehmen. Und vor allem seine Arbeit in einem anderen Licht zu sehen. Kurz darauf suchte er das Gespräch mit der Geschäftsleitung und den Kollegen, denen es ähnlich erging. Seitdem setzt – langsam – ein Umdenken bei der Geschäftsleitung ein. Woran das festzumachen ist? Seit knapp zwei Monaten ist eben dieser Manager mit einem neuen Projekt betraut: dem Aufbau eines firmeninternen Kindergartens.

Flexibilität ist Trumpf

Unternehmen müssen flexibler werden, um ihre Topleute zu halten: Sabbaticals und flexible Arbeitszeitmodelle sollten selbstverständlich sein. Eine ausgedehnte Mittagspause, um mit der Familie zusammen zu essen? Kein Problem! Um 16:00 Uhr nach Hause gehen, um mit den Kindern noch den Abend zu genießen und sie ins Bett zu bringen? Selbstverständlich machbar, die Arbeit kann schließlich auch später vom Home-Office aus erledigt werden. Ein Meeting abbrechen und am nächsten Morgen fortsetzen, weil der Sohn vom Kindergarten abgeholt werden muss? Klar, jeder der Kollegen hat Verständnis.

Ein Mehrwert auch für das Unternehmen. Bedeutet eine bessere Work-Life-Balance aber nicht auch finanzielle Abstriche für die Unternehmen? Durchaus möglich – zumindest auf den ersten Blick. Auf lange Sicht profitieren Unternehmen aber von den „neuen“ Führungskräften: sie sind engagierter und effektiver bei der Arbeit; und sie sind dem Unternehmen gegenüber loyaler und schaffen eine Kultur, in der jeder Freude am Job hat.

Multioptionsgesellschaft, grenzenlos?

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann macht auf die Multioptionsgesellschaft und Grenzlosigkeit aufmerksam, in welcher die Generation Y groß geworden ist. Die Millennials sind optimistisch und selbstbewusst und haben wenig Vertrauen in die Regierung, weshalb sie sich durch passiven Widerstand aktiv ins politische Geschehen einbringen.

Johannes Schmeer begleitet seit vielen Jahren Manager dabei, ihre Führungskraft voll auszuschöpfen. Als Management-Coach liefert er Ideen, Impulse und Fragen, sodass Führungskräfte mit allen Herausforderungen im Arbeitsleben souverän umgehen können.

 Artikelbild: Stas Tolstnev/ Shutterstock

11 Kommentare

  1. Wann schlägt die Stunde der Weicheier, wann die der Freigeister? | Initiative Wirtschaftsdemokratie

    […] öfter machen Weicheier statt Leistungsträgern Karriere, und das hat einen Grund. Das leistungs- und erfolgsorientierte Klima, das noch in den […]

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