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Achtsamkeit boomt, in Yoga-Magazinen und Mindstyleprogrammen. Doch wie sieht’s im Berufsleben aus? Das beantwortet uns Burnout-Präventologe Michael Knake…

Mit dem Begriff der Achtsamkeit ist zunächst eine besondere Form der Aufmerksamkeit in einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustand gemeint. Der Lehre Buddhas zufolge soll die Haltung der Achtsamkeit ein Weg sein, dem Leiden zu begegnen und es zu mindern.

Das klingt natürlich für den normalen Berufsalltag recht hoch gegriffen. Leiden wir also unter unserem Beruf oder in Teilen unseres Berufes, brauchen wir nur achtsam zu sein, und unser Leiden wird gemindert. Das könnte man daraus schlussfolgern. Aber ist es wirklich so einfach?

Achtsam durch den Alltag

Unser beruflicher Alltag besteht weitgehend aus automatisierten Tätigkeiten. Wir bekommen eine Aufgabe, wir bringen in Erfahrung, was wir dafür tun müssen, und wir bewältigen sie mehr oder weniger unbewusst. Die erste Übung in der Haltung der Achtsamkeit wäre also, aus den Automatismen heraus zurück zu mehr Bewusstheit zu gelangen.

Der Weg dorthin ist denkbar einfach: Ich verankere mich in der Gegenwart durch das Fühlen des Atems. Immer, wenn bei einer Abrechnung, einem Telefonat, einem Gespräch, einem Meeting etc. der Geist abschweift, kehre ich zum Fühlen des Atemvorgangs zurück. Ich spüre, wie der Atem einfließt und austritt. Ich zähle die Atemzüge: 1,2,3.. und kehre in die Gegenwart des Augenblicks zurück. So kann ich mir durch eine einfache Übung automatisierte Tätigkeiten bewusst machen.

Bewusstheit und Präsenz ist eine Grundbedingung für Handlungsfähigkeit. Bin ich (geistes-)gegenwärtig, kann ich aufbauend auf einem tiefen, intuitiven Verständnis Entscheidungen treffen und bin weniger abhängig von Ablenkungen und unbewussten Störungen.

„macht ist mächtig, Wer entscheidet?“

Das mit den bewussten, autonomen Entscheidungen ist ja schön und gut, aber ich stoße im Berufsleben immer wieder auf Probleme oder Abhängigkeiten, die ich nicht beeinflussen kann. Ein Vorgesetzter oder Chef, den ich mir nicht ausgesucht habe, finanzielle Zwänge, Arbeitszeiten etc. liegen oft weit außerhalb meines Einflussbereiches. Was tun in solchen Situationen?

Das achtsame Einschätzen des eigenen Einflussbereiches kann eine sehr erleichternde Wirkung haben. Alles, was ich nicht ändern kann, brauche ich nicht weiter zu beachten. Damit fällt ein beachtlicher Teil an Stress– und Konfliktpotential einfach weg und ich kann mich den Dingen zuwenden, die ich wirklich beeinflussen kann.

Dabei ist es wichtig, den eigenen Einflussbereich nicht zu klein wahrzunehmen und zu schnell zu resignieren, nach dem Motto: Da kann ich sowieso nichts machen, das ist zwecklos etc. Eine achtsame Wahrnehmung wäre, bewusst einzuschätzen, welche Grenzen ich überwinden kann und an welchen Stellen ich meine Energie spare.

Auch mal „Nein“ sagen (können)

Ein weiterer Schritt zu Achtsamkeit im Beruf ist eine Trennung. Die Trennung von der Vorstellung, von allen geliebt zu werden. Gerade in leitenden Positionen leiden viele Menschen unter dem Bedürfnis, alle ins Boot holen zu wollen oder Konsens zu schaffen. Es wird immer jemanden geben, dem das, was ich mache, leiste, vorlege, wofür ich stehe, nicht in den Kram passt. Trenne ich mich von der Tendenz, diese Skeptiker und Zweifler überzeugen zu wollen, ändert sich meine Grundhaltung.

Gehe ich achtsam mit meiner Wirkung auf andere um, dann mache ich ein Angebot. Ich stelle etwas vor, vermittle ein Konzept, und stelle es jedem frei, ob er/sie es annimmt oder eben nicht. So kann ich mich von der Verantwortung lösen, allen alles recht machen zu wollen. Denn so sehr ich mich darum bemühe, es wird mir nicht gelingen. Kann ich mich aber von diesem Anspruch lösen, kann dies eine äußerst befreiende Wirkung haben. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Kollegen.

Downshiften statt Tempo-Schuften

Um achtsam im Beruf zu sein, macht es Sinn sich einmal sein eigenes Tempo anzuschauen. Welche Aufgaben bewältige ich schnell, wofür brauche ich etwas Zeit? Achtsamkeit in diesem Zusammenhang bedeutet, auf die Stimmigkeit des Arbeitstempos zu achten, unabhängig vom Tempo meiner Umgebung. Natürlich kann ich nicht immer in dem von mir gewünschten Tempo arbeiten. Ich kann aber innerhalb dieser Grenzen auf mein inneres Tempo achten. Und genügend Pausen für mich einplanen.

Neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge dauert es im Durchschnitt 66 Tage, um eine Gewohnheit zu entwickeln. Das bedeutet, dass viele Entwicklungen einfach ihre Zeit brauchen. Es macht also Sinn, die Aufgaben zu ordnen: Was ist jetzt machbar, was braucht einfach noch etwas Zeit? Den Dingen Zeit geben, sie nach einfachen Prinzipien ordnen, all das kann zu einem achtsameren Arbeitstempo führen.

Leben ohne Überforderung

Wie gehe ich achtsam mit Überforderung um? Vielleicht liegt ein achtsamer Umgang damit in der Fähigkeit, zu Einfachheit zu gelangen. Die Frage ist also nicht: Was kann ich hinzufügen, damit etwas besser wird. Es geht darum, was ich weglassen kann, um es zu verbessern. So kann ich meinen Blick für die wirklich wichtigen Dinge meines Berufes öffnen.

Zu guter Letzt geht es um die achtsame Überprüfung der Vision, der Motivation. Was bringt uns dazu, genau jetzt diesen Job zu machen? Vernunft, Finanzielles, Berufung, eine Mischung aus allem? Werde ich mir in dem was ich tue gerecht? Wofür bin ich in meinem Beruf dankbar? Was wünsche ich mir?

Kein Job dieser Welt kann mich immer begeistern, aber überwiegt das Positive das Negative? Entspricht mein Beruf mehrheitlich dem, was ich mir davon erhoffe? Und bin ich der Meinung, dass es diese dankenswerten Seiten meines Jobs es wert sind, die Schattenseiten anzunehmen?

Hauptsache motiviert

Habe ich diese Grundmotivation, ist es leichter, mit den Schattenseiten umzugehen. Habe ich sie nicht, ist es womöglich an der Zeit, etwas zu ändern. Kann ich diese Entscheidung aufgrund innerer oder äußerer Zwänge nicht treffen, hilft mir vielleicht eine achtsame Einstellung zum Beruf, um mir klarer zu werden, was ich möchte.

Der zunächst schwer zu greifende Begriff der Achtsamkeit hat also viele konkrete Aspekte im Berufsleben: Bewusstmachen über die Atmung, Anerkennen der Einflussmöglichkeiten, Aufgeben der Abhängigkeit von der Anerkennung anderer, einen Schritt nach dem anderen machen, Hinterfragen der Berufung, Motivation.

All diese Aspekte können in Stress- oder Problemsituationen durch die Fähigkeit zur Achtsamkeit einen echten Mehrwert für die persönliche und berufliche Entwicklung bieten.

Artikelbild: SpeedKingz/ Shutterstock

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Michael Knake, 1987 in Detmold geboren, ist diplomierter Musiker und Musikpädagoge. Der ausgebildete Lehrer der Alexandertechnik und verschiedener Meditations- und Entspannungstechniken arbeitet als freier Autor, Künstler und Dozent an der Humboldt Universität Berlin, der Freien Universität Berlin sowie in privaten Kursen und Workshops. Er schreibt Beiträge und Artikel zu verschiedensten spirituellen und philosophischen Themen für Zeitschriften und Magazine im deutschsprachigen Raum…

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