Limousine, Drogen und leichte Mädchen finanzierte Josef Müller aus seinen Geschäften als Steuer- und Anlageberater. Doch er verspekulierte sich, wurde zum Betrüger,  landete im Gefängnis. Ex-Konsul, Steuerberater und Millionen-Betrüger Josef Müller spricht mit uns über Habgier, Reuegefühle und sein größtes Schurkenstück…

[dropcap]J[/dropcap]osef Müller liebte den Luxus. „Champagner-Müller“ nannte ihn die Boulevardpresse. Bald handelte ihn die Münchner Schickeria als Geheimtipp für schnelle Geldvermehrung. Besonderen Charme strahlte er aus, weil er trotz Querschnittlähmung den Weg nach oben geschafft hatte. Im Rollstuhl auf der Überholspur, gelang ihm sogar der Aufstieg in Diplomatenkreise.

Karriere-Einsichten: Sie haben in Ihrem Leben schon viele krumme Dinger gedreht: Kreditbetrug, Steuerhinterziehung, Geldwäsche – was war Ihr größtes Schurkenstück?

Josef Müller: Ich denke, das war kein bestimmtes Ereignis, sondern die „Marke“ Josef Müller selbst. Mit Dreistheit und einem Schuss Rollstuhl-Feeling habe ich mir das Vertrauen vieler Leute erschlichen. Ich habe ihnen vor Augen gemalt, wie ein Leben in Saus und Braus aussieht: ein Maybach als Limousine, schnelle Yachten, große Villen, wilde Partys, Drogen und viel Sex. Dann machte ich mir ihre Habgier zu eigen und zeigte ihnen Wege, ihr Vermögen bei mir zu vermehren. Phasenweise bekam ich das Geld regelrecht hinterhergeworfen. Diese Form der Manipulation war im Rückblick wohl meine größte Schurkerei.

Karriere-Einsichten: Sie haben bereits als junger Mann verschiedene Firmen gegründet und hatten mit vielen auch Erfolg. Wie wurde aus dem bodenständigen Unternehmer und Steuerberater Josef Müller ein Betrüger?

Josef Müller: Das Ganze ging nicht von heute auf morgen. Ich war ein fleißiger, ehrgeiziger und ziemlich erfolgreicher Steuerberater. Bald bewegte ich mich im Milieu der Münchner Schickeria, wo man mit dem Geld nur so um sich warf. Bei den Reichen habe ich gesehen, dass sie – sagen wir mal salopp – ihre Yachten wechseln, wie die Unterwäsche.

„Mein Haus, mein Auto, meine Yacht“

In diesen Kreisen konnte man mit großen Autos, schnellen Booten, Klamotten, Schmuck und einem ausschweifenden Partyleben Eindruck schinden. Und das wollte ich. Mir ging es weniger um das Geld als um den Einfluss, den ich damit ausüben konnte. So wurde ich mit den Jahren zu einem echten Protz, der für die große Show nicht einmal mehr davor zurückschreckte, das Geld seiner Mandanten zu veruntreuen.

Karriere-Einsichten: Richtig viel Geld verdienten Sie später mit riskanten Finanzspekulationen an der Börse. Investoren aus ganz Europa setzten auf Ihr Anlagetalent und überwiesen Ihnen hohe Geldbeträge – auch ohne vertragliche Absicherung. Wie erklären Sie sich diese Dynamik?

Josef Müller: Meine Kunden waren – wie ich selbst – von einer unbändigen Gier getrieben. Ich merkte schnell: Wenn man den Leuten eine plausible Geschichte erzählen kann, investieren sie. Die hohen Renditen, die ich anpries, konnte ich anfangs ja tatsächlich erzielen. Dieser Teil war keine Show. Auf die Gier der Menschen konnte ich mich verlassen.

Risiko ausblenden, Gier ausleben

Sie brachte meine Investoren dazu, das Risiko auszublenden und stattdessen bereits zu träumen, welches Boot oder welche Nobelkarosse sie sich vom Gewinn als nächstes leisten würden. Man hat meine Telefonnummer damals am Golfplatz unter der Hand weitergegeben, mit dem Hinweis, dass man beim Steuerberater Müller Geld anlegen kann und er es wundersam vermehrt. Heute ist mir schon klar, dass das hoch riskant und spekulativ war.

Karriere-Einsichten: Moralisch mag das verwerflich sein, gegen das Recht verstießen solche Geschäfte allerdings nicht, oder?

Josef Müller: Das Problem war, dass ich für den Börsenhandel eine Genehmigung des Bundesaufsichtsamts für Finanzwesen benötigt hätte. Die hohen Auflagen sahen unter anderem ein Stammkapital von einer Million Euro vor. So viel besaß ich aber zu dieser Zeit nicht. Die Gelder der Investoren konnte ich auch nicht für diese Kapitaleinlage verwenden, das wäre zu riskant gewesen. Also half nur eine weitere Schurkerei: Ich handelte zunächst ohne Lizenz und wollte mir die Genehmigung später holen, wenn ich genügend Rücklagen hätte. So habe ich mich strafbar gemacht. Und dafür – und noch für einige weitere Delikte – wurde ich später rechtskräftig verurteilt.

Karriere-Einsichten: Damit waren Sie aus dem Spiel. Aber für Ihre Investoren hatte sich das Geschäft doch gelohnt.
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„Über Jahre funktionierte das System richtig gut. Manche Anleger haben mir 100.000 Euro überwiesen und nach einem Jahr 220.000 Euro zurückbekommen. Die singen bis heute Loblieder auf mich“
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Josef Müller: Nur für einen Teil. Wer sein Geld aber länger bei mir angelegt hat – und das waren nicht wenige –, hat alles verloren. Denn einer meiner besten Freunde hat mich zusammen mit zwei Komplizen übers Ohr gehauen und mein Anlagekonto mit den Fremdgeldern leer geräumt. Ich habe viel Dreck am Stecken, in diesem Fall war ich aber unschuldig. Das hat später auch ein Gericht festgestellt. Heute sind diese Leute alle verurteilt und sitzen immer noch im Gefängnis.

Karriere-Einsichten: Haben Sie nicht trotzdem Gewissensbisse, so leichtsinnig mit dem Geld anderer Leute umgegangen zu sein?

Anlagerbetrüger für Anfänger? Keine Tipps zum Nachmachen, aber welche die (doch) funktionieren…

Josef Müller: Viele Menschen, die mir vertrauten, haben durch mich ihr Geld verloren. Das trifft mich immer noch sehr und ich habe Schuldgefühle, die ich auch nicht mit meinem Haftaufenthalt von fünf Jahren und vier Monaten wettmachen konnte. Der finanzielle Schaden bleibt ja. Ich bin pleite und habe zehn Millionen Euro Schulden!

Im Spiegel kann ich mich nur deshalb noch anschauen, weil ich im Gefängnis zum Glauben gefunden habe. Ich weiß, dass Gott mir meine Schurkenstücke vergeben hat. Meine Gläubiger können sich davon natürlich nichts kaufen. Sie können aber zu mir kommen, und ich entschuldige mich von Herzen bei ihnen. Eines meiner größten Anliegen ist es, persönlich reinen Tisch zu machen.

Gottesglaube, Geldgier und die Vertrauensfrage

Karriere-Einsichten: Gibt es Investoren, die nach Josef Müllers Pleite ebenfalls vor dem Ruin stehen?

Josef Müller: Bei mir haben in der Regel nur die angelegt, die genug Geld auf der hohen Kante hatten. Ich habe nach einer gewissen Zeit sehr genau darauf geachtet, dass nicht die arme Witwe ihre Miete für den nächsten Monat bei mir investiert. Deshalb forderte ich von meinen Kunden auch den Nachweis, dass sie das Fünffache der Investitionssumme in liquiden Mitteln besaßen. Von 400 Investoren hat nur ein einziger nahezu sein ganzes Vermögen durch mich verloren. Er hat seine komplette Erbschaft von 250.000 D-Mark in eines meiner Projekte gesteckt, das nie verwirklicht wurde.

Karriere-Einsichten: Immer noch Schuldgefühle?

Josef Müller: Ich sage mir immer noch: Hätte ich das Geld doch nie genommen! Diesem Mann möchte ich bis heute helfen. Wenn alles gut läuft, auch mit dem Erlös dieses Buches. Grundsätzlich würde ich gerne mit allen von mir Geschädigten einen Vergleich hinbekommen. Vielleicht gelingt mir das eines Tages ja, wenn ich etwas ehrlich verdientes Geld besitze.

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[acc title=“Infofilmchen (Agentur)“]
[cf „snack“]
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[acc title=“Lexikonlese (Wikipedia)“]

Als Schneeballsystem oder Pyramidensystem werden Geschäftsmodelle bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Anzahl an Teilnehmern benötigen (Gewinne für Teilnehmer entstehen beinahe ausschließlich dadurch, dass neue Teilnehmer in den Systemen mitwirken und Geld investieren). Schneeballsysteme sind Spezialfälle von Systemen, welche auf unendliches Wachstum unter endlichen Rahmenbedingungen angewiesen sind und daher grundsätzlich instabil.
In den meisten Ländern sind diese Systeme mittlerweile (zumindest teilweise) verboten. Anders, aber oft fälschlicherweise als Schneeballsystem beschrieben, ist ein Ponzi-Schema, wobei die Zinsen, die Anleger für eine Investition erhalten, aus deren eigenen Einlagen entnommen werden.

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[acc title=“Sichtweise (Autor/in)“]Jan Thomas Otte erinnerte sich beim Gegenlesen dieses Textes an „Bernie“ Madoff, der ähnlich wie Müller arbeitete. Da ging es dann allerdings nicht mehr um Millionen sondern gleich Milliarden an Dollar…
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Artikelbild: © Josef Müller/ Privat

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