Sie geben im Wettkampf alles, auch abseits von Turnieren. Das bedeutet für Leistungssportler wenig Freizeit und viel Training. Die meisten Top-Athleten schwitzen bereits vor dem Sportplatz im Büro. Und verdienen ihre Sponsorengelder selbst. So wie Christian Schneble..

[dropcap]D[/dropcap]ie Arme langgestreckt, krault Christian Schneble mit Startnummer 566 im Walchsee um die Führung. Zwei Kilometer sind es, bevor es für den 27jährigen aufs Rennrad geht, mit dem er im Durchschnittstempo von 36 Stundenkilometern strampelt, darunter Steigungen um die 12 Prozent. Sommersprossen im Gesicht, Mecki-Frisur unter der Kappe. 1,82 Meter gross, mit 70 Kilo Körpergewicht und Schuhgröße 43 rennt Christian ins Ziel der „Challenge“, einem internationalen Triathlon im Kaisergebirge Tirols.

Der Wirtschaftsinformatik-Student aus Gailingen am Hochrhein belegt diesmal den 255. Platz von insgesamt 1.000 gelisteten Triathleten, darunter Schüler bis zum Vollzeit-Profi. In seiner Altersklasse belegt Christian diesmal nur den 45. Platz. „Da wär noch mehr drin gewesen“, beurteilt er seine Leistung. Rund fünf Stunden brauchte er für Schwimmen, Radeln und Laufen, inklusive Aus- und Anziehen seiner Klamotten; eine Banane, zwei Energieriegel und drei Powerdrinks schob er sich unterwegs zwischen die Zähne.

Doppelbelastung: 60-80 Stunden pro Woche

Wie Christian gibt es immer mehr Menschen, die neben ihrem Bürojob die Herausforderung im sportlichen Wettkampf suchen. Viele empfinden das als willkommene Abwechslung zum tristen Alltag. Kritiker sehen darin eine unterschätzte Belastung. Die Deutsche Sporthilfe hat den Zusammenhang von Leistungssport und geregeltem Brot- und Butterjob untersucht. 36 Prozent der Spitzensportler sind voll berufstätig, 32 Prozent studieren, 30 Prozent gehen noch zur Schule. Nur zwei Prozent können vom Leistungssport in der Profiliga leben.

Unter der Woche sind die Sportler im Schnitt 60 Stunden beschäftigt. Über die Hälfte dieser Zeit geht für den Leistungssport drauf, so die Studie: Trainings, Wettkämpfe, Fahrten – oder die Physiotherapie. Bewegung ist gesund für den Körper, doch Leistungssport belastet. Das Risiko eines Herzstillstandes für Anfänger beim Triathlon ist doppelt so hoch wie beim Marathon, besagt eine Studie aus den USA. Kalte Wassertemperaturen und der Wettkampfstress würden vor allem untrainierten Triathleten zusetzen.

40 Wochenstunden im Büro, nutzt Christian daher auch seinen Arbeitsweg zum Training. Bei einem IT-Dienstleister in Radolfzell am Bodensee schreibt der Student seine Bachelorarbeit. Dort kann er auch duschen und sein Rad sicher unterstellen. Dann geht es für ihn wie alle anderen Kollegen an den Schreibtisch. Ab und zu geht er mit ihnen laufen, in der Mittagspause sei das ohne Probleme möglich. „Gerade in den Wintermonaten reduziert dies das leidige Laufen im Dunklen“, so Christian. Zeit für seine Hobbies hat er dabei kaum noch, als DJ Musik abmischen oder an seinem Blog weiterbasteln.

Ideelle Werte: 7,38 Euro Stundenlohn für Spitzensport

Die Deutsche Sporthilfe befragte Spitzensportler zu ihrem Verdienst. Rund 2.000 Euro brutto verdienen sie im Monat. Teilt man diesen Betrag durch die Anzahl aller geleisteten Sport- und Arbeitsstunden, käme Christian auf einen Stundenlohn von 7,38 Euro. Seine Ausrüstung kostet mehrere tausend Euro, ein Vielfaches vom monatlichen Bafög-Satz eines Studenten. Christian spezielles Rennrad kostet um die 3.000, sein Neopren 600 Euro. „Jegliche Erträge aus Nebentätigkeiten vom Studium fließen hinein“, erklärt Christian. Sein nächstes Startgeld kostet 500 Euro.

Die größte Unterstützung bekommt der Student von seiner Familie, Freunden und Freundin sowie dem Team „Erdinger Alkoholfrei“. Ohne die Unterstützung wären die vielen Trainingsstunden und die Teilnahme an einem Dutzend Wettkämpfe pro Jahr nicht möglich. „Die Freundin muss schon viel Verständnis haben“, sagt Christian. In den Trainingswochen könne er „keinen ruhigen Sonntag machen“. Er verkauft das gegenüber seiner Freundin gerne als Wochenendausflug, dabei ist es ein Wettkampf, kein Urlaub.

Ehrgeiz: Antriebsfeder und Stimmungsbarometer

[pullquote align=“right“]„Unvergesslich“, beschreibt Christian seinen Einlauf ins Olympiastadion. Das weckte seinen Ehrgeiz, weiterzumachen.[/pullquote] Vor einem Wettkampf beschreibt sich der Triathlet als „nicht immer gerade einfache Person“. Das könne schnell zu einer aufgeheizten Stimmung führen. „Ich habe Glück, eine Freundin zu haben die da zu 100 Prozent hinter mir steht“. Seit 2009 dabei, will er den Triathlon so schnell nicht aufgeben. Pokale stehen einige im Regal: Siege in seiner Altersklasse, darunter auch Podestplätze, zum Beispiel beim Marathon in Tuttlingen letztes Jahr.

Sein erster Start war ein Marathon in München. Kommendes Jahr will er für seine harten Trainings „den Lohn ernten“. Einmal beim „Ironman“ auf Hawaii mitmachen, das ist sein größter Traum. Ob er ihn auch packen wird, ist noch unklar.

Grösster Traum: „Ironman“ 2015

Über den Winter ist „Off-Season“, wie es der Gailinger nennt. Sein nächstes Ziel ist im kommenden Juli der „Ironman“ in Zürich. 2013 wäre für ihn der ideale Zeitpunkt, seinen Lebenstraum zu erfüllen. Falls das noch nicht klappt, plant er zusätzlich zwei bis drei Mitteldistanzen, die Hälfte vom grossen Wettkampf auf Haiwaii: 2 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren, 2 1 Kilometer Laufen. Der Start auf dem Walchsee steht schon fest in seinem Terminkalender.

Kaputte Knie wären eine große Krise für den 28jährigen: „Leben ohne Sport gestaltet sich schon nach kurzer Zeit schwierig für mich“. Nach einer Knochenmarkspende musste Christian zwei Wochen aussetzen, für den begeisterten Sportler eine echte Herausforderung. Sein Resümee: „An ein Leben ohne Sport lässt sich derzeit nicht denken“. Ausruhen könne er ja noch wenn er alt ist. Einen Plan B für das Leben ohne Sport hat er nicht.

Sportlich besonders aktive Menschen sind auch beruflich erfolgreich. So gibt es Studien zu Managergehältern, die belegen: Große, schlanke und gutaussehende Menschen verdienen mehr als andere, vergleichbare Personen. Professor Alexander Woll, Sportwissenschaftler an der Universität Konstanz kritisiert dies. „Wir leben in einer Mediengesellschaft, die ganz stark durch Optik gesteuert wird“, so Woll. Sportler hätten dadurch auch ein paar Vorteile, mehr aber auch nicht.

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Merkmal des Triathlons ist das unmittelbare Aufeinanderfolgen der drei unterschiedlichen Disziplinen und der damit verbundenen Umstellung der Muskulatur auf die jeweilige Disziplin. Besonders der Lauf nach dem Radfahren wird dabei als der schwierigste Teil empfunden, da beim Laufen auf die durch das Radfahren bereits ermüdete Beinmuskulatur zurückgegriffen werden muss. Gute Triathleten zeichnen sich dadurch aus, die Übergänge zwischen den einzelnen Disziplinen so kurz wie möglich zu halten und so schnell wie möglich den Körper auf die neue Belastung einzustellen…

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Jan Thomas Otte ist beeindruckt vom eisernen Willen Christian Schnebles. Dafür gibt er nicht einiges, nein: Alles! Jan Thomas selbst schwitzt auf seiner Hausstrecke schon genug: 50 Kilometer, 500 Höhenmeter, in 1:50 Stunden. Das reicht, findet der t3n-Redakteur und Gründer von „Karriere-Einsichten“…
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Artikelbild: © Corinna Schreiber

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Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

3 Kommentare

  1. Wann schlägt die Stunde der Weicheier, wann die der Freigeister? | Initiative Wirtschaftsdemokratie

    […] Wälzern voller Compliance-Regeln. Es entstand ein System, in dem nicht Mitarbeiter gut sind, die Leistung und Erfolge bringen, sondern jene, die brav all diese Regeln einhalten. Die Weicheier steigen auf, […]

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