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Wir hatten eine Menge Zeit, zu überlegen, was wir später mal machen wollen. Die Ballerina, sie stand am Anfang ganz oben auf dem Wunschzettel. Irgendwann wurde aus dem Spiel Ernst – zu viel Ernst. Mittlerweile marschieren sie zum Erfolg. Warum und wofür eigentlich…

Nach dem Abitur bin ich gescheitert. An meinem Studienwunsch. Jura hatte es sein sollen. Nach drei Wochen musste ich feststellen, dass das nichts für mich ist. Danach habe ich mir ein Jahr lang Zeit genommen, mir genau zu überlegen, was ich will und wohin ich will. In diesem Jahr habe ich gegammelt, mein Niederländisch aufpoliert, in einem Buchladen gejobbt, beim Cateringservice gearbeitet.

Das ist gerade mal acht Jahre her. Heute muss man aufpassen, wenn man diesen Lebenslauf der aktuellen Generation der Abiturienten vorlegt. In ihren Augen habe ich versagt. Ich hätte mich früher und zielgerichteter orientieren müssen. Ich hätte auf meine Eltern hören müssen, die es ja irgendwie gleich geahnt haben.

Angepasste Streber

Kinder der bürgerlichen Mittelschicht müssen heute Qualität bringen. Halbherzige Taten, abgebrochene Studien, zielloses Lernen – das ist nichts halbes und nichts ganzes. Stattdessen machen sie lieber einfach mit: immer geradeaus Richtung Erfolg. Zweifeln ist uncool. Es gilt: Nicht fragen, machen. Nur wer macht, gewinnt. Das fängt schon in der Schule an. Funktionieren ist das oberste Gebot. Ohne gute Noten, das kriegen die Jugendlichen früh beigebracht, läuft im Leben angeblich gar nichts.

„Früher war der Streber out. Manchmal musste er mit einer blutigen Nase nach Hause laufen, weil die anderen Kinder kein Erbarmen mit einem kannten, der ständig besser sein wollte als der Rest.“ Heute sind alle strebsam. Und angepasst. Herausstechen will man höchstens mit qualitativ hochwertigen Erzeugnissen geistiger und materieller Art. Aber auf keinen Fall mit negativem Verhalten.

Eltern und Kinder ziehen an einem Strang

Auch die Eltern wollen keine Fehler sehen. Für sie ist das „Projekt Kind“ erst dann erfolgreich abgeschlossen, wenn es auf einem sicheren Arbeitsplatz sitzt, ein hübsches Häuschen bewohnt und dann irgendwann auch mal eine Familie gründet. Und weil die Jugendlichen so angepasst sind, machen sie auch hier mit.

Kein Widerspruch. Man weiß ja, dass alle nur das Beste für einen wollen. Also muss es richtig sein. Der Studienwunsch wird ausführlich zu Hause diskutiert. Sie sehen schnell ein, dass man mit einem Musikstudium nichts verdienen wird und dass Germanistik jeder kann.

Es gibt für alles einen Plan, wirklich alles?

Wenn es dann trotzdem Deutsch sein muss, muss es auch einen Plan dafür geben. Das Berufsziel muss klar definiert sein. Praktikumsplätze werden organisiert, man will ja genau wissen, worauf man sich da einlässt. Planlosigkeit können die Eltern und ihr Nachwuchs nicht leiden und sie möchten es sich auch nicht leisten. Andere könnten ja im Galopp vorbeipreschen, während die eigene Tochter sich noch in der Selbstfindung wähnt.

„Dingfest“

Wenn die Studienwahl dann doch nicht so schnell dingfest gemacht werden konnte, gibt es noch die Möglichkeit, ein Jahr lang ins Ausland zu gehen. Doch auch hier steckt ein Plan dahinter. Einfach mal wegkommen ist nicht. Alles dient der Bildung. Wer Ärztin werden will, der geht am besten zu „Ärzte ohne Grenzen“. Der Sprachenschatz soll erweitert werden. Und außerdem steht es ja auf dem Lebenslauf. Das ist gut für die Reputation. Daran muss man immer denken. Daran denken alle.

Selbstfindung gegen Geld

Klar strukturierte Selbstfindung gibt’s auch gegen viel Geld. Für 24.000 Euro zum Beispiel bietet das Eliteinternat Salem am Bodensee der bürgerlichen Mittelschicht mit viel Kleingeld in der Tasche an, die Zöglinge innerhalb eines Jahres zum gewünschten Ziel zu führen.

Nach dem „Studium generale“, das eigentlich keines ist, weiß dann spätestens jeder, was er will und wohin er will. Neben einigen Kursen an der Konstanzer Universität gehören achttägige Wanderungen durch die Berge dazu. Die Jugendlichen sollen ihre Position in der Gruppe entdecken, zum „leader“ werden und soziale Kompetenzen entwickeln. Hätten die Eltern das Kind mal im Sportverein zum Trainer ausbilden lassen, hätten sich diese Kompetenzen von selber gebildet. Aber dafür war keine Zeit, die Vier in Mathe musste vom Zeugnis verschwinden.

Wo ist der Rebell hin?

Mit diesem ganzen angepassten Theater und den Lebensläufe, die sich am Ende bis ins kleinste Detail ähneln, wollen sich die Jugendlichen von heute gut verkaufen. Dass sie so nicht herausstechen, merken sie nicht. Grenzen durchbrechen, rebellieren, anders sein, sich interessant machen – das alles muss man nicht übertreiben. Aber ein bisschen Verwirrtheit, ein wenig Orientierungslosigkeit und ein paar kleine Spielchen im Leben, so wie früher, sind nicht verkehrt. Auch aus ihren Eltern ist ja schließlich etwas geworden.

Über die Autorin: Julia Bergner macht gerade ihr „Volo“ bei der Nachrichtenagentur idea spektrum. Die Nachwuchsjournalistin ist (fast) noch Teil der Generation X und hat in den letzten Jahren über ihre Zeit bei den Pfadfindern viel mit Jugendlichen über ihre beruflichen Wünsche gesprochen. Hier hat sie einige von ihnen vorgestellt…

Artikelbild: Helder Almeida/ Fotolia.com

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Julia Bernhard

Julia Bernhard (geb. 1987, Bergner) ist Redakteurin bei der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Sie hat Neuere und Neueste Geschichte studiert und arbeitet derzeit berufsbegleitend an ihrer Dissertation an der Uni Marburg zum Thema: “Chadashoth Israel – die letzte deutschsprachige Tageszeitung in Israel”.

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