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Vieles steht uns offen, wenn wir nur wollen. Am Besten jeden Beruf ergreifen, überall auf der Welt. Die Generation Y, welche heute die Universität verlässt, hat (fast) alle Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten. Doch dieses Privileg entpuppt sich zur Last. Ein Weckruf von Julia Bergner…

Nach dem Studium muss man sich entscheiden, wohin die Reise gehen soll. Was kann man besonders gut? Welcher Beruf eignet sich? Soll es die universitäre Karriere werden oder doch lieber die Wirtschaft? Einige sind schnell bei der Entscheidung, haben schon während des Studiums nach links und rechts geschaut und Möglichkeiten ausgelotet.

Andere brauchen länger. Viele meiner Freunde haben die Master-Arbeit vor sich her geschoben, eine Weltreise eingeschoben oder einfach in Lethargie verharrt, um die Entscheidung hinauszuzögern. Die Vielfalt der Entscheidungsmöglichkeiten macht uns unruhig, unzufrieden und manchmal regelrecht panisch.

Meine Oma kann nicht verstehen, dass man sich so schwer tun kann. Sie sagt oft zu mir: „Du bist so privilegiert, du kannst alles tun. Wir hatten nicht so viele Möglichkeiten.“ Sie findet es reichlich übertrieben, dass unsere Generation in diesem Privileg ein Problem sieht – und sie hat ja eigentlich Recht.

Warum haben wir, als eine Generation, die fließend Englisch spricht, gepflegte Umgangsformen beherrscht und perfekte Computer-Kenntnisse aufweisen kann, solche Schwierigkeiten uns zu entscheiden, wenn es um unsere Zukunft geht?

Studiengänge für Generalisten

Früher studierte man Medizin und wurde Arzt. Heute studiert man Medizin und überlegt sich dann, ob man in die Forschung gehen soll, an der Uni bleibt oder doch lieber eine Ausbildung zum Fachjournalisten macht. Vor allem die neueren Studiengänge haben es in sich. Was sich hinter diffusen Titeln wie „Bildwissenschaften der Künste“ oder „European Management“ verbirgt, stellt sich zwar im Laufe des Studiums heraus, was man damit später einmal machen will, oft nicht.

„Den guten alten Lehrer-Beruf gibt es immer noch“

Das Studium beantwortet längst nicht mehr die Frage nach dem späteren Beruf, auch wenn wir uns das oft wünschen. Es lässt in den allermeisten Fällen alle Türen offen. Wir sind zwar noch nicht so weit wie die Engländer, die Griechisch studieren und ins Bankgeschäft gehen, aber wir sind schon jetzt überfordert und ratlos. Auch die Fülle an Berufen macht uns zu schaffen. Den guten alten Lehrer-Beruf gibt es immer noch – zur Not. Aber eigentlich wollen wir Großes erreichen, die maßgeschneiderte Arbeitsstelle finden.

Höchstleistungen vs. Versagensängste

Und genau das ist das Problem. Die vielen Möglichkeiten bauen einen starken Druck auf. Jeder will das Richtige machen, sich auf keinen Fall falsch entscheiden. Eine Freundin erklärte mir kürzlich: „Ich suche den perfekten Job für mich. Irgendwo muss es ihn doch geben!“ Deswegen wartet sie. Nichts scheint ihr gut genug.

Sie möchte sich selbst verwirklichen, gleich am Anfang ihres Berufslebens, und damit überfordert sie sich. Denn gleichzeitig befürchtet sie, versagt zu haben, wenn sie ihren Plan zur Selbstverwirklichung nicht erfüllen kann. Perfektion ist ein großes Thema.

Die Folgen dieses Anspruchs an uns und unseren Beruf sind in wissenschaftlichen Untersuchungen über unsere Generation schon vielfach genannt worden: Unverbindlichkeit, Schnelllebigkeit, Verantwortungslosigkeit. Das gilt sowohl für den beruflichen als auch für den privaten Bereich. Auch in Beziehungen möchten wir uns nicht so schnell entscheiden, probieren lieber viel aus. Zwar sehnt sich die Mehrheit der jungen Bundesbürger nach einer stabilen Partnerschaft, aber den Schritt in die Ehe wagen die meisten erst sehr spät und viele gar nicht.

Und immer noch… „Hotel Mama“

Als unsere Eltern und Großeltern vor ähnlichen Entscheidungen standen, waren Geldverdienen und Heiraten nach der Ausbildung oder dem Studium alleine schon deswegen nötig, weil es das Überleben sicherte.

Doch diesen Druck gibt es schon lange nicht mehr. Wenn man noch keinen Job hat, gibt man sich entweder wieder den Bequemlichkeiten von „Hotel Mama“ hin. Oder man hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, die einem Studenten gerade noch würdig sind, und Mami und Papi schießen noch ein wenig Geld zu. Eigentlich möchten wir gar nicht erwachsen werden.

Ich habe die Ansprüche, die Ängste, die Unverbindlichkeit und Ratlosigkeit in meinem Bekanntenkreis lange mit angesehen und bin zu dem Schluss gekommen, dass einfach nichts hilft: Wir müssen uns zusammenreißen! Und deswegen auch an euch, liebe Eltern: Irgendwann solltet ihr uns rausschmeißen. Denn wir sollten auf keinen Fall alles lassen, weil wir alles tun können. Los geht’s, die Welt wartet!

Über die Autorin: Julia Bergner macht gerade ihr „Volo“ bei der Nachrichtenagentur idea spektrum. Sie ist Teil der Generation Y und hat sich das in ihrem Bekanntenkreis lange mit angesehen: alle Möglichkeiten heisst noch lange nicht überglücklich, will man doch die Erwartungen anderer erfüllen…

Artikelbild: lassedesignen/ Shutterstock

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Julia Bernhard (geb. 1987, Bergner) ist Redakteurin bei der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Sie hat Neuere und Neueste Geschichte studiert und arbeitet derzeit berufsbegleitend an ihrer Dissertation an der Uni Marburg zum Thema: “Chadashoth Israel – die letzte deutschsprachige Tageszeitung in Israel”.

13 Kommentare

  1. Generation Orientierungslos. Je mehr Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stehen, umso schwieriger wird es auszuwählen. Kennen viele auch vom Supermarkt her. Und die Fülle der Möglichkeiten dehnt sich auf immer mehr Lebensbereiche aus.

  2. Sieht so aus, dass wir uns nicht nur in den Weiten des Internets verlieren.
    Das Rausschmeißen hat was. Im Tierreich schubsen die Eltern ihre kleinen auch ins Leben, wenn sie meinen, dass sie jetzt so weit sind. Vielleicht war der Ritus der Initiation doch ein wichtiger. Bewusst zu erleben, dass man jetzt selbst verantwortlich für sein Leben ist.
    Vielleicht würde ja auch hier ein BGE helfen, sich da rein stürzen zu können, wo einen das Herz hinführt und sagt, das ist es.
    Ich bin mir zudem sicher, dass, wer in der Schule schon früh auswählen könnte, etwas auszuprobieren, er sehr genau weiß wo seine Talente liegen. Aber das geht in den meisten Schulen nicht. Da ist der Standardmapf reinzustopfen. Egal, was gerade im Interesse steht. Integrales Lernen wäre da hilfreich. Im Projekt quer durch möglichst viele Fächer …

  3. Für mich gibt es nur einen wichtigen Grund:
    Wer nicht vermögend ist, z.B. auch nicht über eigenen Grund und Boden verfügt und sich darüber ernähren zu können, muss seinen Körper prostituieren. Entweder gegen Sex oder gegen Lohnarbeit.
    Als die Leibeigenen damals entlassen wurden, hat man ihnen nicht mitgegeben. Also war es nichts anderes, als sie in ein großes Freilaufgehege zu entlassen, wo sie sich ihren Zuhälter halbwegs frei aussuchen konnten …

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