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Ehrenamtliches Engagement hübscht den Lebenslauf auf. Mehr als das: Es bietet Rückschlüsse auf die Persönlichkeit. Interview mit Jan Wurps…

[dropcap]G[/dropcap]ute Noten aus der Schulzeit, gespickt mit Auslandsaufenthalten und Praktika. Das wird nach wie vor von Personalern gewünscht. Ist aber längst nicht alles. Karrierestreben ersetzt keinen stabilen Freundeskreis, nicht den Glauben an persönliche Ziele. Wir haben mit einem der Personal-Chefs bei Volkswagen gesprochen.

Halten Sie Coaching-Programme für förderlich?

Wer zum Studienende noch keine reife Persönlichkeit ist, wird das durch den Besuch diverser Karriere-Portale auch nicht so schnell werden. Wir Personaler kennen die Tricks, mit denen man sich an manchen Stellen im Auswahlverfahren stärker darstellen kann, als man eigentlich ist. Deswegen ist das Freizeitleben wichtig, um sich selbst in anderen Kontexten zu erleben. Zum Beispiel beim Einsatz für andere, schwächere Mitmenschen.

Ein Karriere-Coaching für Bewerber kann diesen Gewinn nicht ersetzen. Hören Sie dazu eine Reportage von Karriere-Einsichten über das gecoachte Ich: Stromlinie, Clon oder Original?

Wie haben Sie sich auf Ihre VW-Karriere vorbereitet?

Meine Menschenkenntnis habe ich am Lagerfeuer gewonnen, in meinem Fall auf kirchlichen Jugendfreizeiten. Nach 20 Jahren als Manager für Human Resources habe ich sowohl Azubis wie auch karrierebewusste Unternehmensberater eingestellt. Mein Management-Bereich ist ein hartes Business. Die Liebe zum Menschen sollte aber nicht fehlen.

Was muss man „mitbringen“, um im Konzern Karriere zu machen?

Neben guten Noten (eine Drei darf mal vorkommen) interessiert mich vor allem die Persönlichkeit hinter dem Lebenslauf. Das Fachliche wird in den Zeugnissen dokumentiert, deswegen frage ich mich:

Was ist das für ein Mensch, den wir da einstellen wollen? Bei einem 15jährigen ist das noch etwas schwierig. Absolventen der Hochschule aber müssen sich im klassischen Assessement-Center beweisen: Einzel- und Gruppenübungen, Interviews, Tests.

Lohnt sich ein Coaching von Kindesbeinen an?

Wer zum Studienende keine Persönlichkeit entwickelt hat, wird das sicherlich auch nicht allein in diversen Karriereportalen lernen. Mit einem gesunden Gleichgewicht könnte man vielleicht auch im Bewerbungsgespräch punkten.

Natürlich kann man sich an manchen Stellen stärker darstellen als man eigentlich ist. Deswegen ist auch das Freizeitleben wichtig: z. B. Sozial zu engagieren, sich für schwächere Mitmenschen einzusetzen. Ein Karriere-Coaching für Bewerber kann und wird das kaum ersetzen.

Wie bewerten Sie Ihre Mitarbeiter, bevor sie in den Konzern kommen?

Ziehe ich ein 1:1 Verhältnis zwischen meiner Karriere als Personalleiter bei VW und meinem ehrenamtlichen Engagement, ist das nicht richtig. Wenig ist planbar, aber ein Zusammenhang besteht dennoch. Mir kommt es darauf an, dass meine Mitarbeiter stets ihr Bestes geben. Meine Wertschätzung orientiert sich daran. Das Ergebnis steht auf einem anderen Blatt.

Klingt irgendwie nicht nach Ellenbogen. Woran liegt’s?

Es ist schon wichtig, im Team zu arbeiten. Jemand, der keine Koalition schließen kann, muss schon recht kräftige Ellenbogen haben, um alleine zurechtzukommen. Im Allgemeinen verspricht es wenig Erfolg.

Wie wir unsere Mitarbeiter behandeln, hängt von der Unternehmensphilosophie ab, von den Vorgaben des Vorstandes und des Betriebsrates. Dazu braucht man Manager, die eine entsprechende Einstellung zum Menschen haben, nicht nur zu Finanzergebnissen. Letztlich muss aber in unserer Gesellschaft beides beachtet werden, das finanzielle Ergebnis und die Interessen der Mitarbeiter.

Wenn es dann doch mal meine Krise gibt?

Die gibt es natürlich immer. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Alle unsere Mitarbeiter und Manager kommen irgendwann an ihre Grenzen. Deswegen verzichten wir nicht auf Coaching-Maßnahmen während des Berufslebens, gerade im Gesundheitsbereich bieten wir viele Maßnahmen, wie z. B. einen Check-up an.

Wichtig ist uns, dass wir nicht nur stromlinienförmige Karrieren produzieren. Vielmehr wünsche ich mir Stabilität in der Beziehungsfähigkeit und Belastbarkeit unserer Arbeitskollegen.

Wie begegnen sie Menschen mit hoher Leistungsbereitschaft?

Das geht eine ganze Weile gut, auf hohem Niveau Leistung zu bringen. Solange diese Performance intrinsisch motiviert ist, nicht verkrampft oder stressig daherkommt. Die meisten ändern ihr Karrierestreben erst nach vielen Bauchschmerzen. Ich spreche gerne von einem Dreieck aus Arbeit, Familie und Gesundheit. Alle drei Poole müssen im Gleichgewicht sein.

Vom Kindergarten bis zum Konzern. Was raten Sie Ihren vier Kindern?

Am Wichtigsten ist mir, dass Sie sich als Persönlichkeit entwickeln. Eine feste Basis haben, wissen, wer man ist, woher man kommt und wohin man geht. Damit kann man sich dann überall bewerben.

Coachings kann man zusätzlich machen. Aber wirklich weiter kommt man nur, wenn man persönlich ausgeglichen ist. Erst im Nachhinein eine Work-Life-Balance zu konstruieren, kann ich nicht empfehlen.

Der Mensch verändert seinen Charakter nicht zwischen privaten und beruflichen Alltag. Vieles spielt da ineinander. Wenn man häufig auch mal länger im Büro sitzt, sollte Arbeit Spaß machen. Das setzt voraus, dass Manager und Mitarbeiter ihre Persönlichkeit so leben wie sie ist.

Verbiegen für das Vorankommen im Lebenslauf verhindert dies vielleicht. Da sind ein paar Tage Besinnung auf das Wesentliche schon sehr sinnvoll.

Assessement-Center bis Personalentwicklung, stellen Sie da einen Trend fest?

Man sollte so viel in Ausbildung in sich investieren, wie möglich ist. Das kann auch das mehrmonatige Praktikum in Übersee sein. Man sollte sich nur bewusst machen, dass man allein davon nicht die Persönlichkeit entwickeln kann. Karrierestreben (nach der Jobsuche) ersetzt niemals einen stabilen Freundeskreis, einen Glauben, eine Überzeugung, persönliche Ziele.

Eine feste Basis im Berufsleben ist aber stets der Wunsch nach Wertschätzung der eigenen Person, die oft mit der Arbeit zu tun hat. Selbst wenn man als Vorstandsvorsitzender ausscheidet, ist man auch danach wieder ein normaler Mensch. Spätestens dann braucht man auch eine andere Basis.

Wo haben Sie die Kompetenzen gelernt, mit denen sie Karriere gemacht haben?

In technischen Bereichen müssen unsere Ingenieure natürlich technisches Spezialwissen mitbringen. In meinem Management-Bereich ist aber Menschenkenntnis das A und O, damit das Unternehmen erfolgreich ist.

In meiner Position braucht man einfach die Liebe zum Menschen, ein positives Menschenbild. Aber das sollte jede Führungskraft eigentlich haben. Bei mir rührt das vom christlichen Menschenbild.

Wie vermitteln sie eine Balance zwischen Leistungsanspruch und Wertschätzung?

Manager bekommen bei uns eine leistungsgerechte Vergütung, geplant ist das aber auch auf Mitarbeiterebene. Ich habe schon Mitarbeitern gesagt, sie könnten noch „eine Schippe drauflegen“. Aber es gibt immer mehr Mitarbeiter, die darauf achten sollten, ob sie diese Leistung auch auf Dauer bringen können.

In diesem Fall empfehle ich dann, auch mal eher Feierabend zu machen, weniger Überstunden zu machen, sich mental auch mal von seiner Arbeit verabschieden können.

Wie würde der perfekte Lebenslauf bei Ihnen auf dem Papier aussehen?

Gute Noten aus der Schulzeit, gespickt mit Auslandseinsätzen und Praktika. Das ist nach wie vor gewollt. Aber auch ergänzt durch Engagement. Darüber hinaus: Haben wir auch eine Persönlichkeit, die wir da einstellen? Einen angenehmen Typus, mit dem man gerne zusammenarbeitet?

Das kann man besonders am sozialen Engagement festmachen. Wer sich ehrenamtlich für andere Menschen einsetzt, kann das bei der Kirche, auch bei der Feuerwehr, dem THW oder Fußballverein tun. Die Motivation dahinter ist mir wichtig, irgendetwas Gutes zu tun statt auch hier aufs Perfektionieren des Lebenslaufs zu achten.

Welchen Stellenwert hat Karriere in Ihrem Leben?

Mache ich meinen Selbstwert von der eigenen Leistung und der Karriere abhängig, habe ich spätestens in Krisen ein Problem. Weil ich einen anderen Halt habe als die Karriere, kann ich als Manager und Mitarbeiter auch Niederlagen besser wegstecken.

Man braucht den Blick fürs Wesentliche, um nicht ins Bodenlose zu stürzen sondern ein festes Fundament zu haben, auf dem man steht. Coaching kann das unterstützen, niemals alleine schaffen.

Sichtweise! Jan Thomas Otte ist neugierig, wie viele Personaler so denken wie Jan Wurps. Persönlichkeit, schön und gut. Noten werden wohl weiter über „grow or go“ entscheiden…

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

13 Kommentare

  1. Sehr interessantes Interview und beruhigend zu erfahren, dass es in Vorstandsetagen nicht nur um Zeugnis und Karriere geht. Um Menschen zu führen reicht es eben nicht aus, sein Ich von Kindesbeinen an perfekt zu coachen, sondern Menschlichkeit ist auch ein wichtiger Faktor. Wäre schön, wenn das in allen Führungsetagen zur Prämisse wird.

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