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Wenn es draußen kalt und ungemütlich wird, kuschelt man sich zuhause ein. Manche haben ihren Partner verloren. Google listet bereits rund 300.000 Einträge zu Trauercafés. Wir haben eins besucht…

Ob Kirchen, Kommunen oder freie Träger. In der Republik gibt es zunehmend Angebote, die unverbindlich sein wollen. Dennoch finden sie ein gemischtes Publikum, ganz ohne Kuschelklub.

Teelichter flackern, einige Kürbisse zieren die Fensterbank. Es ist still in den Räumen der Villa mitten in Konstanz. Jeden Donnerstag um 19.30 Uhr treffen sich hier Hinterbliebene zum Trauercafé. Auch an Feiertagen wie Weihnachten oder Silvester steht die Tür Trauernden offen.

Trauercafés wie in Konstanz gibt es nicht nur in Südbaden sondern in ganz Deutschland. Organisiert von Kirchen, Kommunen oder Vereinen. In der Villa beginnt der Abend z.B. mit einer Geschichte von Dietrich Bonhoeffer. Manchmal ergibt sich gleich ein längeres Gespräch: „Aber nur wer will, man muss nicht reden“, sagt Elke Hutzenlaub.

Sie organisiert im zehnten Jahr mit einigen Ehrenamtlichen vom Hospizverein das „Offene Haus für Trauernde“. Zwei Drittel der Trauernden an den Donnerstagabenden sind Männer. Nicht Frauen, wie man vielleicht dachte.

Für Trauernde sei es wichtig, mit anderen Menschen zusammen zu kommen, sagt Petra Hinderer, die als Psychologin dieses und andere Projekte begleitet. „Trauer macht Angst, wenn sie nicht gelebt wird. Vielleicht sogar krank“. Wichtig sei jedoch, dass diese Treffen ohne weitere Verpflichtungen stattfinden, anders als das in Vereinen oder Selbsthilfegruppen häufig der Fall sei.

Es gibt Kekse statt Kuchen

Kaffee und Kuchen gibt es im Offenen Haus für Trauernde in Konstanz nicht. Man wolle keine Klischees von Kuschelklub oder Kaffeklatsch bedienen, heißt es. „Wir wollen Abhängigkeiten nicht verstärken, keine Psychotherapie oder Seelsorge ersetzen“, sagt Teamleiterin Hutzenlaub.

Sie ist fest davon überzeugt, dass der Mensch an sich bereits ganz gut mit der Trauer umgehen kann. Zwar kämen die Hälfte der Besucher wieder vorbei, aber „nach einem Jahr verabschieden sich die meisten“, sagt sie. Das ist der wichtigste Unterschied in ihrem Konzept zu anderen, verbindlicheren Angeboten. Und gelte für den 21jährigen Studenten ebenso wie für den Rentner, der zuvor 65 Jahre mit seiner Frau verheiratet war.

Nach dem Verlust eines geliebten Menschen sei es für Trauernde nicht einfach, wieder in den Alltag zu finden, weiß Hutzenlaub. „Die eigene Schwäche akzeptieren, wieder einen strukturierten Tagesablauf finden“, darum ginge es vor allem. Besonders Arbeitskollegen würden erwarten, dass die trauernde Person bald wieder „funktioniert“.

„Zeit heilt keine Wunden“

Gut gemeinte Sprüche wie „Du findest eine andere“ oder „Zeit heilt alle Wunden“ kämen in der Runde häufig zu Wort. Doch sie helfen selten: „Auch Ratschläge sind irgendwie Schläge“, erklärt Hutzenlaub lakonisch.

Die Trauerbegleiterin weiß, wovon sie spricht. Sie war 45 Jahre alt, ihre Karriere als Chemotechnikerin lief gut, die drei Kinder waren fast aus dem Haus. Von einem auf den anderen Tag änderte sich ihr Alltag. Der Ehemann starb auf dem Fußballplatz, völlig unerwartet. Sie habe sich lange Zeit gefühlt wie eine „Schüssel mit Sprung“. So wie bei vielen Trauerfällen üblich, sagt Hutzenlaub.

„Das ist oft sehr persönlich“

„Die internationale Trauerforschung der vergangenen 40 Jahre, vor allem die US-amerikanische, ist von uns fast vollständig ignoriert worden“, bemängelt Hanne Oesterle. Sie arbeitet als Familientherapeutin in Freiburg und hat Trauercafés in Deutschland mit zu einem Trend verholfen.

Sie berät Akademien, Kliniken oder Kirchengemeinden, die weitere Trauercafés gründen wollen. Dabei ist ihr aufgefallen: „In Deutschland hängt man noch an der Lehre von Sigmund Freud. Von wegen, man müsse nur loslassen. Trauer aber bedeutet mehr als diese Pauschale“, sagt die 66Jährige. Sie berät Hinterbliebene in ihrer Praxis auch professionell.

Ob innere Verzweiflung oder Wutschreie. Das Hadern mit Gott, der Welt und dem Glauben an sich selbst wäre bei vielen Klienten ein Thema: „Jeder Mensch findet seine eigene Spiritualität. Das ist oft sehr persönlich“.

In manchem Trauercafé begegnet Oesterle dann aber diese Frage: „Ich war ein guter Mensch. Warum hat mich Gott so arg geprüft?“ Das Gebäude eines guten Gottes würde so auf die Probe gestellt. Fast wie bei Hiobsbotschaften in der Bibel. Der Therapeutin hilft diese Geschichte Hiobs, um mit Trauer besser umzugehen.

Urte Bejick arbeitet beim Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche in Baden. Die Referentin lobt die neuen „niederschwelligen Angebote für Distanzierte“, die keine Selbsthilfegruppe besuchen wollen. In Trauercafés sieht die Seelsorgerin eine sinnvolle „Ergänzung zur bisherigen Trauerbegleitung in Hospizen“.

Vor allem für Jugendliche aber seien virtuelle Trauertreffs im Internet wichtig: „Sie trauen sich oft nicht, im echten Leben Unterstützung zu suchen“.

Kein Platz für Dogmen wie dem „Fegefeuer“

Theologische Dogmen wie die vom Fegefeuer haben in einem Trauercafé keinen Platz. Hanna Oesterles persönliche Kraftquelle ist ein Spaziergang zwischen efeuumrankten Grabsteinen auf dem Alten Friedhof Freiburgs. Was passiert mit dem gestorbenen Menschen?

Die Meinungen gehen da weit auseinander: Nur ein Drittel der Deutschen glaubt an ein Leben nach dem Tod. Damit verbunden ist sind religiöse Themen: Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und Hoffnung auf ein ewiges Leben. Die im Auftrag der Apotheken-Umschau ermittelte Umfrage bestätigt diese Zahl auch für den Glauben ans Paradies, die Wiedergeburt oder die Hölle.

Für 65 Prozent sei mit dem eigenen Tod alles vorbei, ermittelt die Gesellschaft für Konsumforschung über die „Verbreitung christlicher Vorstellungen“. Hanne Oesterle erscheint dieses Ergebnis widersprüchlich: „Die Hälfte der Deutschen glaubt ja fest daran, bereits verstorbene Angehörige später im Himmel wiederzusehen“, sagt sie.

Dieses feste Vertrauen auf neue Begegnungen erlebe sie auch in den von ihr veranstalteten Trauercafés immer wieder. In irgendeiner Form glaube fast jeder an Gott. Allerdings betont sie dabei das Bild eines liebenden, nicht eines zornigen Gottes: „Das ist mir unheimlich wichtig“, sagt die 66jährige über Trost. Er soll auch bleiben.

Über den Autor: Jan Thomas Otte seine Trauer-Erfahrungen beschränken sich, Gott sei Dank, erst auf die Theorie. An der Universität in Heidelberg besuchte er einen Seelsorge-Kurs. Praktisch wird es noch werden…

Artikelbild: Ysbrand Cosijn/ Shutterstock

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Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

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