Ob der Skandal um die Copy-Paste-Dissertation des „Lügenbaron“ Guttenberg, das Juden-Genom-Migranten-Buch Sarrazins oder jetzt eben der „Absahner“, Ex-Bundespräsident Christian Wulff. Manche Persönlichkeiten schaffen es, trotz medialem Shitstorm zu überleben. Andere gehen unter. Warum eigentlich? Professor Hans Mathias Kepplinger klärt uns auf…

[dropcap]A[/dropcap]nfang der Fünfzigerjahre gab es in der alten Bundesrepublik pro Jahr etwa zwei bis drei politische Skandale mit bundesweiter Beachtung. Dies blieb so bis Mitte der Siebzigerjahre, als die Zahl dieser Skandale zunächst langsam und dann schneller zunahm und bis 1993 auf etwa zehn pro Jahr stieg.

Bis 2005 hat die Zahl der politischen Skandale auf schätzungsweise 20 bis 25 pro Jahr erheblich zugenommen und dürfte seitdem weiter gestiegen sein. Diese Entwicklung hat zahlreiche Gründe, vor allem die Veränderung des journalistischen Selbstverständnisses seit den Siebzigerjahren, die wachsende Konkurrenz zwischen der Presse und dem Fernsehen sowie einzelnen Presseorganen seit den Achtzigerjahren.

Verstärkt wird der Prozess in jüngerer Zeit von der zunehmenden Bedeutung des Internets als Quelle der Anprangerung von Missständen durch Hobby-Journalisten sowie als Ort der Koorientierung der Journalisten der traditionellen Medien.

Mehr Skandale, immer mehr Berichte

Möglicherweise hat die Zahl der Missstände in der Politik zugenommen, und dadurch hat sich auch die Zahl der Skandale vergrößert. Dafür gibt es allerdings keine unabhängigen Belege, etwa Gerichtsakten und ähnliche Unterlagen. Besser beurteilen kann man den Einfluss der berichteten Realität auf die Art ihrer Darstellung anhand von Umweltskandalen.

Die Zahl der Umweltskandale nahm in Deutschland seit den Siebziger- und Achtzigerjahren erheblich zu. Für diesen Bereich kann man ausschließen, dass die wachsende Zahl der Skandale eine Folge der Vergrößerung der Missstände war:

Die Zahl der Umweltskandale nahm in dem Maße zu, in dem die schweren Umweltschäden abnahmen. Dies betrifft u. a. die Belastung der Gewässer und der Luft und gilt in ähnlicher Weise – trotz Tschernobyl – für die radioaktiven Niederschläge und die kerntechnisch relevanten Störfälle in Kernkraftwerken.

Ähnliches kann man für die wachsende Zahl von Lebensmittelskandalen vermuten, weil die Qualität der Lebensmittel heute erheblich engmaschiger und genauer kontrolliert wird und sie deshalb heute vermutlich deutlich weniger Mängel aufweisen als früher.

Karriere-Machen schafft Gewinner und Verlierer

Die Auswirkungen von politischen Skandalen auf die Karriere von Politikern sind im Unterschied zu ihren Ursachen durch eine umfassende Untersuchung von Thomas Geiger und Alexander Steinbach gut bekannt. Sie haben die Folgen der Skandalisierung von Politikern anhand von 108 politischen Skandalen im Zeitraum von 1949 bis 1993 im Detail recherchiert.

Von den skandalisierten Politikern verloren durch den Skandal ihr Amt. Von diesen 51 schieden 28 aus der Politik aus. Nur sieben nahmen irgendwann wieder ein politisches Amt ein, das im Rang ihrer ursprünglichen Tätigkeit entsprach. Die tatsächliche Schwere der Verfehlungen lässt sich über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren nicht mehr in allen Fällen eindeutig ermitteln.

Dagegen kann man relativ gut feststellen, ob die Medien das Verhalten der Politiker als leichte oder schwere Verfehlung charakterisierten. Von den Politikern, denen schwere Verfehlungen vorgeworfen wurden, verloren zwei Drittel ihr Amt. Von jenen, denen leichtere Verfehlungen angekreidet wurden, war es ein Drittel.

(K)eine Chance für die Skandalisierten

Zwischen der Schwere der Verfehlungen, die den Politikern in den Medien vorgeworfen wurden, und ihren Chancen, einen Skandal im Amt zu überstehen, besteht demnach ein Zusammenhang. Eine ganz andere Frage ist, ob das Ausmaß der Vorwürfe immer dem Ausmaß der Fehler und Verfehlungen entsprach.

Das erscheint aufgrund zahlreicher Gegenbeispiele auch aus jüngerer Zeit (Jenninger, Seiters, Härtel, Özdemir, Gysi, Oettinger, Strauss-Kahn, von Boetticher) eher unwahrscheinlich.

Einen maßgeblichen Einfluss auf die Chancen der Skandalisierten, den Skandal im Amt zu überstehen, hat ihre Verteidigungsstrategie. Dabei kann man drei generelle Strategien unterscheiden – Schuldbekenntnisse, Selbstrechtfertigungen und Dementis.

Fast die Hälfte der von 1949 bis 1993 skandalisierten Politiker, deren Reaktionen ermittelt werden konnten, rechtfertigte ihr Verhalten. Jeweils etwa ein Viertel dementierte die Vorwürfe oder bekannte sich zu ihnen. Die Reaktionen hatten einen bemerkenswerten Einfluss auf den Ausgang des Skandals.

„Selbsteinsicht ist…

Am erfolgreichsten waren Politiker, die ihr Verhalten rechtfertigten, indem sie besondere Umstände hervorhoben, alternative Erklärungen für ihr Verhalten anboten oder auf übergeordnete Ziele verwiesen – also ein alternatives Schema zur Interpretation ihres Verhaltens präsentierten.

Von den Politikern, die so reagierten, behielten zwei Drittel ihr Amt. Ein Beispiel für die Erfolgschancen dieser Strategie ist Manfred Stolpe, der – kaum drohte ein neuer Vorwurf – schon eine Interpretation anbot, die ihn meist als Opfer der Umstände erscheinen ließ.

Er präsentierte sich glaubhaft als selbstloser Anwalt von ausreisewilligen DDR-Bürgern, lieferte akzeptable Erklärungen für eine hohe Auszeichnung durch die DDR und benannte im Zweifelsfall einen Zeugen, der nicht mehr aussagen konnte, weil er tot war.

… der erste Schritt zur Besserung“

Ein weiteres Beispiel sind die Erklärungen, mit denen Joschka Fischer sein Verhalten als politisch motivierter Schläger rechtfertigte, nachdem er 2001 zweifelsfrei auf einer schon lange bekannten Fotografie identifiziert worden war.

Er bekannte sich zu dem, was nicht mehr zu leugnen war, stellte sein Verhalten als Gegengewalt dar und präsentierte sich als Moderator der Szene, der Schlimmeres verhindert hat. Eine unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Strategie besteht allerdings darin, dass sie von relevanten Journalisten für glaubhaft gehalten, aufgegriffen und u. U. sogar ausgebaut wird – wie im Falle Fischers, dessen Verhalten von einigen Journalisten kontrafaktisch als generationstypisch dargestellt wurde.

Politiker, die von 1949 bis 1993 skandalisiert worden waren und die Vorwürfe dementiert hatten, waren weniger erfolgreich als jene, die für ihre Verhaltensweisen alternative Erklärungen anboten. Von ihnen behielt statt zwei Dritteln nur knapp die Hälfte ihr Amt.

Hierfür gibt es vor allem zwei Gründe. Zum einen sind reine Dementis ohne ergänzende Interpretationen des eigenen Verhaltens auch dann oft unglaubwürdig, wenn sie richtig sind. Zum anderen besteht die Gefahr, dass neue Erkenntnisse ein Dementi zu Recht oder zu Unrecht widerlegen.

Verplappert: Zitate ohne Kontext

Beispiele hierfür sind die Dementis von Ministerpräsident Filbinger zu seiner Rolle als Marinerichter im Dritten Reich und die Äußerungen von Minister zu Guttenberg zu den Plagiaten in seiner Doktorarbeit. Ein Beispiel besonderer Art ist das Dementi von Ministerpräsident Oettinger nach der Kritik an seiner Trauerrede anlässlich der Beerdigung von Filbinger.

Das, was Oettinger tatsächlich gesagt hatte – Filbinger sei ein „Gegner des Nationalsozialismus“ gewesen – lässt sich glaubhaft belegen, nicht aber das, was er angeblich gesagt hatte. In einer ähnlichen Lage war Köhler nach der Kritik an seinem falsch dargestellten Hörfunkinterview. Zwar behielt Oettinger sein Amt, er war danach jedoch so geschwächt, dass sein Ausscheiden nur noch eine Frage der Zeit war.

Den geringsten Erfolg hatten Politiker, die sich sofort oder später zu den Vorwürfen bekannten. Von ihnen behielt nur ein Drittel ihr Amt. Der Amtsverlust von Politikern, die sich zu den Vorwürfen bekannten, erscheint sachlich folgerichtig.

Das trifft jedoch nur dann zu, wenn man annimmt, dass die Vorwürfe voll und ganz der Wahrheit entsprechen. Diese Annahme ist jedoch zuweilen falsch, wie die Rücktritte von Innenminister Seiters als Folge der Skandalisierung des Einsatzes der GSG 9 in Bad Kleinen und von Bundestagspräsident Jenninger als Folge seiner missglückten Gedenktagsrede zeigen.

Schuldig oder nicht?

Schuldbekenntnisse werden im Skandal zwar heftig gefordert, jedoch meist nicht honoriert. Die statistischen Zusammenhänge zwischen der Strategie der Skandalisierten und dem Verlauf der Skandale muss man mit Vorsicht betrachten, weil man vermuten kann, dass die Vorwürfe gegen Politiker, die sich zu ihnen bekannten, substanzieller waren als die Vorwürfe gegen jene, die sich rechtfertigten.

Der Amtsverlust wäre im erstenFall zwingender als im zweiten. Zudem dürfte die Sachlage häufig eine bestimmte Verteidigungsstrategie nahelegen. Von einer freien Wahl der Reaktionsweisen kann dann keine Rede sein. Dennoch deuten die unterschiedlichen Erfolgsquoten der Strategien darauf hin, dass sich sofortige oder spätere Bekenntnisse nicht auszahlen.

Wer die freie Wahl hat und hofft, durch Bekenntnisse zu gewinnen, hat vermutlich schon verloren. Wer sich rechtfertigt und erwarten kann, dass seine Rechtfertigung den Medien glaubhaft erscheint, hat dagegen eine realistische Chance. Der entscheidende Grund dafür liegt erneut in der Natur des Skandals: Wer seine Schuld bekennt, bestätigt die Sichtweise
der Skandalisierer, wer sich rechtfertigt, stellt sie infrage. Je besser dies gelingt, desto besser sind die Chancen der Skandalisierten.

Freunde im Feindesland

Einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf politischer Skandale hat das Verhalten der Parteifreunde bzw. das Ausmaß der innerparteilichen Konflikte. Ist die parteiinterne Kritik groß, sind die Chancen der Skandalisierten schlecht. Ist die parteiinterne Kritik gering, sind die Aussichten gut: Von den Politikern, deren Verhalten wenig parteiinterne Kritik hervorrief, behielten nahezu zwei Drittel ihr Amt.

Von den Politikern, deren Verhalten aus dem eigenen Lager stark kritisiert wurde, war es dagegen nur ein Fünftel. Zwar wird man einschränkend feststellen müssen, dass sowohl die Bereitschaft zur Kritik als auch die Wahrscheinlichkeit des Amtsverlustes von der Art des skandalisierten Fehlverhaltens abhängen.

Deshalb besteht zwischen beiden Aspekten notwendigerweise ein Zusammenhang. Daneben spielen jedoch auch die Geschlossenheit einer Partei sowie die Eigeninteressen ihrer Mitglieder eine wesentliche Rolle. Ein Beispiel hierfür ist der zunächst mehrfach gescheiterte und dann erfolgreiche Versuch zur Skandalisierung der Parteifinanzen der CDU.

 ‚Helden und Schurken‘

„Entscheidend“ für den späteren Erfolg, so Georg Mascolo vom Spiegel, war „der Umstand, dass jetzt die CDU-Spitze bereit war, das Theaterstück ‚Helden und Schurken‘ aufzuführen und auch das Ritual des Abschieds von ihrem Paten öffentlich zu zelebrieren“.5 Auch die sofortigen und verzögerten Erfolge der Skandalisierungen von Boettichers und Oettingers dürften ähnliche Ursachen gehabt haben, weil sie im Unterschied zur Skandalisierung von zu Guttenberg aufgrund der reinen Sachlage nicht zwingend erschienen.

Im Fahrstuhl nach oben… und nach unten. So beschreiben es die Redakteure der BILD-Zeitung. Professor Kepplinger klärt auf…

Einen großen Einfluss auf den Verlauf von Skandalen hat schließlich die Qualität der skandalisierten Organisationen. Die angegriffenen Parteien, Unternehmen oder Verbände sind zuweilen über ihre eigene Tätigkeit unzureichend informiert.

Sie schätzen die Angriffe auf ihre Verhaltensweisen falsch ein, und es fehlt ihnen an der notwendigen Gelassenheit für situationsgerechte Entscheidungen. Beispiele
hierfür liefern die Reaktionen der katholischen Kirche auf die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch katholische Priester und Ordensleute, mit denen die Kirche spätestens seit den entsprechenden Vorwürfen in den USA und in Irland rechnen musste.

Trotzdem wurden die Bistümer von den hiesigen Vorwürfen überrascht. Sie verfügten weder über stichhaltige Daten, noch präsentierten sie eine Strategie zum offensiven Umgang mit der Problematik.

Zudem gelang es ihnen nicht, die Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs klar von den Vorwürfen wegen Prügelstrafen abzugrenzen mit der Konsequenz, dass sich beides zum Generalverdacht des Kindesmissbrauchs durch katholische Würdenträger verdichtete.

Sichtweise! Professor Hans Mathias Kepplinger gilt als einer der führenden Medienwissenschaftler Deutschlands. Ist einer der Wegbereiter der „Mainzer Schule“, welche die Wirkung von Medien untersucht. Unter anderem in seinem neuen Buch, dass sie hier kaufen können…

Artikelbild: © Bernd Schwabe in Hannover/ CC BY-SA 3.0

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4 Kommentare

  1. […] Zahlreiche Untersuchungen haben die beeindruckenden Auswirkungen nachgewiesen: Gesundheit, Arbeitszufriedenheit, Engagement und Servicequalität, Einzelleistung und Teamleistung verbessern sich. Die Produktivität steigt und – für die Zukunft der Unternehmen besonders wichtig – die Verbundenheit mit dem Unternehmen wächst. „Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Führungskräfte selbst den bewussten Umgang mit psychologischem Kapital vorleben“, so die Psychologin: „Dadurch stärken sie die Mitarbeiter und sind zugleich Vorbild.“ […]

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