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Die Zeiten, in denen man mit demselben Job in Rente gegangen ist, sind spätestens mit der „Generation Y“ vorbei. So auch bei Guido Cortesi im Schweizer Kanton Graubünden. Früher arbeitete er als Fliesenleger, dann als Ofenbauer, heute als Zugchef einer Weltkulturerbe-Bahn…

19 Kilometer Normalspur gibt es hier. Die restlichen 384 Kilometer Gleise sind nur einen Meter breit. Das Land wirkt im Vorbeifahren wie eine riesige Modelleisenbahnplatte, der Fahrgast wird zur Miniaturfigur oder fühlt sich wie im Kinofilm.

Mit 70 Promille Steigung gehört die Albulalinie zu den steilsten Bahnstrecken weltweit. Nur in Frankreich gibt es noch etwas Steileres. Mit 50 Kilometern pro Stunde fährt die Bahn von Chur in Richtung Tirano, von Gletschern zu Palmen, hinter dem Berninapass nach Italien.

„Langsamster Schnellzug der Welt“

Nach 3,5 Stunden und 1500 überwundenen Höhenmetern ist man da. Endlich könnte man denken. Doch weit gefehlt. Als „langsamster Schnellzug der Welt“ beschrieben, ist hier der Weg das Ziel…

Guido Cortesi ist 43 Jahre alt. 20 Jahre arbeitete er als Ofenbauer und Fliesenleger, dann entschied er sich für einen neuen, dritten Beruf: Zugchef. Der bietet ihm einige Vorteile: weniger körperlich anstrengende Arbeit, mehr Abwechslung als Dienstleister auf der UNESCO-Strecke mit Amerikanern, Japanern und Deutschen. „Sie sind mein Gast“, sagt Cortesi.

Hinzu kommt, dass seine vorherigen Jobs saisonbedingt liefen. Im Sommer gab es viele Aufträge, Cortesi war kaum zuhause bei seiner Frau mit ihren drei Kindern. Im Winter dagegen genau das Gegenteil. Im letzten Winter fuhr sein neuer Arbeitgeber an 362 Tagen.

Express durch meterhohen Schnee

Die restlichen 3 Tage kapitulierte auch der Schneeflug des Berninaexpress vor meterhohem Neuschnee. Eingeschneite Gäste auf der Alp Grüm, auf 2000 Metern unterhalb des rund 4.000 Meter hohen Piz Bernina-Massivs wurden mit dem Hubdschrauber evakuiert.

Seit 10 Jahren begleitet er nun Fahrgäste von Chur bis Tirano, kontrolliert Fahrkarten und hilft bei kleineren Pannen. Kurz nach seiner Ausbildung blieb ein Zug mal im fünfkilometer langen Albulatunnel stehen. Eine halbe Stunde später kam die Ersatzlok, für Cortesis Passagiere eine gefühlte Ewigkeit.

Er ist einer von denjenigen 20.000 Menschen, die im Kanton noch Räteromanisch sprechen, der vierten Amtssprache in der Schweiz. In der Schule lernte er zunächst Italienisch, später Deutsch.

Konstruktion ohne Gerüste und Computer

1889 wurde die Rhätische Bahn durch einen gebürtigen Holländer gegründet, aus einem Land kommend, wo der Deich, Kirchturm und Mülldeponie die höchsten Erhebungen sind. Computer zum Berechnen der Strecke hatte man nicht, vor allem in den Tunnels eine Herausforderung.

Die Bauherren verrechneten sich nur um wenige Meter. Ebenso baute man die Viadukte ohne Hilfe großer Kräne und Gerüste.

Gian Brüngger ist einer der Bahnfans der ersten Stunde. 45 Jahre arbeitete er bei der RhB. Bereits als Vierjähriger spielte er mit Modelleisenbahnen, sein Vater und Großvater arbeiten ebenfalls bei der Schmalspurbahn. In seinem Beruf kontrollierte der heute 66jährige Weichen in den Bahnhöfen, auf der Strecke gibt es meistens nur eine Spur.

Seine Frau beschwert sich, wenn er länger als zehn Minuten mit Interessierten über die Bahn plaudert. Im Ruhestand angekommen, fällt es ihm schwer, abzuschalten. Daher verbringt er viel Zeit mit dem Fahren in die Hochtäler des Engadins. Und sammelt weitere Eindrücke für das Albulabahn-Museum.

Artikelbild: Halfpoint/ Shutterstock

Hinweis der Redaktion: Dieser Text ist Teil der Serie „Handwerk eines…“. Zum Beispiel auch eines Steinmetz. Mehr finden Sie in der Suche unter „Handwerk„…
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Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

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