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Fehler werden verschwiegen, verharmlost oder vollständig ignoriert. Dabei schaffe sie auch Erfolge. Gerhard Scheucher fordert eine bewusstere Reflexion…

[dropcap]D[/dropcap]ie Märkte werden immer dynamischer und komplexer. Benötigen wir ein Gesetz zur Entschleunigung? Gerhard Scheucher:

Wir brauchen kein Gesetz zur Entschleunigung, sondern vielmehr Disziplin und Möglichkeiten, um sich an eine andere Lebensgeschwindigkeit zu gewöhnen. Das Hauptproblem ist, dass die Bilder, die Menschen in den Köpfen haben, durch ihre Eltern oder Großeltern geprägt sind.

Diese Bilder stimmen mit der heutigen Welt aber nicht mehr überein. Früher hat eine Ausbildung gereicht, um im späteren Berufsleben zu bestehen. In der heutigen Zeit braucht man viele verschiedene Qualifikationen, um beruflich erfolgreich zu sein. Wenn Menschen aus Laufbahnen geschmissen werden oder Biografien abrupt enden, liegt das meist daran, dass die Geschwindigkeit eine so hohe geworden ist, dass die Menschen einfach nicht mehr mitkommen. Mit einem neuen Gesetz werden wir in der Hinsicht aber nicht herbeikommen.

Es gilt ja heute mehr denn je die Maxime „schneller, höher, weiter!“ Doch wie wirken wir dem entgegen?

Indem den Menschen Fertigkeiten und Fähigkeiten vermittelt werden, um das Leben in der heutigen Zeit besser zu meistern. Es hat weniger damit zu tun, was global oder gesamtpolitisch passiert, sondern vielmehr, wie wir mit der schnelleren Lebens-Geschwindigkeit umgehen lernen.

Sie haben gesagt, man solle nicht Wasser predigen und Wein trinken. In Deutschland hatten wir eine Bischöfin, die dies falsch interpretierte. Doch sie stand zu ihren Fehlern…

Wenn ich mir die aktuellen Diskussionen der Kirche insgesamt anschaue, dann hätten einige großen Anlass sofort zurückzutreten. Vielfach geht es heute nach dem Motto: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Fehler werden in unserer Gesellschaft kaum bis gar nicht verziehen. Ein einmaliges Fehlverhalten führt oft schon ins gesellschaftliche Abseits.

Doch Fehler passieren tagtäglich und das größte Problem besteht darin, dass über sie nicht diskutiert wird, sondern dass sofort Konsequenzen eingefordert werden. Und diese Konsequenzen lassen den Moment der Reflexion vollkommen aus. Mit der gestiegenen Lebens-Geschwindigkeit wird auch die Fehlerquote eine immer höhere. Denn der bewusste Umgang mit Fehlern kann verhindern, dass sie sich wiederholen. Was wir brauchen ist eine neue Kultur des Scheiterns.

Welche Fertigkeiten benötigen wir dafür?

In der heutigen Zeit bedarf es vieler neuer, insbesondere sogenannter „extrafunktionaler Fähigkeiten“. Menschen muss gelehrt werden, sich in einer Welt wie dieser, besser orientieren zu können. Das heißt, Fähigkeiten, wie Kommunikation, Offenheit oder soziales Verhalten müssen erlernt und beherrscht werden.

Das findet aber in den Universitäten, Schulen oder anderen Ausbildungsstätten nicht statt. Bei den ersten Bewerbungsgesprächen merken viele junge Leute, dass von dem Gelernten vieles gar nicht gefragt ist.

Sie haben zur Revolution des Scheiterns aufgerufen. Was möchten Sie mit dieser Initiative bewegen?

Ich möchte ganz einfach dazu appellieren, Fehler zu reflektieren und sie als Teil der Persönlichkeit und der eigenen Geschichte zu akzeptieren. Man tut so, als würde es in einer Welt, in der alle schöner, besser und reicher sein wollen, keine Fehler geben. Die Wahrheit ist, dass Menschen immer schneller aus Prozessen herausfallen, erworbene Ausbildungsinhalte nicht mehr gefragt oder Produkte nicht mehr marktfähig sind.

Die Grundlage von Spitzenleistungen besteht darin, Niederlagen einzukalkulieren. Ein Spitzensportler muss enorme mentale Fähigkeiten entwickeln, um festzustellen, dass zwischen Sieg und Niederlage nur Bruchteile von Sekunden liegen. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne probierte rund 9.000 Kohlefäden aus, bevor er denjenigen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. Niederlagen sind etwas selbstverständliches, wofür man sich nicht schämen muss.

Aber Scheitern setzt doch voraus, dass man eklatante Fehler gemacht hat…?

Man kann auch alles richtig gemacht, beziehungsweise alle Voraussetzungen für den Erfolg geschaffen haben, und scheitert dann dennoch am System oder weil einfach das Quäntchen Glück fehlte.

Gibt es verschiedene Arten des Scheiterns?

Nein, es gibt verschiedene Bewertungen des Scheiterns. Ein großer Unterschied liegt etwa in der Beurteilung von Selbständigen und Angestellten: Wenn man als Unternehmer scheitert, ist man der große Verlierer. An gelegentliche Joblosigkeit im Erwerbsleben ist die Gesellschaft allerdings besser gewöhnt. Das ist schon fast normal für gewisse Abschnitte im Leben.

Sind es gesellschaftliche Erwartungen, die uns abhalten, über unser Scheitern zu sprechen?

Ja, es sollte viel hemmungsloser gescheitert werden! Wir müssen uns deshalb bewusst machen, dass Scheitern zum Erfolg gehört und eine kleine Scheiter-Revolution vom Zaun brechen. Der gelassene Umgang mit Unebenheiten im beruflichen Werdegang gehört eindeutig zu den Kompetenzen, die man im 21. Jahrhundert besitzen muss.

Wie können wir denn eine andere Denkweise entwickeln?

Ich rate, Fehler einfach zuzulassen und sie als Teil einer Biografie anzuerkennen. Ein Verschweigen führt dazu, dass Fehlverhalten weiter entwickelt wird. Auf ein Unternehmen übertragen, führt das dazu, dass sich ganze Abteilungen in eine falsche Richtung entwickeln. Mitarbeiter müssen erleben, dass die Reflexion über Fehlverhalten zur Unternehmenskultur gehört, und nicht unmittelbar zu Konsequenzen führt.

Also brauchen wir in Zukunft nicht mehr gute Ideen, sondern gute Fehler?

Wir brauchen beides. Der Weg der guten Ideen ist meist von Fehlern gepflastert. Man darf nicht nach dem ersten Anlauf aufgeben, sondern muss eine zweite, dritte, vierte oder fünfte Chance suchen. Das ist das beste Rezept. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, aber wir sehen meist nur das Endergebnis.

Wir sehen Sportler, wenn sie ganz oben stehen. Wir sehen Nobelpreisträger bei der Preisverleihung. Wir sehen nicht den Weg, der sie dorthin gebracht hat.

Gibt es eine Entscheidung, die Sie bereuen?

Im Grunde genommen gilt für jede Entscheidung, dass man einmal mehr aufstehen muss, als man hinfällt.

Brauchen wir in Unternehmen spezielle Denk-Labore und -Räume, um eine Fehlerkultur zu erzeugen?

Gedankliche Freiräume sind in den F&E-Abteilungen längst Realität. Dort ist es Teil der Unternehmenskultur, dass tagtäglich viele Dinge nicht funktionieren, bis irgendwann der bahnbrechende Erfolg kommt. Wenn die Prinzipien und die Muster also immer dieselben sind, drängt sich die Frage auf, weshalb diese nicht auf andere Unternehmensbereiche übertragen werden.

Durch die Schaffung eines positiven Fehler-Bewusstseins, könnten Mitarbeiter gegenseitig voneinander lernen. Hier gibt es großen Optimierungsbedarf, denn dadurch ließen sich Innovationsprozesse und Entwicklungsphasen erfolgreich verkürzen.

Kann man denn Niederlagen in Erfolg umdrehen?

Ja, mit Ausdauer. Es gibt viele Biografien, aus Musik, Sport, Wissenschaft oder Mode, die zeigen, dass man für den Erfolg einen langen Atem benötigt. Davor standen jedoch viele Niederlagen.

Sie werden als Zyniker und Quälgeist bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Ich bin bekannt dafür, dass ich für Irritationen sorge (lacht). Aber meine mir erarbeitete Freiheit besteht auch darin, dass ich Dinge offen aussprechen darf und nicht auf alles und jeden Rücksicht nehmen muss! Ich bewirke, dass Menschen umdenken, dass Menschen vielleicht von gewohnten Pfaden austreten. Ich möchte sie inspirieren, Fragen neu zu stellen und anders zu bewerten.

Es heißt, Karriere sei eine Gerade. Muss sie künftig eher schräg sein?

Es gibt keine geraden Karrieren. Meist sind diese Laufbahnen ‚zurechtgezimmert‘. Im Normalfall sind große Karrieren von Niederlagen gepflastert. Schattenseiten werden einfach ausgeblendet. Quereinsteiger sind gefragter denn je. Denn wenn ein Vorstand einer Fluggesellschaft ein neues Unternehmen gründet, dann ändert sich nicht viel. Ein Philosoph oder Theologe würde hingegen ein ganz anderes Geschäftsmodell kreieren.

Gibt es eine Erkenntnis, an der Sie besonders gewachsen sind?

Tipps für Gescheiterte

1. Scheitern zum Thema machen. Egal, ob es um große oder kleine Rückschläge geht.
2. Zwei Schritte zurückgehen und sich fragen: Wie konnte es dazu kommen?
3. Feedback von außen einholen, beispielsweise von Freunden oder der Familie.
4. Reflektieren und sich fragen: was kann ich aus meinem Scheitern lernen?
5. Neuen Anlauf starten. Das gewonnene Wissen aus dem ersten Anlauf macht klug.

Sichtweise! Gerhard Scheuchers fragt: Machen Rückschläge den Erfolg erst aus? Kommunikation ist sein Leben, seine Arbeit, seine Leidenschaft. Als Autor, Familienvater, Freund. Seine Startvorteil? „Ich tue, was ich liebe und liebe, was ich tue.“ So einfach ist das, manchmal…

Artikelbild: © Gerhard Scheucher/ Privat

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