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Wie passen Unterhaltung und Stress zusammen? Mit dieser Frage setzt sich Barbara Deml-Groth regelmäßig auseinander – sie arbeitet als Seelsorgerin an der Messe Berlin. Wir haben mit ihr gesprochen…

[dropcap]G[/dropcap]roße Messeereignisse wie IFA, ITB oder Grüne Woche finden hier statt, auf dem Messegelände Berlin, nahe am Funkturm. Da trifft Barbara Deml-Groth Menschen, die mit Stress oder Drucksituationen zu kämpfen haben. Die Seelsorgerin macht hier verschiedene Angebote. Zum Beispiel einen Aufenthalt im Raum der Stille. Doch sie gibt keine Ratschläge. Und nach manchen Gesprächen muss sie selbst zu Seelsorge.

Deml-Groth ging den normalen Ausbildungsweg zur evangelischen Pfarrerin: Ein Theologiestudium – dazu ein Studium der Arbeits- und Organisationspsychologie. Für sie war die Arbeitswelt immer genauso faszinierend wie die Kirche – als Messepfarrerin verbindet sie nun weltliche und geistliche Aspekte. Die Seelsorge ist nur einer ihrer Aufgabenbereiche an der Messe.

Jobprofil Messepfarrerin

Vor einem Monat ging die IFA, eine der weltweit wichtigsten Messen für Unterhaltungselektronik zu Ende. Wenn Sie nun mit etwas Abstand zurückblicken – fällt Ihnen noch ein Gespräch ein, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich erinnere mich noch an den Betreiber eines Catering-Stands, der einen sehr ungünstigen Platz hatte. Die Enttäuschung, dass er da den ganzen Tag stehen musste und nicht das Geschäft machte was er eigentlich machen wollte habe ich nicht vergessen.

Im Gespräch sagte er, dass es ihm immer so gehe, er werde oft benachteiligt und nun sei es schon wieder passiert – da bricht dann plötzlich ganz viel heraus, was über das eigentliche Problem hinausgeht. In Extremsituationen – wie auf einer Messe – wenn Menschen einfach funktionieren müssen, kommen ungeklärte Fragen aus anderen Lebensbereichen auch mit hoch.

Es ist doch eigentlich paradox: Unterhaltung ist ja – ganz plakativ gesagt – eigentlich das Gegenteil von Stress. Warum braucht man auf so einer Messe dennoch eine Seelsorgerin?

Zunächst einmal kann man das rein statistisch sehen: Wo viele Menschen sind, sind automatisch auch immer welche dabei, die ein Problem haben. Dazu kommt, dass eine Messe – gerade wenn sie so groß ist wie die IFA – sowohl für Besucher als auch für die Aussteller eine sehr anstrengende Sache ist.

Unterhaltung kann auch Stress sein

Die Zeit ist begrenzt, das heißt es entsteht ein Druck, dass die Erwartungen, die sie in diese Zeit setzen auch erfüllt werden. Und dieser Druck führt oft dazu, dass Menschen Schwachstellen bei sich spüren, die anderweitig vielleicht nicht zur Oberfläche gekommen wären. Wo für mache ich das eigentlich? Ist es den Stress wert? Dass sind die typischen Fragen die sich die Menschen dann stellen.

Wo liegt der Druck für die Besucher?

Es gibt Fälle, da nehmen sich Besucher vor an einem Tag alles zu sehen um dann nach der vierten Halle zu merken, dass es einfach nicht machbar ist. Dann sind sie frustriert, weil sie das Geld für das Ticket ausgegeben haben und manche von denen kommen dann zu mir. Da muss man dann versuchen, zusammen mit den Betroffenen die Ziele zu korrigieren.

Empfinden Sie Mitleid, wenn solche Fälle zu Ihnen ins Büro kommen?

Nein, kein Mitleid. Ich bemühe mich um Mitgefühl. Das brauchen die Leute als allererstes. Gerade bei Angestellten versuche ich zu zeigen, dass ich die Ambivalenz nachvollziehen kann. Dass es einerseits toll ist so erfolgreich zu sein und auf eine Messe zu gehen, dass ich andererseits aber auch verstehe, dass es Energie und Lebenszeit kostet.

Welcher Typ Mensch ist bei Ihnen häufig zu Gast?

Es kommt der erfolgreiche Manager, der in eine Krise gerät und einen Ort sucht, an dem er eine Auszeit nehmen kann, es kommt aber auch die ganz einfach gestrickte Persönlichkeit, die einfach nur über die Messe schlendern will und merkt, dass sie ganz einsam ist und auch einsam bleibt – gerade wegen der vielen Menschen, die einen auf einer Messe umgeben.

Der Druck ist hoch, der Terminplan voll und die Zeitfenster zum Durchatmen sehr eng – wer zu Ihnen kommt bringt ja wahrscheinlich nicht viel Zeit mit. Wie gehen Sie diese High-Speed Seelsorge an?

Methodisch gibt es das Kurzgespräch, auch „Gespräch zwischen Tür und Angel“ genannt. Dieser Ansatz zielt nicht darauf ab alle Probleme zu lösen sondern in sehr kurzer Zeit in eine richtige Richtung zu gehen.

Dem Menschen quasi einen Anstoß zur Lösung der Probleme zu geben. Mein Menschenbild sagt, dass mein Gegenüber die Lösungen eigentlich schon parat hat, ich helfe ihm nur dabei sie zu finden – ich selbst löse keine Probleme.

Klingt so als würden sie mehr zuhören als selbst Initiative ergreifen…

So ist es. Manchmal spiegele ich auch das wieder, was die Leute erzählen. Wenn ich erkenne, dass es einen Lösungsansatz gibt, hake ich nochmal nach und versuche ihn oder sie auf die richtige Spur zu führen. Ich halte mich aber immer an die Beraterweisheit „Ratschläge sind auch Schläge“ – auf keinen Fall konkrete Vorschläge machen.

Scheitern, immer noch ein Tabu?

Warum öffnen sich Menschen gegenüber einer völlig fremden Person?

Das ist der selbe Effekt wie bei der Telefonseelsorge. Die Menschen kennen mich nicht und wissen, dass sie mich nie wieder sehen, mich auch nicht beim Einkaufen treffen, sie sagen mir auch nicht ihren Namen. In dieser Anonymität liegt auch ein gewisser Schutz. Vorausgesetzt, die Chemie stimmt. Meistens wird in kürzester Zeit klar ob wir ins Gespräch kommen.

Das heißt sie scheitern auch?

Klar! Ich habe vor kurzem ein Gespräch mit einer Frau beendet, die einfach nur eine Bestätigung ihrer Sichtweise auf ihr Leben wollte. Alles was darüber hinausging hat sie abgelehnt, sie wollte darin stecken bleiben. In so einem Fall rede ich nicht stundenlang auf jemanden ein.

Wie merken Sie, dass ein Gespräch gut verlief und Sie jemandem helfen konnten?

Die Menschen sagen oft selbst, dass ihnen das Gespräch gut getan hat, aber ich glaube es auch an der Körpersprache ablesen zu können, wenn jemand zum Beispiel im Verlauf des Gesprächs wieder mehr Blickkontakt suchen kann, wenn eine Person anschließend aufrechter geht als zuvor oder weniger zum Boden und mehr nach vorne schaut. Diese Zeichen kann dann als positives Ergebnis des Gesprächs deuten.

Sind Sie als Seelsorgerin und Psychologin immun gegen Frust?

Nein. Als Beispiel: Wenn Jugendliche an meinem Büro und am Raum der Stille vorbeilaufen, darüber lachen uns sich abfällig äußern macht mich das traurig, weil ich es schade finde, dass ich nicht einmal die Chance bekomme den Sinn dieser Institution zu erklären. Auch wenn ich in eine bestimmte Schublade gesteckt werde und man mir quasi vorwirft ich wolle hier die Leute bekehren ist das wirklich frustrierend.

Das heißt man muss nicht an Gott glauben um mit Ihnen, als evangelische Pfarerrin, ins Gespräch zu kommen?

Oft kommen Leute und sagen gleich zu Beginn, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind und nicht an Gott glauben. Das hält uns aber nicht davon ab ein Gespräch zu beginnen und gerade bei diesen Fällen kommt man ab und zu wieder genau an diesen Punkt.

Die Frage nach Gott und vor allem die Frage nach dem eigenen Schicksal taucht in jedem Gespräch irgendwann auf. Wenn jemand signalisiert, dass er an Gott glaubt und religiös interessiert ist mache ich auch andere Angebote.

Zum Beispiel?

Ich arbeite dann beispielsweise mit Psalmen, sofern die Menschen mit biblischer Sprache etwas anfangen können: „Mir steht das Wasser bis zum Hals,“ oder „ich habe mich müde geschrien,“ – solche Sätze können in Extremsituationen die Gefühlswelt eines Menschen ganz gut ausdrücken. Bei Interesse bete ich auch mit den Menschen, ich würde aber niemals jemandem dieses Angebot machen, wenn ich weiß dass er nicht an Gott glaubt.

Ist Seelsorge eine Aussterbende Praxis? Psychologische Hilfe und anonymen Kontakt kann man ja auch leicht aus dem Netz bekommen…

Ich habe den Eindruck, dass die persönliche Kommunikation eher wieder zunimmt. Das Bedürfnis nach Kontakt zu anderen ist ja durch Facebook und andere Soziale Netzwerke mittlerweile gut abgedeckt, aber die Kommunikation bei der man sich in die Augen schaut wird wieder verstärkt gesucht, diesen Eindruck habe zumindest ich.

„the show must go on“

Es kommen deutlich mehr Menschen zu mir als noch vor 5 Jahren, immer mehr Leute lassen sich auf meine Beratung ein. Vor allem bei den jungen Menschen habe ich das Gefühl, dass sie ein persönliches Gespräch wieder viel mehr zu schätzen wissen.

Vielleicht auch weil viel zu wenige Arbeitgeber bereit sind Probleme ihrer Angestellten zu akzeptieren oder zumindest anzuhören?

Ich glaube dass Schwächen und Probleme noch immer ein Tabu-Thema sind. Das Motto bei den meisten Unternehmen ist „the show must go on“. Speziell auf einer Messe sieht man ganz viel Glanz und schöne Menschen – es wird nur Funktionierendes präsentiert – gerade weil die Konkurrenz direkt am Stand nebenan steht.

Dabei stellt sich mir die Frage ob das wirklich immer so gut funktioniert oder ob ein Teil dieser Menschen einfach – überspitzt formuliert – schlecht bezahlte Models sind. Eine Arbeitskultur in der auch Schwächen zugelassen sind wäre sowohl für Arbeitgeber als auch für die Arbeitnehmer gesünder.

Das kann man aber nicht extern erreichen, da muss jedes Unternehmen selbst anfangen. Man braucht eigentlich viel mehr Kommunikationsräume abseits der normalen, hierarchischen Kommunikation.

Sichtweise! David Seitz erlebte es auch als Reporter, was es heißt, auf der IFA unter Stress zu stehen. Durch Zufall fand er das Büro der Seelsorgerin und merkte, dass es vielen anderen genauso geht…

Artikelbild: © David Seitz

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David Seitz hat in Freiburg Anglistik studiert. Er arbeitet als freier Mitarbeiter für die Badische Zeitung und andere journalistische Formate. Durch seine Mitarbeit bei UniTV und Uniradio spezialisiert sich David auf unsere crossmediale Berichterstattung...

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