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Wer wünscht sich das nicht, Freund und Freundin, ein Leben lang? Auch im Erwachsensein miteinander zehn Pferde stehlen. Moderne Karrieren verlangen Mobilität, Umzüge ins Ausland. Zumindest auf Zeit…

Nicht jede Freundschaft hält das aus – trotz Facebook & Co. Was eint, was trennt – was hilft? Beginn einer Serie über „Beziehungsweisen“. Im ersten Teil über Fern-Freundschaften, Angela und Hilary, 40 Jahre Freundschaft, zwischen Europa und den USA. „Als ich nach einem Jahr in England mit meinen Eltern in die USA zog, pflanzte Hilarys Vater zwei Silberpappeln. Zehn Jahre später sind wir noch einmal zu dem Haus gefahren, obwohl sie gar nicht mehr dort wohnten.

Wir haben unsere Bäume gesucht. Als wir sie nicht fanden, befürchteten wir, jemand hätte sie gefällt. Dann schauten wir in den Himmel: Es waren Riesen geworden.“ Heute, über vierzig Jahre später huscht ein Lächeln über Angelas Gesicht, wenn sie in Erinnerungen schwelgt.

Erinnerungen, die sich immer neu beleben, Erinnerungen, die die Freundschaft zweier Frauen bezeugen, deren Leben manchmal unterschiedlicher nicht sein konnte. Die trotzdem alles teilten und das über Ländergrenzen, sogar Kontinente hinweg. Auch heute noch…

Papa macht Karriere im Ausland

Im Grundschuldalter zog Angela mit ihrer Familie von Deutschland nach England. Ihr Vater war Mathematikprofessor und sollte an einer englischen Universität lehren. So verschlug es die Familie nach Nottingham, im Herzen Englands, im sagenumwobenen Reich von Robin Hood und Lady Marian.

Dort ging Angela ein Jahr zur Schule und lernte Hilary kennen. „Hilary fand’s klasse, dass ich in die Klasse kam. Als Ausländer war ich irgendwie spannend und exotisch. Und durch sie habe ich mich schnell wohl gefühlt. Sie war einfach nett. Wir haben uns sofort angefreundet.“ Anfangs war das allerdings gar nicht so leicht, denn Angela sprach kein Wort Englisch.

Das änderte sich schnell, denn Hilary war die perfekte Englischlehrerin. Ihre Mutter war gehörlos und deshalb sprach Hilary sehr deutlich, so dass sie von den Lippen ablesen konnte. So war das Englischlernen kein Problem. Schnell konnten sie ausgelassen über Lehrer lästern, zusammen Schulaufgaben machen und jede freie Minute miteinander verbringen.

Ein Summen geht über Angelas Lippen. „Ein englisches Kinderlied“, erklärt sie „Wir haben gerne zusammen gesungen. Hilarys Mutter war auch oft dabei. Sie war dann die Tuba,“ und lacht. „Es hat immer Spaß gemacht und die Lieder können heute auch meine beiden Kinder.“

Obwohl die Zeit, als die Freundinnen fast Tür an Tür gelebt haben sehr kurz war, sollte ihr Kontakt bis heute nicht abreißen. Ein Jahr nach Angelas Ankunft in Nottingham zog die Familie in die USA. Vor ihrem Abschied haben sich die beiden jedoch eines geschworen: Beste Freundinnen für immer zu bleiben!

Damit das auch seine Gültigkeit hat, war eine „Blutsbruderschaft“ unabdingbar; Haarsträhnen wurden ausgetauscht und deutsche und englische Münzen. Von nun an wurden Briefe und Karten geschrieben, hin und wieder auch telefoniert. Als Angela zurück nach Deutschland, kam, besuchten sich die beiden immer abwechselnd im Sommer.

„Wenn wir uns sahen, mussten wir immer weinen, vor Glück. Das ist auch heute noch so. Wir erlebten unsere ganze Kindheit miteinander, obwohl wir fast 1000 km voneinander entfernt wohnen. Hilarys Eltern waren dabei immer Ansprechpartner für mich. Bei Problemen haben sie mir geholfen und von Peter, Hilarys Vater, bekam ich abends immer einen Gute-Nacht-Kuss. Wir waren eine Familie.“

1000 Kilometer Luftlinie

Dennoch sei das nicht immer so gewesen, betont Angela. Sie wirkt ernster, fast traurig. Ende der Schulzeit verlief sich ihr gemeinsamer Weg. Hilary kümmerte sich um ihre Arbeit als Kunstlehrerin, Angela studierte Psychologie, heiratete früh und bekam Kinder.

Anschließend umgekehrt: Hilary gründete eine Familie und Angela eröffnete ihre Praxis als Psychotherapeutin. „Auch heute noch sind unsere Wege sehr verschieden: Ich bin immer die Weitreisende gewesen und ein Stadtmensch, Hilary blieb im ländlichen Umfeld. Sie ist Atheistin, ich Christin.

Und trotzdem: Sie war immer da, wenn ich sie gebraucht habe. An allen wichtigen Punkten meines Lebens war sie präsent und umgekehrt.“ Bei ihrem Autounfall mit 11, nach der schwierigen Geburt ihrer Tochter und beim Tod einer guten Freundin.

Hochzeit, Eifersucht, neuer Lebensabschnitt

Eines der schönsten Geschenke war zu ihrer Hochzeit. Sichtlich gerührt erzählt Angela wie sehr sie sich gewünscht hatte, dass Hilary zu ihrer Hochzeit kommt. Der Direktor ihrer Schule wollte ihr aber nicht frei geben, so dass Hilary enttäuscht absagen musste. Dann aber, an Angelas Hochzeitstag morgens im Standesamt, waren Hilarys Eltern da – eine Überraschung. „Die Hochzeit war zwar ohne sie und doch war sie immer bei mir.“

Ein Ereignis, erinnert sich Angela, habe sie jedoch sehr geschockt. Als die beiden über ihre Freundschaft sprachen, betonte Hilary, dass sie es nicht gut fände „Beste Freundinnen“ zu sein. Zuerst enttäuscht und verletzt, begann Angela allmählich zu verstehen, was Hilary damit meinte.

’best friends’

Sie hätten zwar das ’best friends’ aufgegeben, aber dadurch nichts verloren, weil sie wüssten, wie viel sie einander haben und brauchen und das halte sie zusammen. „Viele Freundschaften sind Wegstreckengefährten. Das ist schön, weil sie einen Lebensabschnitt bereichern.

Sie haben dann ein bestimmtes Bild, an dem sie festhalten. Bei Hilary und mir ist das anders. Wir kennen uns seit 40 Jahren, wir haben alle Entwicklungen miterlebt. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, nicht nur Momentaufnahmen. Wir fragen uns nach dem wirklichen ’Wie geht’s’.“ Angela deutet auf ein Geschenk von Hilary zum 40.

Freundschaftsjubiläum. Ein Holzengel auf dem Fensterbrett, eine kleine Tafel in der Hand: „Freunde sind wie Engel, du musst sie nicht sehen um zu wissen, dass sie da sind.“ Daneben zwei Bilder: Zwei strahlende Kinder, Schulter and Schulter; einen Rahmen weiter zwei Frauen Arm in Arm, ihre Gesichter fröhlich, ihre Berührung vertraut.

Infokasten: Freundschaft

Bereits in der Antike galt die Freundschaft als ein wichtiger Bestandteil für eine funktionierende Gesellschaft. Für Aristoteles hatte sie einen noch höheren Stellenwert als die „Gerechtigkeit“. Das war auch berechtigt, denn in der griechischen Polis, gab es keine öffentlichen Dienste wie Polizei und Feuerwehr.

So war jeder auf das Wohlwollen und die Rücksicht des anderen angewiesen, besonders wenn es um sozialen Status ging. Nur wer sich die Sympathie des Volkes sichern konnte, wurde auch in öffentliche Ämter gewählt. Zugegeben, heutzutage würde man dieses als „Freundschaft“ bezeichnetes Verhältnis nicht mehr unbedingt als solche bezeichnen.

Im Mittelalter war die Freundschaft vor allem durch die Freundschaft „zu und in Gott“, also christliche Nächstenliebe, bestimmt. In der Romantik, Ende des 18. Jahrhunderts bis weit ins 19. Jahrhundert, kommt der Begriff Freundschaft dem näher, was wir heute darunter verstehen, nämlich eine individuelle und sehr persönliche Beziehung zueinander.

Ein bis dato noch völlig tabuisiertes Thema: die gleichgeschlechtliche Freundschaft, vor allem unter Männern. Berühmt ist etwa die in Briefen dokumentierte Beziehung zwischen den Dichtern und Schriftstellern Clemens Brentano und Achim von Arnim.

„Gemeinschaft des Geistes“

Die moderne Definition von Freundschaft hebt ganz klar das persönliche hervor. Der Soziologe Ferdinand Tönnies bezeichnet Freundschaft als „Gemeinschaft des Geistes“. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen das, was uns immer wieder innerhalb einer Freundschaft auffällt.

So streiten sich enge Freunde wesentlich häufiger als nur miteinander bekannte Personen. Psychologen und Soziologen begründen dies damit, dass innige Freundschaften als stabil und sicher gehalten werden. Deshalb müsse man nicht mehr übervorsichtig reagieren. Außerdem haben sie mehr Kontakt zueinander, dass bedeutet mehr „Reibungsfläche“.

Für den Psychologen Georg Simmel fängt Freundschaft  in dem Moment an, in dem sich zwei Menschen kennenlernen. Sie wissen also um ihre gegenseitige Existenz. In seinem Werk „Soziologie der Freundschaft“ beschreibt er, dass von dieser Basis aus die Menschen verschieden weit in die „Sphäre“ des anderen eindringen können.

Spielräume und Grenzen

Zum Beispiel würde man mit den Sportkumpels niemals über den letzten Streit mit seiner Freundin sprechen. Simmel bezeichnet das, was hinter dieser Grenze liegt, als „Reserve“. Das ist positiv und negativ gemeint: Auf der einen Seite gibt man nicht alles von sich preis, und auf der anderen Seite ist da noch etwas, was man der Freundschaft hinzugeben kann.

Freundschaft ist jedoch nicht nur individuell, sondern auch kulturell geformt. Ein Deutscher zum Beispiel definiert in der Regel nur wenige seiner Mitmenschen als „Freunde“, höchstens einen oder zwei.

Für einen Nordamerikaner hingegen wird eine gute Bekanntschaft meist schon als Freundschaft bezeichnet. Das steht ganz im Gegensatz zu der oft innigen und langfristigen Beziehung, die in Deutschland als Freundschaft bezeichnet wird.

Über die Autorin: Sabrina Kurth mag die Vorstellung mit ihrer besten Freundin auch in vierzig Jahren noch so gut befreundet zu sein wie heute. Sie hofft aber, dass sie nicht erst zehn Stunden fliegen muss um bei Kaffee oder Bier Neuigkeiten auszutauschen….

Artikelbild: Rawpixel.com/ Shutterstock

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Sabrina Kurth studiert Britische und Nordamerikanische Kulturstudien in Freiburg. Sabrina hospitierte bei RTL, der Deutschen Welle und beim SWR. Wenn Uni oder Arbeit gerade nicht rufen, ist sie auf Wandertour im Schwarzwald oder jongliert auf ihrem Balkon...

3 Kommentare

  1. Das ist ja eine tolle Geschichte. Ich werde jetzt auch ab heute Freundschaftsjubileum feiern! Das habe ich noch nie gemacht und bin auch nicht auf den Gedanken gekommen. Aber klingt logisch und wichtig. Wieso sollte man nur so was mit seinem Ehepartner feiern sollen.

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