Fünfte Jahreszeit. Danach Fasten? Die Motive sind unterschiedlich. Gudrun ist übergewichtig, will eine Schlankheitskur machen. Gerhard sucht im hektischen Berufsalltag mehr Gelassenheit…

[dropcap]D[/dropcap]as Lebenstempo wird schneller, Karriere beansprucht. Zeit zum Leben? Experten sind sich einig: Schlafstörungen, Lustlosigkeit und Übergewicht sind dafür typische Reaktionen des Körpers.

Eine Fokussierung auf das Wesentliche ist eine wichtige Quelle um zur Ruhe kommen.

Die Macht der Gewohnheit ist für Gudrun zum Problem geworden. Die täglichen Strecken zwischen Bett, Computer und Sofa reichen für eine gesunde Bewegung nicht aus. Kaffee, Kuchen und Klamotten steigern nur begrenzt ihr Wolhlbefinden. Aber der Verzicht auf die Fernbedienung schafft Gudrun neue Freiräume.

Fasten kein luxuriöses Trend-Accessoire

„Mein innerer Schweinehund drängt mich dazu, die ganze Quälerei abzubrechen“, beschreibt die 45-jährige aus Frankfurt ihren Fastenbeginn. „Nicht nur meine Pfunde schmelzen dahin, auch mein Körper ist beweglicher geworden“.

Anstatt sich einmal pro Woche träge durch den Wald zu zwängen, läuft die Versicherungskauffrau nun fast so schnell wie die flinke Zeichentrick-Maus Speedy Gonzalez. Stolz berichtet Gudrun: „Ich kann wieder drauf los rennen, ohne dass ich mich hinterher wie eine hundertjährige Oma fühlen muss“. Seit Aschermittwoch ist die Party vorbei.

Den letzten Faschingsfans brummt noch der Schädel. Jetzt ist erstmal für Hunderttausende Fasten angesagt. Jeder fünfte Deutsche fastet nach Angaben einer Forsa-Umfrage auf Dinge die ihm wichtig sind. Rund zwanzig Prozent der Deutschen entbehren in dieser Zeit Alkohol, Süßigkeiten oder Zigaretten. Die Kirchen laden ein, eine Atempause zu machen.

Sieben Wochen auf eingefahrene Gewohnheiten verzichten. Wer fastet, schafft neue Freiräume, versprechen Aktionen wie “7 Wochen ohne“. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Bereichern mich meine Gewohnheiten noch oder bestimmen sie mich schon?

Gesundheit, Hungerattacken und Heißhunger

Sie gehören für Gudrun der Vergangenheit an. Sprüche wie „Nach dem Fasten kommt das große Fressen” kennt sie aus ihrem Umfeld nur zu gut. Im Supermarkt geht sie mittlerweile aber bewusster einkaufen.

Zuhause kocht die Frankfurterin nun regelmäßig vollwertige Gerichte. Sie hat sich regelmäßige Mahlzeiten angewöhnt – vorher hatte sie nie gefrühstückt. Das Essen hat wieder mehr Geschmack, weil sie sich mehr Zeit dafür nimmt. Obwohl Gudrun der Arbeitsalltag fest im Griff hat, tankt sie neue Energien. Ihre Gedanken sind klarer und sie braucht weniger Schlaf. „Mein Körpergewicht hat abgenommen, meine Kräfte dagegen zugenommen“, resümiert Gudrun.

Professor Rolf Verres mahnt Fastenwillige, sich über ihre Motivation im Klaren zu sein. Er ist Leiter des Medizinisch-psychologischen Instituts der Uniklinik Heidelberg. Insbesondere bei mehrwöchigen Fastenkuren ist eine professionelle Ernährungsberatung von Vorteil. Damit der Stoffwechsel des Körpers nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

„Es ist wichtig, dass ich die gemachten Veränderungen auch nach dem Fasten noch beherzige“, berichtet der Arzt. Gudrun kennt den Stress, sich mit harter Disziplin durch die Kassenschleusen im Supermarkt zu schlagen – zwischen Fruchtgummi und Lakritze. Übertretungen des Fastengebotes werden in manchen christlichen Familien noch als Sünde verstanden.

„Das führt zu Schuldgefühlen, die der seelischen Gesundheit schaden können“, warnt Verres diese Eltern vor überhöhtem Eifer. Gudrun knüpft daran an: “Verzicht wirkt bei mir nur, wenn ich selbst eine klare Entscheidung getroffen habe – wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg”.

Fastenkur und Strandwandern auf Sylt

Raum für Neues, Zeit zum Durchatmen und Kraftschöpfen für den Alltag: Gudrun hat auf der Nordseeinsel Sylt an einer Fastenkur teilgenommen. Die Kursleiterin Ulla Werner hat dort ein „Fastenhaus“. Eine Oase hinter den Dünen jenseits des Delikatessenherstellers Gosch.

Die Ex-Übergewichtige fastete hier eine Woche lang ohne einen Happen fester Nahrung. Ausgedehnte Wanderungen und Radtouren an Strand und Meer waren täglich Programm. Im „Fastenhaus“ wird nach der Methode des Ernährungsforschers Otto Buchinger gefastet: Ein Gläschen frisch gepressten Saft am Morgen – gelöffelt nicht getrunken. Sowie eine Auswahl leckerer Tees mit Kräutern aus dem Garten.

Am Abend gibt es Gemüsebrühe bis zum Abwinken. Zitrusschnitze, Orangen- und Ingwerwasser ergänzen die Verpflegung. Zudem bieten Fastenhotels Yoga, Massagen und meditative Tänze an.

Von der traditionellen Thaimassage über Lymphdrainage bis zur Kolon-Hydro-Therapie bleiben keine Wünsche offen. Migräne begleitete Gudrun viele Jahre. Seit ihrer Fastenkur ist sie den pochenden Kopfschmerz los – auf natürlichem Wege. Selbst Patienten mit chronischen Leiden haben hier positive Schmerzlinderung erfahren.

„Ob Allergien, Darmprobleme oder Multiple Sklerose – nach dem Fasten gehe es auch Gästen mit solchen Erkrankungen besser“, berichtet sie. Der prominente Benediktinerpater Anselm Grün fastet jedes Jahr: „Mir ist das Fasten wichtig, damit ich mich innerlich wieder in Ordnung bringe“. Der Pater nutzt die Zeit, seine Essgewohnheiten neu zu regulieren. Grün will den Körper von giftigen Schlacken reinigen.

Die wichtigste Bedeutung für den Schriftsteller ist, dass er „innerlich wieder wach wird, eine neue Offenheit für den Augenblick bekommt und Gottes heilende Gegenwart findet“. Fasten ist für Anselm Grün ein Weg zur inneren Freiheit: „Es erzeugt Lust, selber zu leben statt gelebt zu werden.“

Geistige Ausgeglichenheit statt Sand im Getriebe

Karneval Karriere Fastenzeit: Gemüsebrühe statt Gummibärchen?Fasten schärft die Sinne. „Beim Fasten merke ich, worauf es mir im Leben ankommt“, sagt der Saarbrücker Betriebswirt Gerhard.

Er sehnt sich nach innerer Ruhe im hektischen Alltagstrott: „In der Stille sitzen und schweigen klappt nicht sofort, denke ich doch gleich an den nächsten Kunden“, berichtet der 40-Jährige Saarländer. Trotz großer Reizüberflutung bemüht er sich dennoch, innezuhalten. Gerhard nimmt den Stress gelassen: „Alles muss beim Fasten stimmig sein, sich gut anfühlen“.

Am Ende müsse dabei für ihn etwas Gutes herauskommen, was er so schnell nicht mehr missen möchte. Die Lust auf Gummibärchen ist auch Gerhard bekannt. Das erlebt er gerade dann, wenn er gestresst von der Arbeit nach Hause kommt.

Seinen Kopf kann er nicht abschalten, der Körper ist erschöpft und die Seele ausgebrannt. Da ist der Griff zur Packung Haribo schnell getan. Statt frustriert über manchen Rückfall zu sein, sagt der Betriebswirt offen: „Wenn ich schwach werde, ärgere ich mich. Aber allein, dass ich mir meiner Schwäche bewusst bin, ist doch schon ein Gewinn.“

Kontemplation im Kloster statt Burn-Out-Syndrom

Statt in der Schublade nach Süßem zu schnappen geht Gerhard lieber vorbeugend ins Kloster. Ein Fastenwochenende hat er bereits gemacht. In den Mauern des Benediktinerstifts Neuburg konnte er sich besser konzentrieren, Gott näher kommen, sein Gebet ohne Lärm und Hektik sprechen.

Nun besucht Gerhard regelmäßig die Abendmesse. Manchmal redet er im Anschluss mit den Mönchen über Gott und die Welt. Zuhause lernt Gerhard beim Klavierspiel die leisen Tönen des Lebens spielen, die er im Alltagslärm nicht mehr hören kann. Einfache Aktivitäten helfen ihm, Körper und Seele wieder zusammenzubringen. Mit dem Hund mehr Gassi gehen, Wandern in der Natur und Freunde treffen.

„Einfach der sein, der ich bin“, freut sich Gerhard über seinen Fastenweg zu mehr Gelassenheit. Priester Oliver van Meeren aus Saarbrücken versteht Fasten so: „Es geht um Aufbruch und Erneuerung, einen umfassenden geistlichen Frühjahrsputz vor Ostern“. Fasten müsse mit innerer Spannung geschehen: „Das hat mit der Griesgrämigkeit von verordneten Diäten nichts zu tun“.

Hintergrund: Fasching und Fasten

Im Mittelalter wurde ein üppiges Festmahl gehalten, um vor dem großen Fasten die verderblichen Lebensmittel aufzubrauchen. Fastnacht ist bis heute ein gesellschaftliches Ereignis mit Spiel und Tanz geblieben.

Die katholische Kirche befürwortet den Karneval als Vorbereitung auf die Fastenzeit. In Saarbrücken leiht Priester van Meeren seinen Mitgliedern Kostüme aus – aus dem Fundus der Kirche.

Farbenfrohe Klamotten, Masken und Teufelskostüme. Die kommenden Wochen zum Gedenken an das Leiden Jesu sollen keine Trauerveranstaltung werden:

„Wir wollen uns nicht mit künstlichem Druck einengen und beschränken“, sagt der Priester, welcher gleichzeitig Vorsitzender des dortigen Karnevalsvereins ist. Zwischen Luftschlangen, geschminkten Kindergesichtern und Tortentischen betont er die christliche Freiheit zum Handeln.

Sichtweise! Jan Thomas Otte kennt sich, zugegeben, nicht wirklich aus mit Karneval, Fasching und Fasnet. Findet die fünfte Jahreszeit aber schön. Gerade mit dem Fasten, wie wäre es zum Beispiel mit Facebook?

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

Teilen
Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

6 Kommentare

Kommentieren