Kein Unternehmertyp? Nicht so schlimm, findet Svenja Hofert. Mit dem „Slow-Grow-Prinzip“ will sie einen neuen Gründungstyp definieren. Für dessen Erfolg entscheidend? Die Persönlichkeit. Und der unbedingte Wunsch, unabhängig zu sein…

[dropcap]F[/dropcap]rei von Konzernkorsetten sein eigenes Ding machen, so der Traum. Möchten Sie, dass Ihr Unternehmen ganz groß wird? Haben Sie Lust, ungleich mehr als jeder Angestellte zu schuften? Ist es wirklich Ihr Antrieb, ganz auf Innovation und Risiko zu setzen?

Nein? Dann denken Sie so wie fast alle meine Kunden. Und es geht Ihnen auch wie den allermeisten Kunden meiner Beraterkollegen. Könnte es sein, dass Sie schlicht so denken wie die Mehrzahl der Menschen, die in Deutschland selbstständig sind oder sein möchten?

Dass Sie so sind, wie Sie sind, ist volkswirtschaftlich betrachtet weniger gut, denn so werden Sie es nie schaffen, ein Unternehmen wie Apple oder Amazon zu gründen. Sie entsprechen damit dem Feindbild von Gründungsexperten, etwa den Lehrenden an Universitäten, die selbst auch nie ein Apple oder Amazon gründen würden, sondern lieber ein Professorengehalt beziehen.

Diese Gründungsexperten orientieren sich bei ihrer Definition des Unternehmers am Ökonomen Joseph Schumpeter. Nach Schumpeter müssten Sie, wenn Sie gründen oder bereits selbstständig sind, eine Person sein, die bereit und fähig ist, neue Ideen oder Erfindungen in erfolgreiche Innovationen umzusetzen.

Selbstverwirklichung und Spaß im Job

Dazu soll ein echter Unternehmer auch wachsen wollen. Und zwar schnell – Slow Growing ist in diesem Sinn nicht unternehmerisch. Lebensziel eines echten Unternehmers sei die Übergabe an einen Nachfolger. Da Sie das nicht vorhaben, jedenfalls derzeit nicht, sind Sie kein richtiger Unternehmer – sagt und denkt man über Sie.

Ihre persönlichen und unternehmerischen Ziele sind ganz andere: Selbstverwirklichung, sein eigener Chef sein, bessere Verdienstmöglichkeiten vielleicht, flexible Zeiteinteilung, Spaß im Job oder mehr inhaltliche oder kreativere Arbeit. Damit passen Sie nicht entfernt in das Schumpeter’sche Raster.

Sie passen aber in unsere Zeit: 2010 machten die wirklich innovativen Gründungen laut KfW-Gründungsmonitor nur etwa 2 Prozent aus. Die meisten Gründungsideen sind unspektakulär: Dienstleistungen wie Beratung, Design oder Pflegedienst etwa. Das sieht auch die KfW so: „Eine Sichtung der Projektbeschreibungen lässt Zweifel daran aufkommen, dass es sich bei den als neu bezeichneten Geschäftsideen tatsächlich um Innovationen im Schumpeter’schen Sinn handelt.“

Ein Topf, verschiedene Zutaten

Genau hier liegt aber die Ursache für die Fehlinterpretation der Unternehmerpersönlichkeit begründet. Mit dem Begriff des Unternehmers werden ganz verschiedene Existenz– und Erwerbsformen in einen großen Topf geworfen und auf eine winzige Essenz reduziert: den Schumpeter-Unternehmer.

Die vielen neuen unternehmerischen Formen, die den Geschmack der Zukunft der Arbeit tragen, gehen dabei komplett unter. Die verkörpern Sie, die Protagonisten der modernen Wissensgesellschaft: Selbstständige, die keine „Entrepreneure“ sind.

Vielleicht sind Sie freiberuflich tätig. Möglich, dass Sie auch Mitarbeiter haben, wahrscheinlich nur wenige – bis zehn, selten mehr, denn damit würden Sie die Grenze zum Unternehmer unterschreiten. Was die wenigsten Wissensgründer tun. Ihre Leidenschaft ist die inhaltliche Arbeit.

Sie werden mehr!

Das heißt aber auch, Sie sind von ganz anderen Dingen motiviert als der Schumpeter-Unternehmer, denn für diesen ist der Inhalt ähnlich wie für den Top-Manager nicht oder nur sekundär interessant. Seine Kernkompetenz ist das schnelle Entscheiden, was am meisten Wachstum bringt. Ihre ist genau das nicht.

Ihre Zahl, lieber Leser, steigt. Leider unterscheiden offizielle Stellen nur nach gewerblichen und freiberuflichen Gründungen, so dass ich hier nur belegen kann, dass die Menge der Freiberufler von Jahr zu Jahr um mehr als 4 Prozent zunimmt. Vermittlungsplattformen profitieren davon. Dass sich die klein gründenden gewerblichen Selbstständigen im Wissensumfeld vermehren, kann ich mit Blick auf meinen Kundenkreis zumindest ahnen.

Vergessen Sie Tests

Slow-Grow, aber richtig…

Weil Sie anders motiviert sind als der Entrepreneur, brauchen Sie auch keine Unternehmerpersönlichkeit. Die Folge: Die gängigen Tests der Unternehmerpersönlichkeit schießen kilometerweit am Ziel vorbei. Sie müssen nicht 60 Stunden arbeiten, sondern können im Gegenteil, auch das Ziel haben, mehr Freizeit zu gewinnen, mehr Sinn oder Zufriedenheit.

Sie schätzen die inhaltliche Komponente ihrer Arbeit und lehnen Mitarbeiterführung vielleicht sogar ab. Stattdessen locken Sie moderne Kooperationsformen mit losen oder festen Netzwerken und Co-Working-Spaces. Den Umsatz von Jahr zu Jahr steigern? Für Sie nicht das Wichtigste. Hauptsache, die Freude an einem Thema ist da und der Spaß daran, selbst zu gestalten.

Dass es Sie in einer solchen wachsenden Schar gibt, hat auch mit dem Wachstumsdruck der Unternehmen zu tun, die sich Slow Growing nicht leisten können. Die Chance, sein eigenes Ding zu machen, gibt es in den Unternehmen immer weniger. Prozessoptimierungen und undurchsichtige Unternehmensziele drängen deshalb immer mehr Mitarbeiter in die Selbstständigkeit.

„Da kann ich mein eigenes Tempo leben, selbst bestimmen was ich mache und mit den Kunden so umgehe, wie ich es für richtig halte“, sagt eine Mobile-Marketing-Expertin.

Sie sind noch nicht gesprungen?

Vielleicht haben Sie den großen Sprung auch noch nicht gewagt und zögern damit, Ihr Wissen in einer Selbstständigkeit zu nutzen. Ich kann Ihnen versichern: Immer mehr Angestellte starten zunächst in eine nebenberufliche Selbstständigkeit, wegen des langsamen Wachstums, um sich auszuprobieren. Sie sind also nicht alleine. Dass der Gründungszuschuss weniger großzügig ausfällt als früher ist dann auch nicht so tragisch. Wenn Sie sich einmal für „ganz und gar“ entscheiden, gibt es eine finanzielle Basis.

Sehen Sie das langsame nebenberufliche Gründen als eine Exit-Strategie aus einem immer anstrengender werdenden und immer weniger befriedigenden Angestelltendasein. Denn wenn auch die Selbstständigkeit nicht das Paradies auf Erden und manchmal auch keinen großen finanziellen Vorteil bietet.

Es ist entspannend, nur für sich selbst verantwortlich zu sein. Und das beinhaltet manchmal auch die Entscheidung, sich keinen Wachstumszwängen zu unterwerfen, sondern einfach nur eine Arbeitsform zu leben, die viel flexibler ist als andere.

Sichtweise! Svenja Hofert schreibt seit vielen Jahren noch viel mehr Bücher über Karriere, Bewerbung und Existenzgründung. Zum Beispiel „Das Slow-Grow-Prinzip„. Oder demnächst „Am besten wirst du Arzt“. Auch eine nette Idee von Deutschlands prominentester Karriere-Beraterin…

Artikelbild: NN/ Svenja Hofert

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