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Stöhnen, Jammern oder Motzen. Das kann jeder. Aber warum gehe ich eigentlich zur Arbeit? Wieso erledige ich auch stupide Dinge? Jana Hauschild recherchierte…

Woher nehme ich die Kraft, jeden Morgen brav meinem Wecker zu gehorchen? Arbeit, das ist mehr als nur Geld verdienen oder seine Pflicht erfüllen. Arbeit macht uns zu Persönlichkeiten, stiftet Sinn.

Drei Menschen über das , was sie zur Arbeit treibt. Ein Report über ganz persönliche Karriere-Einsichten eines Knast-Azubis, einer Blumen-Verkäuferin und einem Ton-Ingenieur.

„Alles“, sagt Michael ohne zu zögern, „Meine Arbeit bedeutet mir alles. Ich fülle mein Leben damit. Sie gibt mir Halt. Danach habe ich lange gesucht.“ Michael ist Tischlerlehrling. Seit zwei Jahren baut er Möbel und entwirft Konstruktionen, oft Unikate und Sonderanfertigungen.

Michael ist Häftling in der Justizvollzugsanstalt Hannover. Bevor er in die Kriminalität abrutschte, hatte ihm seine Arbeit auch alles bedeutet. Er verband mit ihr nicht nur Zukunftsperspektiven, sondern auch die Suche nach dem Sinn des Lebens. Der Konkurs seiner Firma brachte ihn auf Abwege.

Räuberische Erpressung, Betrug und Urkundenfälschung kosten ihn nun zehn Jahre Haft, wenn er nicht früher entlassen wird.

Chance für Turnaround im Lebenslauf

Doch der 38-Jährige hat für sich die Chance erkannt und nutzt die Ausbildung zum Tischler, um sein neues Leben vorzubereiten. Wie in einem Bewerbungsgespräch zeigt er seine Mappe mit Zeugnissen und Arbeitszeichnungen. Stolz blättert er sich durch den sortierten Ordner mit den Skizzen. „Ich bin jetzt, glaube ich, auf dem richtigen Holzweg“, sagt er und lächelt entschlossen.

In der Haft werkelt Michael aber nicht nur an seiner neuen Profession, sondern auch an einem neuen Ich. Denn Arbeit ist viel mehr als nur Geld zu verdienen, die Familie durchzubringen oder zu überleben. Sie formt Menschen, gibt ihnen eine Rolle in der Gesellschaft, einen Inhalt im Leben – Identität.

„Entschuldigung, was machen Sie beruflich?“

Allein bei einem schlichten „Wie geht es dir?“ ploppt im Kopf jedes Erwachsenen der Gedanke an den Job auf. Nicht verwunderlich. Wir arbeiten immerhin etwa 40 Jahre unseres Lebens. Doch obwohl Arbeit oft als Pflicht empfunden wird, tut sie uns gut. „Die meisten Menschen wollen arbeiten.

Durch die Arbeit erhalten sie Anerkennung für das, was sie leisten. Das ist zentral für die Identität und das Wohlbefinden eines Menschen“, erklärt Sozialwissenschaftlerin Nadine Pieck, die an der Universität Hannover zum Thema „Arbeit und Gesellschaft“ forscht.

Die Forschung hat auch gezeigt, dass der Antrieb zur Arbeit nicht durch den Umfang oder die Schwere einer Aufgabe entsteht, sondern durch deren Sinnhaftigkeit. Pieck zufolge sind Wissenschaftler lange davon ausgegangen, dass beispielsweise Fließbandarbeiter nur wegen des Geldes arbeiten. Wegen der eintönigen Tätigkeit schlossen sie andere Motive aus.

Geld im Job, ein Nebenverdienst

Heute weiß man, dass auch scheinbar anspruchslose Arbeit Menschen mit Stolz erfüllen kann. Stolz darauf, etwas zu produzieren, seine Arbeit gut zu machen und schnell hohe Qualität zu liefern. Diese Tätigkeit hat für die Menschen Sinn. Und das motiviert sie.

Der Sinn hinter der Arbeit treibt auch Menschen mit gefährlichen oder wenig angesehenen Berufen an: „Solange Menschen Bedeutung in ihrem Tun erkennen, puffert das die Arbeitsbelastung ab. Fehlt diese Erkenntnis bei hoher Belastung, werden sie krank“, erklärt Pieck.

Von Herz-Kreislauf-Beschwerden bis zu psychischen Problemen (siehe Burn-Out) kann diese Sinnkrise viele Krankheiten auslösen.

Stabilität statt Burn-Out

Genauso problematisch ist es, wenn Arbeit ganz fehlt. Menschen ohne Arbeit sind drei- bis viermal häufiger psychisch krank wie jene mit einer täglichen Tätigkeit.

Dabei sind Erkrankungen wie Alkoholabhängigkeit und Depressionen entgegen der Vorurteile selten Auslöser der Arbeitslosigkeit, sondern in den meisten Fällen Folge des Jobverlustes. „Arbeit dient der Existenzsicherung, der materiellen aber auch der geistigen.

Der Verlust der Arbeit kann krank machen, weil mit der Arbeit der berufliche Status, die Zeitstruktur des Tages und der Woche, die Kontakte zu Arbeitskollegen und gemeinsame berufliche Zielsetzungen gefährdet sind“, beschreibt die Psychotherapeutenkammer des Bundes die Zusammenhänge.

Auf der Straße hat Karriere-Einsichten eine Umfrage gemacht: Warum und wofür eigentlich arbeiten?

Kontakte wichtiger als Gehalt auf dem Konto

Wer arbeitslos ist, hat zwar mehr freie Zeit, aber ihm fehlt dafür eine andere, die soziale Zeit. Eben jene Stunden, in denen ein Mensch kooperiert, Kontakt hat, dabei Dinge erschafft und in der Gesellschaft eine Aufgabe hat. Die Momente, in denen er geformt wird, Sinn finden kann.

Dieser Alltag ist manchen Menschen sogar so wichtig, dass sie lieber arbeiten gehen als Hilfe vom Staat zu bekommen, auch wenn ihr Einkommen dann kaum höher liegt. Die alleinerziehende Floristin Katja ist eine von ihnen. Mit knapp 550 Euro Monatsgehalt liegt sie fast 200 Euro unter der Armutsgrenze und hat weniger Geld als ein Hartz IV-Empfänger. Persönlich profitiert sie dafür umso mehr.

Selbstverwirklichung statt Hartz IV-Regelsätze

Die Arbeit im Blumengeschäft ist ihr absoluter Wunsch: „Hier kann ich meiner kreativen Lust freien Lauf lassen. Der Job ist zwar hart, auch wenn man das nicht denkt, aber er ist dennoch schön. Und wenn die Kunden mit einem Lächeln rausgehen, macht mich das zufrieden.“

Die 23-Jährige ist eine von 4,1 Millionen Frauen mit Niedriglohn und ein Gegenbeispiel zu allen Studien und Meinungen, dass Hartz IV den Anreiz zu Arbeit untergrabe. In dem Blumenladen lebt Katja sogar kleine Träume aus: „Das Ambiente an meinem Arbeitsplatz ist sehr luxuriös. Ich kann dort exotische Pflanzen, teure Dekoartikel und Möbel arrangieren, die ich zu Hause auch gerne hätte, mir aber nicht leisten kann.“

Arbeit als „Hobby zum Beruf“?

Auch Vladimir Gorelik, oben im Bild, würde ohne Arbeit etwas Entscheidendes in seinem Leben fehlen. Der Physiker mit Doktortitel ist 68 Jahre alt und geht immer noch arbeiten. Er ist keine Ausnahme. Etwa 4,5 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland sind älter als 65 Jahre.

In der reichsten Rentnergeneration aller Zeiten dürfte das nicht nur am Geld liegen. Gorelik selbst bezeichnet seinen Beruf als sein Hobby: „Das ist wie bei Kindern, die gerne mit ihrem Baukasten spielen – nur das meine Spielzeuge mit den Jahren interessanter und komplexer wurden. Für mich ist diese Tätigkeit notwendig, ich brauche das.“ Vor zwanzig Jahren kam er mit seiner Familie aus Russland und hat in der Forschungsabteilung von Sennheiser begonnen.

Phsysik der Unerträglichkeit des Nichtstuns

Mit Leichtigkeit kritzelt er blanke Physik auf ein Blatt Papier. J multipliziert mit l und w plus R, hier noch eine Variable zum Quadrat, dort noch ein Bruchstrich, daneben ein komplexer Schaltkreis. Und wenn mal eine Formel nicht aufgeht, tüftelt er den ganzen Tag daran herum, selbst zu Hause lässt ihn die Aufgabe dann nicht los.

Seit vier Jahren ist er Rentner und dennoch schätzt er die tägliche Herausforderung, mathematische Probleme für den Elektronikhersteller zu lösen, Entscheidungen zu treffen und Neues zu entwickeln. In dieser Arbeit hofft er auch in fünf Jahren noch aufgehen zu können. „Das ist mein Leben, das macht mich aus.“

Vom Glück zu arbeiten? Hier ein Interview von Karriere-Einsichten mit dem Wirtschaftsethiker Markus Scholz. Erste Frage von Jan Thomas Otte: „Gehen wir bald alle nur noch arbeiten?“

Vermögen und Reichtum von Anerkennung im Job

In einer Zeit, in der jeder Cent dreimal umgedreht wird, scheint hinter Arbeit erst einmal die Gehaltsabrechnung zu stehen. In einer Welt, die viel über Geld bemisst, vergessen wir vielleicht, was uns wirklich antreibt. Doch unabhängig davon, wo wir arbeiten, für wie viel Lohn oder in welchem Alter – für die meisten von uns liegt der Wert der Arbeit nicht im Geld, sondern tief in uns. In der Sehnsucht nach Anerkennung, nach Erfüllung, nach einem Sinn im Leben. Nach einer Verankerung in der Welt.

Sichtweise! Jana Hauschild hat neue Impulse bekommen, was Arbeit für sie und andere bedeutet. Apropos „Schichtwechsel“. Ein Magazin über unsere Arbeitswelt von der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Artikelbild: Ollyy/ Shutterstock

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