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Auf Jobmessen warten Deutschlands Personaler darauf, dass sich jemand für ihre offenen Stellen interessiert, werben damit. Manche Aussteller und Besucher vergessen, was der eigentliche Vorteil einer solchen Veranstaltung ist. Plädoyer von Mario Weis…

Der Arbeitsmarkt ist eine einfach strukturierte Welt: Unternehmen suchen nach fähigen Mitarbeitern, Bewerber träumen meist von einer unbefristeten Festanstellung. Eigentlich ideale Voraussetzungen für die erfolgreiche Symbiose. Karrieremessen simulieren diesen Markt unter Laborbedingungen.

Und weil hier stets der nächste Jobsucher hinter einem in der Schlange lauert und das nächste Traumunternehmen mit seinem Stand nur wenige Meter entfernt ist, versuchen beide Seiten den mutmaßlichen Idealvorstellungen des jeweils anderen in besonderem Maße zu entsprechen.

Mensch trifft Mensch

Doch wo sich Herden von Klon-Bewerbern an meterweise ausstellenden Firmen mit den verheißungsvollsten Karriereaussichten vorbeischieben, ist es für beide Seiten nicht immer leicht, das As der eigenen Einzigartigkeit auszuspielen. Dabei besteht die Chance solcher Veranstaltungen doch gerade darin, dass neben Qualifikationen auch menschliche Faktoren eine Rolle spielen.

Bei Karriere-Events wie der Nacht der Unternehmen geht es deshalb nicht darum, Anforderungsprofile mit fleischgewordenen Lebensläufen in Kontakt zu bringen, sondern Aussteller mit angehenden Kollegen, die auch beim Schwätzchen am Kopierer überzeugen müssen. Und für die Besucher geht es nicht nur um einen Job, sondern um einen erheblichen Teil ihrer zukünftigen Lebenszeit.

Aussteller mit Menschenverstand…

Aussteller auf einer Jobmesse sollten deshalb darauf achten, jeden Besucher als individuelle Person mit eigenen Sorgen und Nöten wertzuschätzen, unabhängig davon wie groß der Andrang ist.

Und wenn einem das Gegenüber den hundertsten Lebenslauf an diesem Tag in die Hand drücken will, dann sollte man sich bewusst machen, dass es sich hierbei für das Gegenüber nicht bloß um zwei weitere Blätter Papier handelt, sondern um dessen verschriftlichte bisherige Existenz. Und die sollte entsprechend gewürdigt werden.

… und Besucher ebenso!

Bewerber sollten sich dagegen vor dem Besuch des Job-Events klarmachen, was ein solcher Auftritt für die Menschen hinter den Ständen bedeutet: Gerade bei kleineren Unternehmen kann man hier den Chef persönlich antreffen, der statt Geld zu verdienen lieber potenzielle Mitarbeiter kennen lernt.

Darüber hinaus haben alle anwesenden Unternehmen Geld und Arbeitszeit in die Teilnahme investiert. Sie verdienen deshalb Besucher, die sich auch wirklich für sie interessieren. Eine Vorbereitung auf die Messe und auf passende Firmen ist somit nicht nur ein Erfolgskriterium, sondern eine Frage des Anstandes.

Die vorbereitete Kurzpräsentation muss also nicht nur dem Andrang am Stand Rechnung tragen, sondern idealerweise auch zum jeweiligen Wunschunternehmen passen.

Aussteller mit Soft Skills…

Wer Menschen einstellt, muss sich auf menschliche Bedürfnisse einstellen: Jenseits von Arbeitsinhalten, Verdienstmöglichkeiten und Urlaubsanspruch interessiert es potenzielle Mitarbeiter auch, wie sich der allmorgendliche Weg zur Arbeit gestalten wird, wie das neue Büro aussieht oder wer die Kollegen sind und wie die Mittagspause verbracht wird.

Unternehmen sollten deshalb genau überlegen, ob und wie sie zusätzlich zu harten monetären Faktoren bei Bewerbern punkten können. Doch Achtung: Wer seinen Besuchern am Messestand vom tollen Betriebsklima und den flachen Hierarchien vorschwärmt, muss diese Aussage genauso untermauern, wie es von einem Bewerber erwartet würde.

Events wie die Nacht der Unternehmen bieten neben der Präsentation per Messestand auch Gelegenheit, Interessierte direkt in das eigene Unternehmen einzuladen und einen tiefen Eindruck zu vermitteln.

… und Besucher ebenso!

Auch wenn die Standards des Bewerbungsprozesses es nahe legen mit Versprechungen um sich zu werfen, sollten Besucher darauf verzichten sich ihrem Gegenüber als besonders teamfähig, kommunikativ oder flexibel anzupreisen, gerade weil das die meisten in der Schlange hinter einem auch tun werden.

Denn genau wie der Aussteller muss auch der Messebesucher bloße Adjektive durch Taten zu glaubwürdigen Eigenschaften werden lassen. Etwa in dem er von einer thematisch passenden Herausforderung erzählt und darauf vertraut, dass das Gegenüber schon alleine herausfindet, welche Eigenschaften dafür nötig waren und dies mit dem persönlichen Eindruck kombiniert. Denn um diesen abzuliefern, ist man schließlich auf der Messe unterwegs.

Wie Aussteller Größe zeigen

Bei den Vorbereitungen zur Nacht der Unternehmen treffen wir immer wieder auf kleine und mittelgroße Betriebe, denen es Unbehagen bereitet, sich zusammen mit großen Konzernen zu präsentieren. Schaut man sich die Schlangen vor den Ständen der vermeintlichen Big Player an, scheint die Angst zunächst berechtigt, daneben bedeutungslos zu wirken.

„flache Hierarchien, direkter Kontakt“

Doch gerade kleine Arbeitgeber können auf einer Karrieremesse prima die Vorteile präsentieren, die sie Großkonzernen gegenüber haben: Transparenz, Überschaubarkeit und eine gelebte familiäre Atmosphäre lassen sich nur im direkten Kontakt mit potenziellen Bewerbern transportieren. Auch flache Hierarchien, Tätigkeiten mit größerer Verantwortung und ein direkter Kontakt zur Unternehmensleitung sind Vorteile, die begeistern.

Größe für Messebesucher

Genau deswegen empfiehlt es sich für Besucher, auch kleineren Unternehmen eine Chance geben und diese in ihre Vorbereitungen mit einbeziehen. Natürlich gibt es auf jedem Karriere-Event Firmen mit großen Namen.

Doch je bekannter eine Firma, desto länger auch die Schlange, desto kürzer die Zeit für die Selbstpräsentation und desto größer die Konkurrenz. Wer schon mal eine Jobmesse besucht hat, der weiß, dass die Chance auf einen qualitativ hochwertigen Kotakt sinkt, wenn sich viele Leute vor einem Stand tummeln.

„Aussteller-Minimalismus“…

Als Aussteller lohnt es sich, einmal nachzuforschen, warum die eigenen Beschäftigten eigentlich noch im Unternehmen sind. Denn was die Mitarbeiter an ihrem Unternehmen schätzen, wird es auch für entsprechend tickende Bewerber attraktiv machen und andere abschrecken. Wer also auf der Suche nach Mitarbeitern ist, die sich in das eigene Unternehmen einfügen, sollte sich ruhig trauen, zu polarisieren.

Mit leeren Versprechen verschwendet man nicht nur seine eigene Zeit, sondern auch die derjenigen, die auf der Suche nach einem passenden Arbeitgeber sind. Denn wenn der Zusammenhalt mit Kollegen doch nicht so gut ist, wie die Außendarstellung glauben machen soll, wird sich das spätestens am Messestand auch zeigen.

… und der von Bewerbern

Auch für Messebesucher ist weniger mehr: Wer dringend einen Job sucht, tut sich und den Ausstellern keinen Gefallen, wenn er alle teilnehmenden Firmen mäßig vorbereitet abklappert. Unternehmen wollen nicht irgendeinen, sondern den passenden Mitarbeiter.

Deswegen sollten sich Arbeitssuchende auch nicht mit irgendeinem Job zufrieden geben. Wenige, gut vorbereitete und intensive Gespräche führen eher zum Ziel. Im Dialog mit den Unternehmensvertretern sollte man auch nicht zum Bittsteller werden, sondern als gleichberechtigter Partner auftreten.

Wer hier aber zu dick aufträgt, macht sich auch nicht immer Freunde. Denn schließlich sind es die potenziellen Kollegen, mit denen man hier gerade redet. Und die wenigsten Menschen arbeiten gerne mit Angebern zusammen.

Wie überall wo Menschen auf Menschen treffen, ist also Menschenverstand auch auf der Jobmesse ein guter Ratgeber. Denn als Angehörige derselben Spezies können sowohl Besucher als auch Aussteller nachempfinden, wie sie sich der jeweils Andere gerade fühlen muss. Und Menschen, die irgendwann gemeinsam etwas erreichen wollen, sollten ihre Bedürfnisse kennen und wissen, wie sie am besten darauf eingehen.

Über den Autor: Mario Weis organisiert die „Nacht der Unternehmen“ in Berlin und weiteren deutschen Städten. Er selbst ist noch durch eine altmodische Bewerbung zu seinem Job gekommen. Menschenverstand ist für ihn auch außerhalb des Arbeitsmarktes ein nützliches Mittel um durchs Leben zu kommen. Glaubt er zumindest…

Artikelbild: igorstevanovic/ Shutterstock

8 Kommentare

  1. […] Hier haben eindeutig die innovativen Menschen die Nase vorn, also Menschen die immer auf der Suche nach etwas Neuem sind und sich stark intrinsisch motivieren lassen. Sie denken im ersten Schritt nicht an Geld, sie folgen ihrem Interesse. Die ersten Social Media-Berater brauchten außer Wissen nichts weiter an formaler Qualifikation. […]

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