Langsam wachsen statt schnell untergehen! Es gibt sie, die neue Generation von Gründern, denen es nicht mehr um Wachstum, sondern vor allem um Sinn geht. Svenja Hofert erklärt dieses Phänomen…

[dropcap]W[/dropcap]arum denken immer mehr Menschen über eine Unternehmensgründung nach, die keine traditionelle Firma gründen, sondern ihr „eigenes Ding“ machen möchten. Wir fragen nach:

Viele treibt die Suche nach Sinn, den sie angestellt nicht finden. Meine Kunden klagen über Chefs, die Leistung nach Anwesenheit bemessen oder Kollegen, die nach einigen Jahren jede Leidenschaft für ihren Job verloren haben und nur noch arbeiten, um die eigene Machtbasis zu sichern.

Im Moment herrscht das Alte noch überall vor, der allerorts betriebene Umbruch – etwa zu sehen im Umbau von Einzel- zu Großraumbüros – stresst mehr als dass er befreit: Präsenzkultur, Dienst nach Vorschrift, Mitarbeiterbeurteilungen nach Lust und Laune, all diese Dinge.

Sie haben jedoch davon gelesen und gehört…

… dass es anders sein kann. Sie sind gut ausgebildet und klug genug, um zu wissen, dass Arbeit auch anders funktionieren kann und muss. In einem traditionellen Umfeld gehen motivierte Menschen ein wie ungegossene Pflänzchen. So macht der Job keinen Spaß. Die Selbstständigkeit wirkt da wie eine schöne Insel, die Rettung verheißt.

Gründen, weil man keinen Sinn mehr als Angestellter findet. Ist das denn wirklich eine Erfolg versprechende Motivation?

Es ist aus meiner Erfahrung einer der ganz wesentlichen Treiber. Sehen Sie, es gibt Leute, die lesen ständig die neuesten Geschäftsideen, aber realisieren nicht eine. Sie sind getrieben davon, dass sie mit irgendetwas reich werden könnten.

Intrinsische Motivation

Aber mutig sind sie nicht – sie bleiben beim Träumen, obwohl sie mal mit der, mal mit jener Geschäftsidee liebäugeln. Sie sind extrinsisch motiviert – das lässt sie schon direkt nach dem Start steckenbleiben.

Die neuen Selbstständigen dagegen haben oft keine konkrete Idee, aber sie suchen zielgerichtet und probieren aus. Das bringt sie sehr viel weiter und über den Start ins Ziel. Die Arbeitswelt hat sich sehr stark verändert, das spiegelt sich im Gründungsverhalten wider.

Warum ist die Arbeitswelt denn so wenig Sinn-Voll, dass derart viele Menschen daraus fliehen möchten?

Früher suchten die Menschen vor allem die Sicherheit eines regelmäßigen Einkommens oder die Gewissheit, einen Ort zu haben, an den sie jeden Tag gehen können. Das hat unsere Väter angetrieben, ihre Jobs zu suchen, über Jahre zu machen und in ihren Unternehmen klebenzubleiben.

Die Sicherheit hat sie aber auch im Zaum gehalten. Sie sind gar nicht auf die Idee gekommen, zu fordern oder die Arbeitswelt, wie sie ist, in Frage zu stellen. Sie mussten für die Familie sorgen, und da war irgendwie klar, dass man an intrinsische Motivationen erst gar nicht dachte.

Ist es nicht auffällig, dass es sehr viel mehr Frauen gibt, die sinnbezogen nach Jobs suchen?

Frauen ist das schon deshalb länger wichtig, weil sie sich nie als Familienversorger sehen mussten. Das wird immer als weibliches Problem gesehen – dabei birgt genau diese Haltung die Chance für ein selbstbestimmtes Leben. Das ändert sich gerade. Sicherheit fällt weg – das treibt die Suche nach Sinn voran.

Auch die jungen Männer sehen ihre Existenzberechtigung plötzlich nicht mehr allein im Geldverdienen, um eine Familie zu ernähren…

Das befreit sie, das ist die andere Seite der Emanzipation. Plötzlich denken sie darüber nach, was die Arbeit ihnen bieten sollte – und das muss mehr sein als Geld.

Unternehmerische Freiheit

Automatisch kommt da der Gedanke an Selbstständigkeit, oft schon nach vier, fünf Jahren im Beruf, wenn man gemerkt hat, wie sehr die alte Arbeitswelt doch Grenzen setzt. Ich höre sehr, sehr oft: Selbstständigkeit ist eine tolle Perspektive. Die steht auf meinem Zettel ganz weit oben. Die Leute, die das sagen, werden immer jünger.

Raten Sie dann dazu, diesem Drang nach Selbstständigkeit nachzugehen?

Nein, das hängt vom Einzelfall ab. Meistens entwickelt sich spezielles Wissen erst in einer Tätigkeit als Angestellter. Aber Chancen sollte man immer nutzen, wenn man sie erkennt. Wenn also zum Beispiel ein Consultant bei seiner Arbeit in Malaysia eine Marktlücke entdeckt, wäre es dumm daraus nichts zu machen, wenn er Lust dazu hat. Aber die Marktlücken-Gründung ist im Vergleich zur wissensorientierten seltener.

Womit machen sich die Menschen auf der Suche nach Sinn sonst noch selbstständig?
Sehr oft wächst die Idee aus der eigenen praktischen Erfahrung.

Sie sehen zwei Grundkonzepte bei den neuen Wissensgründungen, welche? 

Die einen bauen auf das Wissen ihrer Branche, dem Segment oder in ihrem Fachgebiet gewonnene fachliche, methodische oder Branchen spezifische Erfahrung. Die anderen setzen auf eigeninitiativ erworbene Kenntnisse, das aus einem wie auch immer gearteten Neuland stammen.

Suche nach Innovativem

Hier haben eindeutig die innovativen Menschen die Nase vorn, also Menschen die immer auf der Suche nach etwas Neuem sind und sich stark intrinsisch motivieren lassen. Sie denken im ersten Schritt nicht an Geld, sie folgen ihrem Interesse. Die ersten Social Media-Berater brauchten außer Wissen nichts weiter an formaler Qualifikation.

Und jetzt geht so etwas Ähnliches auch im Bereich Mobile Marketing ab…

Diese innovativen Wissensgründer sind nicht selten schräge Typen, oft Introvertierte. Ihr Erfolg widerspricht der alten Auffassung in der Gründungsliteratur, nach der Extraversion ein entscheidendes Kriterium für unternehmerischen Erfolg ist.

Sie widerspricht aber auch der vorherrschenden Haltung, nach der es bei Gründungen in erster Linie um Kundenbedürfnisse geht. Es stehen vielmehr Neugier und Leidenschaft im Mittelpunkt. Wer diesen Bedürfnissen folgt, empfindet sein Leben als sinnvoll. Dem Erfolgs steht das längst nicht mehr im Weg – im Gegenteil.

Sichtweise! Svenja Hofert schreibt seit vielen Jahren noch viel mehr Bücher über Karriere, Bewerbung und Existenzgründung. Zum Beispiel „Das Slow-Grow-Prinzip„. Oder demnächst „Am besten wirst du Arzt“. Auch eine nette Idee von Deutschlands prominentester Karriere-Beraterin…
Artikelbild: © NN/ Svenja Hofert

6 Kommentare

  1. In den letzten Jahren war viel von agilen Arbeitsstrukturen die Rede und sie stellen sicherlich eine gute Alternative für die neue Generation dar (jetzt fühle mich mich alt), denn sie ermöglichen ein leistungsorientiertes, selbstgesteuertes und zeitsouveränes Arbeiten. Also etwas, das viele in der Selbständigkeit suchen. Vielleicht also eine gute Alternative zur Gründung. Nur leider gibt es kaum agile Unternehmen, Ich denke, aber das wird sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich ändern. Wir leben in einer sehr spannenden Zeit!

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