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Madjid Mohit ist Geschäftsführer des Bremer „Sujet Verlags“. Der gebürtige Iraner und Sohn einer Verlegerfamilie hat sich mit seinem Unternehmen eine Nische gesichert: Iranische Exilliteratur…

Anfang der Neunziger verließ Mohit den Iran, weil die Arbeit seines Verlages vom Regime massiv behindert wurde. Durch Zufall landete er in Deutschland und baute sich hier nach und nach eine Existenz auf.

In diesem Jahr feierte der Sujet Verlag sein 15-jähriges Jubiläum. Das Herz seines Verlages, sagt Mohit, schlage für die Lyrik. Reich wird man damit zwar nicht. Aber man kann Herzen gewinnen.

Karriere-Einsichten: Madjid Mohit, vermissen Sie Ihr Geburtsland Iran?

Madjid Mohit: Jein. Ich muss sagen, ja, weil es einen Teil von mir dort gibt. Ich trage diesen Teil schon in mir. Aber auf der anderen Seite, durch diese lange Zeit, die ich in Deutschland bin, hat sich vieles geändert. Das letzte Mal war ich da letztes Jahr, zum 80. Geburtstag meiner Mutter. Ich habe mich so fremd gefühlt. Ich habe selbst erfahren, dass es nicht wie früher ist.

Karriere-Einsichten: Was gefiel Ihnen denn nicht?

Madjid Mohit: Was immer noch ein Problem ist in Iran, ist die Zensur. Mittlerweile ist die Zensur schon integriert in den Menschen. Ich habe einen Lyriker besucht – seine ersten Werke hatte ich bei mir herausgegeben im Iran. Mit ihm habe ich ein bisschen geredet, da merkte ich, eine halbe Stunde hat es gedauert, bis er sich getraut hat, mit mir über alles zu reden. Das ist diese Vorsicht. Das ist nicht nur bei ihm, bei allen anderen auch.

Karriere-Einsichten: Warum hatten Sie Iran verlassen?

Madjid Mohit: Ich konnte nicht mehr weiterarbeiten. Es war während des Krieges und dadurch konnte man Papier nicht normal bekommen. Man bekam kaum etwas aus dem Ausland. Im Land waren nur ein oder zwei Papierfabriken und das war nicht ausreichend für das ganze Land.

Freiheit zum Schreiben

Madjid Mohit: Das Papier wurde verteilt durch das Zensuramt. Und da hatte ich, der angefangen hatte, lateinamerikanische Literatur herauszugeben, nicht so große Chancen. Und irgendwann merkst du, dass sie dich dadurch begrenzen und dich nicht weiterarbeiten lassen. Du kommst nicht weiter mit dem Verlag. Und dann habe ich mich gefreut, dass ich hier meine Arbeit ausüben konnte.

„Ohne Zensur“

Dass ich die Bücher hier wirklich ohne Zensur herausgebe, egal in welcher Form und von wem. Jedenfalls weiß ich dann, dass es wirklich von den Menschen kommt, die in Freiheit etwas schreiben.

Karriere-Einsichten: Was hat Sie dann ausgerechnet nach Deutschland verschlagen?

Madjid Mohit: Das war ganz zufällig. Ich wollte eigentlich nach Kanada. Ich bin durch Mittler herausgekommen aus dem Land, mit falschem Pass. In Deutschland wurde ich aufgehalten, das mit dem falschen Pass flog auf. Dann bin ich einfach hier geblieben.

Karriere-Einsichten: Wie sind Sie zurecht gekommen?

Madjid Mohit: Ich hatte ein schlechtes Gefühl in Deutschland. Mein Onkel und mein Vater haben zwar das erste deutsche Wörterbuch im Iran herausgegeben. Aber ich konnte kaum ein paar Worte. Aber jetzt mittlerweile freut es mich sehr, dass ich hier geblieben bin. Ausgerechnet Deutschland finde ich ein sehr demokratisches und tolles Land. Gefällt mir sehr.

Karriere-Einsichten: Wann haben Sie den Verlag gegründet?

Madjid Mohit: 1996 mit einer zweisprachigen Zeitschrift, sie hieß „Sujet“, über Literatur, Kultur und Nachrichten. Der Name „Sujet“ ist ein persischer und französischer Name, das Wort heißt das gleiche. Mittlerweile liebe ich dieses Wort.

Ich habe zwei Jahre als Kulturreferent bei DAB (Dachverband der Ausländer-Kulturvereine in Bremen) gearbeitet. Da haben die eine Hausdruckerei gehabt. Und da war dann die Idee, dass ich diese Zeitschrift einfach in dieser Druckerei drucke, damit es günstiger wird.

Idee der Selbständigkeit

Madjid Mohit: Dann war da die Idee, dass ich die Druckerei übernehme. Und dann habe ich gedacht, um einen Verlag zu gründen, könnte man Druck und Verlag kombinieren. Das erste Buch von uns war von Mahmood Falaki, „Die Schatten“. Das Buch konnte in Persisch nicht existieren in Iran.

Karriere-Einsichten: Warum konnte es dort nicht veröffentlicht werden, was sind denn Tabuthemen in Iran?

Madjid Mohit: Das sind mehrere Sachen – alles, was um Sexualität, Erotik geht sowieso. Religion, Mullahs, politische Themen teilweise – sobald sie das Regime betreffen. Damals, als ich angefangen habe, die Liebe, Liebesromane waren verboten.

Karriere-Einsichten: Ändert die Zensur die Art des Schreibens?

Madjid Mohit: Wenn man nicht klar und deutlich reden kann, muss man es versteckt tun. Deswegen ist Lyrik sehr beliebt in Iran. Durch Lyrik kann man Sachen versteckt schreiben.

Karriere-Einsichten: Kann man mit Lyrik in Deutschland Geld verdienen?

Madjid Mohit: Nein. Aber man kann Herzen gewinnen. Lyrik ist besonders. Ein großer Teil unserer Bücher ist Lyrik. Man könnte sagen, die Lyriker sehen die Welt anders. Das sind unterschiedliche Welten, unterschiedliche Bilder. Das ist das Herz des Verlages. Die besten, die schönsten Veranstaltungen machen wir mit Lyrik.

Lyrik ist ein großer Teil des Verlages, ein Prestige, aber auch eine riskante Sache. Die kleineren Verlage riskieren am meisten.

Karriere-Einsichten: Der Verlag sind Sie, eine Auszubildende und freie Mitarbeiter

Madjid Mohit: So ist es.

Karriere-Einsichten: Also eine One-Man-Show…

Madjid Mohit: Ja. Ich hätte es gerne anders gehabt, aber es ist abhängig von finanziellen Aspekten.

Karriere-Einsichten: Ihr Verlag macht mittlerweile ja weit mehr als Exilliteratur…

Madjid Mohit: Exilliteratur, da muss man erklären, was damit gemeint ist. Exilliteratur, die wir präsentieren, bedeutet, dass die Autoren in der zweiten Sprache schreiben. Die Themen müssen nicht unbedingt Exil sein.

Noch eine One-Man-Show

Madjid Mohit: Was Exilliteratur früher besonders bezeichnete, waren die Themen, die dann über die Situation gemeckert haben, das ist aber hier nicht der Fall. Hauptsächlich arbeite ich mit Iranern, die hier in zweiter Sprache schreiben über Themen, die auf diesem Markt interessant sind. Ich möchte gerne mit Autoren arbeiten, die hier in Deutschland leben, damit sie auch präsent sind, damit sie Lesungen machen können, damit sie von der Gesellschaft etwas haben, damit sie sich auf diesem Markt einmischen.

Karriere-Einsichten: Kann Deutschland von Iran etwas lernen?

Madjid Mohit: Das könnte ruhig passieren. Zum Beispiel könnten die Leute ein bisschen mehr über Zensur erfahren und sich ein bisschen solidarisieren. Denn Lernen kann man immer voneinander.

Über die Autorin: Denise Müller interviewte Madjid Mohit, dessen Verlag in diesem Jahr 15 Jahre alt wird. Er verlegt unter anderem iranische Exilliteratur. Und liebt Lyrik, auch wenn man damit (noch) kein Geld verdienen kann…

Artikelbild: Alexei Zinin/ Shutterstock

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