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Lust auf Vorgekautes? Leser wollen mehr Tiefgang in den Medien, sich ihre eigene Meinung schaffen. Unterschiedlichste politische und nationale Meinungen der Welt sollen dabei zusammengetragen werden. Ein Zwischenruf von Fabian Neuen…

[dropcap]O[/dropcap]ktober. Der Wintereinbruch ist nahe, die ersten Weihnachtskalender sind in den Supermärkten erhältlich. Der erste Jahresrückblick kommt bestimmt. Soweit muss man gar nicht gehen, und doch ist das Jahr 2011 ein ganz besonderes. Wir haben doch keine Zeit?!

Wir haben zahllose Events von internationaler Bedeutung erlebt, haben gehofft, gebangt, getrauert und … vergessen. Es ist keine zehn Monate her, dass der Arabische Frühling in Tunesien seinen Anfang nahm.

Fast im Wochentakt gaben sich neue internationale Ereignisse die Klinke in die Hand: Unruhen in Ägypten, die nukleare Katastrophe von Fukushima sowie Hungerkatastrophe in Ostafrika, um nur einige zu nennen. Die meisten dieser Ereignisse haben einen Ausstrahleffekt auf ihre Region oder sogar auf die gesamte Welt.

Und diese werden je nach politischer Strömung und Land unterschiedlich bewertet. Wenn wir Fukushima heranziehen, dann löste dies in der Region akute Sorgen um eine nukleare Verunreinigung der Umwelt aus, auf weltweiter Ebene ist der Ruf nach dem Atomausstieg laut geworden.

Neben der unterschiedlichen Bewertung ist festzustellen, dass die Halbwertszeit der Berichterstattung äußerst gering ist – Tendenz sinkend. Selbst Events von globaler Bedeutung wurden häufig nach einer Woche wieder aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt.

Nach Jahren der Verseichtung der Medienlandschaft erleben wir derzeit eine Rennaissance journalistischer Initiativen, argwöhnisch beäugt von den traditionellen Medienkonzernen und mit Skepsis von den Lesern befolgt.

Ist Apple böse?

Ein weiteres Beispiel für einseitige Berichterstattung und Eventgetriebenheit ist das iPhone. Die Diskussion über die Geodatenspeicherung beherrschte das Sommerloch. In Deutschland formte sich ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Apple: man liebt die Produkte und ist geradezu vernarrt in das Design. Zugleich verteufelte man diese Indiskretion in der Privatsphäre. Hier gab es keine Grauzone – Apple war böse; keine Diskussion.

Zeitgleich debattierte auch die amerikanische Öffentlichkeit darüber, und kam in zahlreichen Beiträgen zu dem Schluss, dass die Geodatenspeicherung ein Segen sei, da sie insb. im Katastrophenfall großartige Dienste leisten könne. Der Blick über den Teich hätte also allen Interessierten neue und für den Einzelnen vermutlich überraschende Einblicke gegeben.

Am Ende ist in den Köpfen etwas ganz anderes hängengeblieben: Steve Jobs ist tot.

Trotz dieser offensichtlichen Unzulänglichkeiten in der Medienlandschaft gibt es keine global Plattform, in der die unterschiedlichen politischen, nationalen und interdisziplinären Sichten gleichwertig nebeneinander gestellt werden. Das Hauptargument vieler Medienmacher ist immer dasselbe – unabhängig von Land und Medienformat: „Man passe sich den Wünschen der Lesern an, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein“.

Bei einer solchen Argumentation drängen sich verschiedenste Fragen auf:

  • Ist der Leser (wenn es diese Verallgemeinerung denn überhaupt gibt) wirklich an Einheitsbrei interessiert?
  • Ist die Monetarisierung von Medieninhalten – unabhängig von den Leserwünschen – bereits erschöpft?
  • Ergeben sich nicht weitere, auch unkonventionelle Umsatzströme?

Eric Schmidt, ehemals CEO von Google, meinte bereits einmal „the value of content is zero“. Diese Fragen werden wir jedoch an anderer Stelle beantworten.

Inseln der Seligen

An unterschiedlichsten Universitäten haben wir im Rahmen von Vorträgen und Experimenten interessante und auf den ersten Blick widersprüchliche Einsichten erhalten. Auf die Frage hin, was Studenten mit der modernen Medienlandschaft assoziieren tritt eine sehr reflektierte und skeptische Grundhaltung zutage.

Die Angst vor Konzentration und Manipulation wird geäußert, ebenso wird der Qualitätsverlust beklagt. Bei einer absoluten Bewertung wurden von denselben Studenten schlussendlich positive Noten verteilt.

Die Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch erfolgt aus zwei Gründen: zum einen ziehen die Studenten für sich einen internationalen Vergleich und stellen fest, dass die Vielfalt an Publikationen in Deutschland begrüßenswert groß und die Durchlässigkeit anderer Meinungen gegeben ist.

Zum anderen extrapolieren sie jedoch Trends, die sie im Ausland beobachten, auf die heimische Medienlandschaft. Berlusconi und Murdoch stehen hierbei für eine beispiellose Konzentration an Medienmacht, die nur zu häufig auch für politische Zwecke verwendet wird.

Untermauert werden diese Beobachtungen mit Rankings der Organisation „Journalistes sans Frontières“. Hierbei schneidet Deutschland mit einem 17. Rang passabel ab.

Schöne neue Medienwelt

Überall auf dem Globus sprießen neue Medienformate aus dem Boden, die für mehr Tiefgang stehen und die Pressefreiheit zelebrieren. Sehr erfolgreich operiert ProPublica in den USA und hat 2011 auch den begehrten Pullitzer-Preis gewinnen können.

Mit großen Vorschusslorbeeren ausgestattet startet Anfang 2012 in Australien TheGlobalMail, um eine vom Murdoch-Konzern unabhängige Berichterstattung zu gewährleisten. In Zentralasien hat sich ein Blogformat namens NewEurasia erfolgreich gebildet, das den lokalen Diktaturen trotzt und den Menschen mehr Wirklichkeit und reales Geschehen nahebringt.

In Zukunft erwartet den Leser nicht nur eine Herleitung aus dem historischen und kulturellen Kontext, sondern auch eine Status Quo-Betrachtung aus unterschiedlichen politischen Schattierungen und nationalen Perspektiven.

Um es konkret zu machen: Wie würden Sie finden, wenn die Staatenfrage Palästinas (zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags eine sehr aktuelle und relevante Frage) aus einer palästinensischen, israelischen, europäischen, amerikanischen und indischen Perspektive betrachtet wird?

„Der Markt hat recht“

Eine Tatsache steht außer Frage: Die Marktmechanismen greifen auch bei den neuen Angeboten. Reines Gutmenschentum wird nicht nachhaltig sein. Jedoch wird es nicht die eine Lösung geben. Alle oben genannten Projekte verfolgen einen unterschiedlichen Ansatz, der sich aus ihrer regionalen Herkunft und ihrem Anspruch heraus ableitet.
Passivität gibt es genug

Wie alle großen Projekte in der Geschichte der Menschheit beginnt alles mit einer Idee, einer Vision. Die in die Tat umgesetzt wird. Und zwar nicht von einem Einzelnen, sondern von einer ganzen Bewegung. Es gibt keine Ausreden – Passivität gibt es schließlich genug.

Wer bessere Medien möchte, muss künftig auch für sie eintreten, direkt oder indirekt. Hätte vor einigen Jahren jemand geglaubt, dass das vermutlich ausführlichste Lexikon der Welt durch gemeinschaftliche Anstrengung von Menschen auf der ganzen Welt in kürzester Zeit geschaffen werden könnte? Vermutlich nur die wenigsten. Die gute Nachricht ist: es funktioniert.

Sichtweise! Fabian Neuen ist Gründer von Fair Observer, einem internatinalen Onlinemagazin, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, Meinungsvielfalt zu fördern und für mehr Transparenz in der Medienlandschaft zu sorgen…

Artikelbild: © NN/ Fabian Neuen

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