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Wir werden immer älter, und zugleich werden wir immer weniger. Die demografische Entwicklung hat uns in die Zange genommen, und die Folgen sind, was die Fakten betrifft, für die nächsten Jahrzehnte recht genau berechenbar. Eine Agenda für den „neuen Pakt“ der Generationen. Von Lothar Späth und Helmut Henzler…

In Deutschland leben etwa 82 Millionen Menschen, in 50 Jahren wird unser Land noch 65 bis 70 Millionen Einwohner zählen. Heute sind 80 Prozent unter 65 Jahre alt, dann nur noch 60 Prozent. Heute haben wir 545.000 Mitbürgerinnen und Mitbürger jenseits der 90, im Jahre 2060 werden es knapp drei Millionen sein.

Zu viele Wohnungen und zu große Abwassersiele, zu viele Rentner und zu wenig Beitragszahler, zu viele Pflegefälle und zu wenig Pfleger – da braut sich ein Bündel von Problemen zusammen, das keinen Lebensbereich unberührt lassen wird.

Die Fakten sind das eine, das andere ist, wie wir mit ihnen umgehen. Wir können abwarten und nichts tun, bis unsere Wirtschaftsleistung aus Mangel an qualifizierten Fachkräften schrumpft.

Wir können mit den Schultern zucken ob der Aussicht, dass immer mehr Menschen im Alter zu verarmen drohen. Oder wir suchen jetzt nach Lösungen, damit der demografische Wandel nicht ins gesellschaftliche Dilemma führt, sondern in eine bessere Zukunft.

Viele Initiativen und Projekte

In allen Sphären des sozialen und des privaten Zusammenlebens experimentieren beherzte, engagierte Menschen mit dem Ziel eines erfüllteren Miteinanders. Das sind ausgezeichnete Voraussetzungen für das, was vor uns liegt, nämlich der aktive Umbau der Gesellschaft im Zuge des demografischen Wandels.

Da wird alles das gebraucht – bürgerschaftliches Engagement in der unmittelbaren Umgebung oder für die große Gemeinschaft, persönlicher Einsatz ohne Entgelt in Euro und Cent, Neugier auf neue Modelle und die Offenheit, sie zu erproben.

Aber mit bürgerschaftlichem Engagement und sozialer Kreativität allein ist es nicht getan. Auch der Staat ist gefordert. Er muss grundlegende Entscheidungen treffen, damit wir den demografischen Wandel bestehen. Es müssen richtungsweisende Entscheidungen sein, und die Richtung heißt:

„Lasten und Leistungen neu verteilen“

Das Verhältnis der Generationen zueinander muss neu austariert werden, Lasten und Leistungen müssen so verteilt werden, dass auch in der schrumpfenden, alternden Gesellschaft von sozialer Gerechtigkeit gesprochen werden kann. Deutschland braucht eine Agenda, die ein großes Ziel hat – einen neuen Pakt der Generationen.

Neues Verständnis von Leistung und Solidarität

Der Kern dieses Paktes ist ein neues Verständnis von Leistung und Solidarität im Lichte der steigenden Lebenserwartung. Fortschritte der Zivilisation – vor allem bei der Medizin, der Ernährung und der Art zu arbeiten – haben uns seit Beginn des vorigen Jahrhunderts einen Zugewinn an Lebenszeit um durchschnittlich 30 Prozent eingebracht, und Bevölkerungswissenschaftler rechnen damit, dass diese Entwicklung weitergeht.

Aber die Lebensarbeitszeit ist zugleich immer kürzer geworden. Dort liegt der zentrale Ansatzpunkt für den neuen Pakt der Generationen: Die gewonnenen Jahre können und müssen zu einem Teil gleichsam in die Gesellschaft reinvestiert werden. Und dafür muss in einem großen Umbauprozess der Rahmen geschaffen werden.

Zunächst gilt es, die Regelaltersgrenze anzuheben und zugleich zu öffnen für jene, die noch länger arbeiten können und wollen. Wer nicht mit 65, sondern mit 67 oder 70 Jahren die Erwerbsarbeit beendet und in den Ruhestand tritt, entlastet die gesetzliche Rentenversicherung. Weitere Entlastung muss sie dadurch erfahren, dass auch auf höhere Einkommen als bisher und vor allem nicht mehr nur auf Löhne und Gehälter Beiträge zu entrichten sind.

Aber der neue Pakt der Generationen soll das Rentensystem nicht nur finanziell stabilisieren, indem einerseits mehr Beitragseinnahmen generiert werden und andererseits die Leistungen später beginnen. Das ist sinnvoll und notwendig, aber der entscheidende Schritt greift viel weiter. Er zielt auf eine vierte Säule für das System der Altersvorsorge in Deutschland – neben der gesetzlichen Rente, der Betriebsrente und der privaten Vorsorge.

25 bis 40 Lebensjahre nach dem Beruf

Die vierte Säule stockt die Euro-Renten um eine Komponente auf, die bei den Beiträgen und bei den Leistungen nicht in Geld, sondern in Zeit gerechnet wird: Heute helfe ich bei der Altenbetreuung in meinem Stadtviertel, kümmere mich um benachteiligte Jugendliche, gebe der Migrantin Deutsch-Nachhilfe oder gehe dem Behinderten im Haushalt zur Hand; und später, wenn ich selbst Hilfe gebrauchen kann, tausche ich die Zeit zurück.

Für diese Zusatzrente in der Zeit-Währung muss der Staat den Rahmen schaffen, so wie er unter den Stichworten »Riester« und »Rürup« den Rahmen für die finanzielle Rentenergänzung geschaffen hat. Diesmal geht es darum, eine Ressource organisiert nutzbar zu machen, die in Zukunft nicht knapper, sondern reichlich verfügbar sein wird, nämlich die Zeit. Nach der Berufsphase können wir noch 25 bis 40 Lebensjahre erwarten.

In den ersten zehn bis 20 Jahren, so das Konzept, sollten wir mit einem Teil der geschenkten Zeit sozialen Nutzen stiften, und danach kommt die Phase, da wir selbst in Anspruch nehmen, was jüngere Senioren ihrerseits an sozialer Aktivität leisten. Große Sozialorganisationen wie Caritas und Diakonie, aber auch Kommunen sollten die Rolle der Clearingstelle übernehmen: Sie schaffen oder vermitteln die Einsatzmöglichkeiten, erfassen die Zeitgutschriften und garantieren ihren Wert.

Neue, zusätzliche Leistungen mobilisiert

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Die Einführung eines solchen Vorsorgesystems auf der Basis Zeit ist der Hauptpunkt auf der Agenda für den neuen Pakt der Generationen.

Es wäre der wichtigste Schritt, die Folgen des demografischen Wandels so zu gestalten, dass wir alle dabei gewinnen. Denn es entsteht nicht nur neuer Spielraum für soziale Sicherheit, ohne dass zusätzliches Geld fließen muss.

Damit entsteht eine neue Dimension der Solidarität. Es geht um die logische Fortsetzung des bestehenden Sozialvertrages zwischen den Generationen. Erst gibt man, dann nimmt man – aber immer geht es um direkte Hilfe von Mensch zu Mensch, und das ist Gemeinnutz im besten Sinne.

Auf die Agenda gehören einige weitere Punkte, die wir ausgeführt haben. Für junge Menschen beiderlei Geschlechts sollte eine einjährige Dienstpflicht eingeführt werden. Idealerweise sollte diese zwischen dem 16. und 22. Lebensjahr geleistet werden.

Bestehenden Angebote gemeinnütziger Dienste für junge Menschen, wie das soziale Jahr, das ökologische Jahr sowie verschiedene internationale Einsatzmöglichkeiten, sollten dafür ausgebaut werden. Der Wehrdienst bleibt als eine Wahlmöglichkeit bestehen, soweit die Bundeswehr Verwendung und Stellen dafür hat.

Das Haupteinsatzgebiet sollte jedoch die soziale Arbeit sein. Denn mit der Zahl älterer Menschen steigt der Bedarf an Hilfe, Betreuung und Pflege. Während des Dienstjahres können junge Menschen in dieser Hinsicht Fertigkeiten erlernen und Erfahrungen sammeln, die sie zeitlebens nutzen.

Früher war der Wehrdienst der Beitrag, den jeder (geeignete) junge Mann für den Staat zu leisten hatte, und zwar zur Verteidigung der äußeren Sicherheit. Jetzt muss von allen ein – aktiver und nicht nur finanzieller – Beitrag zur sozialen Sicherheit geleistet werden, und sie ist nicht minder wichtig als die militärische Sicherheit.

Aber auch und gerade in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft muss die wirtschaftliche Leistung stimmen, wenn wir unseren Wohlstand bewahren wollen. Künftig wird auf dem Arbeitsmarkt jeder gebraucht. Frauen müssen Beruf und Familie miteinander vereinbaren können, damit sie besser erwerbstätig sein können. Deshalb muss vor allem die öffentliche Kinderbetreuung weiter ausgebaut und zu Konditionen angeboten werden, die – zum Beispiel – auch die alleinerziehende Verkäuferin bezahlen kann.

Mehr Frauen, mehr Ausländer im Beruf

Neben einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen braucht unsere Wirtschaft auch mehr Ausländer. Die Zuwanderung von Fachkräften auch von außerhalb der Europäischen Union muss vereinfacht und erleichtert werden. Nach dem Vorbild Kanadas könnten Berufe, die auf unserem Arbeitsmarkt fehlen, für Ausländer freigegeben werden.

Vor allem aber sind enorme Bildungsanstrengungen nötig, damit nicht länger Zehntausende junger Menschen ohne Schulabschluss ins Leben gehen, ohne die Chance auf eine Berufsausbildung, die die Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt darstellt.

Auch auf diesem Feld können Senioren viel bewirken, wenn sie einen Teil der geschenkten Lebensjahre in die Gesellschaft investieren und so auch für sich selber vorsorgen. Und das Schöne dabei ist: Wer etwas für andere tut, merkt schnell, dass es nicht nur ein Zeitvertreib ist, nicht nur eine Vorleistung, die man später zurückbekommt – und erst recht nicht nur ein Akt rationaler Selbstversicherung. Zu alledem hält es den eigenen Geist wach, bringt große Befriedigung und gibt dem Leben zusätzlichen Sinn.

Mehr lesen? Sie können das Buch „Der Generationen-Pakt. Warum die Alten nicht das Problem, sondern die Lösung sind“, erschienen 2011 im Hanser-Verlag, kaufen.

Artikelbild: ARochau/ Fotolia.com

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