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Werner Eichhorst vermisst eine „passgenaue Förderung“ benachteiligter Jugendlicher. Arbeitslosigkeit sei die Folge. In der Warteschleife…

[dropcap]D[/dropcap]ie berufliche Perspektive eines jungen Menschen hängt bereits vom Einstieg ab. Werner Eichhorst, stellvertretender Direktor des Bereichs Arbeitsmarktpolitik am Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und Jurymitglied des DEICHMANN-Förderpreises gegen Jugendarbeitslosigkeit, analysiert dies in seiner Studie „Benchmarking Deutschland – Erwerbstätigkeit im Lebenszyklus“.

Der Experte warnt: Jugendliche brauchen an der Schwelle von der Schule in das Berufsleben die Unterstützung von engagierten Erwachsenen. Wenn Jugendliche keine Lehrstelle finden, sind sie bereits in jungen Jahren von Niedriglohnarbeit und Arbeitslosigkeit bedroht; eine zukunftsträchtige Berufsperspektive rückt in weite Ferne.

Die Vorbereitung auf die berufliche Zukunft beginnt schon in jungen Jahren. Bereits in den unteren Klassenstufen sollte eine umfangreiche Berufsvorbereitung fester Bestandteil des Lehrplans sein. Trotzdem bleiben in jedem Jahr zahlreiche Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

„Passfähigkeit“ der Bewerber ein Problem

Der Arbeitsmarktforscher Werner Eichhorst vom IZA weiß wo die Probleme liegen, wenn kein reibungsloser Übergang von der Schule in den Beruf möglich ist. „Oft sind die angebotenen Maßnahmen für Jugendliche die keine Lehrstelle bekommen haben, unzureichend“, sagt Werner Eichhorst.

„Diese Maßnahmen münden nicht unmittelbar in eine vollqualifizierende Berufsausbildung, sondern dienen in vielen Fällen als Warteschleife, in der nicht immer passgenau auf die individuellen Schwierigkeiten der Teilnehmer eingegangen wird“, so der Experte weiter.

1. Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen

Deutschland zeichnet sich zunächst durch eine im internationalen Vergleich sehr geringe Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen aus. Dies gilt bereits seit längerem im Vergleich zur Arbeitslosenquote aller Erwerbspersonen, inzwischen aber auch bei der absoluten Höhe.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass die geringe Jugendarbeitslosigkeit vor allem auf die vergleichsweise lange allgemeine Schulpflicht und das weit ausgebaute staatlich geförderte Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung zurückzuführen ist. Besonders deutlich wird dies bei der Betrachtung der so genannten NEET-Quoten (Not in employment, education or training).

Während der Anteil derer, die weder einer schulischen oder beruflichen Ausbildung noch einer Erwerbsarbeit nachgehen, in der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen lediglich vier Prozent beträgt, sind es bei den 20- bis 24-Jährigen bereits 14 Prozent und bei den jungen Erwachsenen zwischen 25 und 29 Jahren sogar 17 Prozent.

Auffällig ist weiterhin, dass in der höchsten Altersgruppe bereits mehr weit als die Hälfte der Personen ohne Erwerbstätigkeit außerhalb schulischer und beruflicher Ausbildung keine Bindung mehr zum Arbeitsmarkt hat, also nicht aktiv auf der Suche nach einer Erwerbstätigkeit ist.

2. Der Ausbildungsmarkt

Nachdem der Ausbildungsmarkt in Deutschland bis zur Mitte der 2000er Jahre sehr angespannt war und noch im Jahr 2006 knapp 50.000 unversorgte Bewerber hervorgebracht hat, ist in der letzten Zeit eine deutliche Entspannung zu verzeichnen. Zum Stichtag 30.09.2010, also zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres, betrug die Zahl der Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden konnten und bei der Bundesagentur für Arbeit, den Arbeitsgemeinschaften oder den zugelassenen kommunalen Trägern gemeldet waren, nur noch 12.300.

Die rechnerische Einmündungsquote in berufliche Ausbildung pendelt bereits seit drei Jahren relativ eng um den Wert von zwei Dritteln. Dies gilt als Anzeichen für eine ausreichende Versorgung mit Ausbildungsplätzen. Allerdings sind im letzten verfügbaren Berichtsjahr 2009 je nach Zählweise auch zwischen 346.000 und 381.000 Jugendliche neu in Maßnahmen eingetreten, die auf eine Berufsausbildung vorbereiten sollen.

Diese Maßnahmen münden nicht unmittelbar in eine vollqualifizierende Berufsausbildung. In vielen Fällen fungieren sie eher als Warteschleifen, die nicht immer passgenau die individuellen Defizite der Teilnehmer beheben. Damit besteht die Gefahr für Jugendliche in solchen Maßnahmen, dass sie danach dennoch keine gestiegenen Chancen auf einen regulären Ausbildungsplatz haben.

3. Hohe Spreizung der Beschäftigungsquoten

Die Beschäftigungsquoten für junge Menschen in Deutschland, die sich nicht mehr im schulischen oder beruflichen Bildungssystem befinden, weisen im internationalen Vergleich eine hohe Spreizung auf. Einerseits sind Hochschulabsolventen auffällig gut in den Arbeitsmarkt integriert, andererseits fällt die Beschäftigungsquote für Geringqualifizierte sehr niedrig aus.

Jugendliche mit mittlerer Qualifikation, also mit Abitur oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung, liegen bei der Beschäftigung im Mittelfeld. Das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit liegt für alle drei Qualifikationsgruppen in Deutschland in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen relativ hoch. So sind zwei von drei arbeitslosen Geringqualifizierten ohne weiterführenden Schulabschluss und ohne abgeschlossene Lehre länger als sechs Monate ohne Beschäftigung. Bei den jungen Erwachsenen mit Abitur oder abgeschlossener Berufsausbildung sind es 60 Prozent.

4. Die Ausbildungsreife der Jugendlichen

Bei den Indikatoren aus dem schulischen Bereich, die einen Eindruck über die allgemeine Ausbildungsreife geben können, liegt Deutschland häufig im Mittelfeld. Dies gilt etwa für den Anteil der frühen Schulabgänger, der in Deutschland knapp 12 Prozent beträgt. Wesentlich geringere Quoten finden sich lediglich in manchen mittel- und osteuropäischen Ländern.

Nach den Auswertungen der aktuellen PISA-Studie befinden sich die 15-jährigen Schüler in Deutschland bei der Lesekompetenz und auch bei der Streuung dieser Testergebnisse weiterhin im Mittelfeld. Besser sieht es bei den Kompetenzen in Mathematik aus. Dort liegen die Testergebnisse der Schülerinnen und Schüler in Deutschland auf dem zehnten Platz von 33 OECD-Ländern. Allerdings ist die Streuung der Ergebnisse hierzulande auch besonders ausgeprägt.

Der Abstand zwischen den zehn Prozent besten und den zehn Prozent schlechtesten ist der sechsthöchste. Negativ fällt Deutschland beim Anteil der 20- bis 24-Jährigen auf, die mindestens einen Abschluss der Sekundarstufe II haben (Abitur oder abgeschlossene Berufsausbildung). Hierzulande sind es lediglich 74 Prozent, während die Slowakei oder Polen mehr als 90 Prozent und Schweden, Irland und Finnland immerhin noch über 85 Prozent erreichen.

Der DEICHMANN-Förderpreis ist insgesamt mit 100.000 Euro dotiert. In die engere Wahl kommen insbesondere Projekte, die sich nicht nur aus öffentlichen Mitteln finanzieren. Die Bewerbungsfrist läuft bis 30. Juni…

Interessierte Unternehmen, Vereine, öffentliche Initiativen und Schulen, die sich für benachteiligte Jugendliche einsetzen, können sich noch bis zum 30. Juni 2011 bewerben. Die Bewerbungsunterlagen gibt es zum Download unter www.deichmann-foerderpreis.de oder beim Wettbewerbsbüro unter der Telefonnummer 0180 / 5010759 (14 Cent/Min.)

Artikelbild: Werner Eichhorst/ Privat

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