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Migranten und Elite passt für viele nicht zusammen. Jeder vierte Einwanderer beweist das Gegenteil: Sie sprechen zwei Sprachen fließend, studieren. Der Weg nach oben beginnt dabei oft sehr weit unten, Angst, Verfolgung. Louisa Thomas und Sabrina Kurth berichten…

[dropcap]E[/dropcap]s klackert, wenn Solin Ahmad die Prinzregentenstraße in Ludwigshafen entlang geht. Die 21-jährige trägt enge Jeans, hohe Pumps, die langen schwarzen Haare wippen auf ihren Schultern, die goldenen, verspielten Ohrringe glitzern in der Sonne.

Ihr Blick ist bestimmt, jeder Schritt wohl überlegt. 2008 wurde Ahmad Miss Ludwigshafen, in der Schule schrieb sie nur Einsen. Ihre Freizeit verbringt sie beim Offenen Kanal, den JuSos oder einem Umwelt-Projekt. Ihr Ziel: die Chefetagen Deutschlands. “Ich will alles geben, damit ich meine Träume verwirklichen kann“, so die Kurdin.

Migranten und Elite – das passt scheinbar nicht zusammen. Eine Studie des Heidelberger Instituts „Sinus Social Vision“ hat herausgefunden, dass rund ein Viertel der Migranten in Deutschland zur so genannten „Migrantenelite“ zählt. Sie sind stolz auf ihr Leben zwischen zwei Nationen, sprechen mindestens zwei Sprachen fließend, studieren und arbeiten – inzwischen auch vermehrt als Manager.

Der ehemalige Bundesinnenminster Wolfgang Schäuble (CDU) sieht diese Entwicklung positiv: “Es gibt sehr viele tolle junge Leute mit Migrationshintergrund in Deutschland. Vor allem aber gibt es viele starke, junge Frauen, die sich zum Teil gegen Widerstände in ihren Elternhäusern durchgesetzt haben, sich unheimlich engagieren und erfolgreich sind.“

Engagement spricht nicht gegen die Religion

Solin Ahmad gehört zu dieser neuen Elite. Sie kommt aus dem Irak. 2008 wurde sie als hochbegabte Schülerin in die teils privat und teils vom Land getragene START-Stiftung aufgenommen. Ihre muslimische Herkunft stand bei der Verfolgung ihrer Ziele bisher nicht im Weg.

“Wir sind natürlich gläubig, aber das heißt nicht, dass jungen Mädchen verboten wird, etwas zu erreichen“, sagt die Schülerin. „Ich bin zum Beispiel Miss Ludwigshafen geworden, weil ich mich engagieren wollte und das verbietet mir meine Religion nicht.“

Migrationshintergrund als Katalysator? Laut der Heidelberger Studie profitieren die aufstrebenden Migranten vor allem von ihrer„lebensgeschichtlichen Inspiration“. Während ihre Eltern als Gastarbeiter oder Flüchtlinge nach Deutschland kamen und von Grund auf neu anfangen mussten, streben ihre Kinder nun mit dem Wissen über diese Erfahrungen nach oben.

Ein Leben am Abgrund, wie es ihre Eltern teilweise führten, wollen sie unter keinen Umständen erleben.
Fast 70 Prozent der deutschen Migranten denken, dass jeder, der kämpft, es in Deutschland auch schaffen kann.

“Migranten haben in diesem Land alle Chancen dieser Welt“, sagt auch Bundesinnenminister Schäuble. Den Schlüssel zum Erfolg von Migranten sieht er in der Verknüpfung von Integration und Aufstieg. “Sie müssen sich anstrengen und Deutsch lernen. Aber wenn sie gut sind, schaffen sie alles.“

Gut ist auch der Deutsch-Inder Apu Gosalia. Wenn er aus dem Fenster seines Mannheimer Büros schaut, sieht er große und kleine Fabrikgebäude mit unzähligen, silbrig glänzenden Rohren, deren Rauchschwaden langsam über den Dächern seiner Heimatstadt aufsteigen.

Rund ein Viertel der Migranten in Deutschland zählt mittlerweile zur Bildungselite. Sie studieren und arbeiten in Führungspositionen. Sabrina Kurth und Louisa Thomas haben drei Migranten und deren Weg zum Erfolg porträtiert.

Gosalia wollte schon immer ganz oben mitmischen. Deshalb studierte der Mannheimer Wirtschaft an einer der besten Universitäten Deutschlands und verbrachte mehrere Semester in den USA.

Für seine Diplomarbeit erhielt er einen deutschen und einen amerikanischen Förderpreis. Heute leitet Gosalia das strategische Marketing der Fuchs Petrolub AG.

Harte Arbeit und viel Ehrgeiz

Trotz seiner indischen Wurzeln fühlt sich Gosalia vor allem als Deutscher. Seine Eltern kamen in den 1950ern nach Deutschland und hatten nie vor, zurück nach Indien zu gehen. Seine Muttersprache Hindi lernte der Mannheimer deshalb kaum, wuchs stattdessen mit Deutsch, Englisch und „Monnemer“ Dialekt auf.

Als Sohn indischer Migranten hatte er es nicht immer leicht. “Meine Eltern haben immer versucht mir alles zu ermöglichen, aber das meiste musste ich mir selbst erarbeiten“, sagt er. Sein Tipp: harte Arbeit und viel Ehrgeiz.

Migranten wie Ahmad und Gosalia sind eine Chance für Deutschland. Sie repräsentieren eine starke Kraft, die die gesamte Integration voranbringen kann.

Denn genauso wie es rund ein Viertel der Migranten bis in die deutschen Führungsetagen schaffen, bleiben rund 25 Prozent der Migranten auf der Strecke –- oft nur mit ungenügenden Sprachkenntnissen, wenigen sozialen Kontakten zu Deutschen und ohne Bildungabschluss.

Vorbildfunktion der Eltern

Gerade für sie erachtet Bundesinnenminister Schäuble die Migrantenelite als Ansporn. “Eliten haben ja immer eine Vorbildfunktion. Ich sage immer ‚Zeigt euch!‘ Erzählt es den anderen, macht denen jungen anderen Kinder, deren Eltern Migraten sind, Mut und zeigt ihnen, wie es geht.“

Ahmad ist sich dieser Verantwortung bewusst. Als sie hierher kam, war sie acht Jahre alt, sprach kein Wort Deutsch. Die verpassten Schuljahre holte die Kurdin schnell nach.

Als Ahmads Familie im Dezember 1998 aus dem Irak nach Deutschland kam, flohen die Kurden vor Saddam Husseins Terrorregime, wo Bücherverbrennungen, Gefängnis und sogar der Tod auf der Tagesordnung standen.

Die damalige Hoffnung der Familie war simpel: ein besseres Leben in Deutschland. Ahmads heutiger Anspruch ist es genauso. Sie will das, was ihr in Deutschland ermöglicht wurde, zurückgeben: “Ich möchte den Menschen helfen. Deswegen versuche ich immer alles zu geben – damit ich meine Ziele, meine Träume verwirklichen kann und dabei auch etwas zurück gebe.“

Sichtweise! Sabrina Kurth mag das Wort Elite eigentlich überhaupt nicht. Wenn es aber hilft, junge Menschen anzuspornen sich zu engagieren und Vorbilder zu sein, dann kann sie mit der Wortwahl gut leben…

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

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Sabrina Kurth studiert Britische und Nordamerikanische Kulturstudien in Freiburg. Sabrina hospitierte bei RTL, der Deutschen Welle und beim SWR. Wenn Uni oder Arbeit gerade nicht rufen, ist sie auf Wandertour im Schwarzwald oder jongliert auf ihrem Balkon...

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