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Hier ein Training, da die Zusatz-Qualifikation. Viele sammeln solche Fleißkärtchen. Harte Arbeit, gute Leistungen. Sie freuen den Chef, schaden aber auch dem eigenen Aufstieg…

[dropcap]N[/dropcap]irgends bricht sich der Drang zur Perfektion so drastisch Bahn wie im Beruf. Denn wie in einem Brennglas bündeln sich in unseren Jobs die gesellschaftlichen Trends:

Die sprunghaft angestiegenen Optionen und die Idee, das eigene Leben als Projekt zu begreifen, aktiver zu sein, mehr Verantwortung zu übernehmen, selbstbestimmter zu agieren. Und damit im Beruf nicht mehr als „Arbeitnehmer“ aufzutreten, sondern als Unternehmer unserer selbst.

Vom Job strahlen diese Entwicklungen wieder auf unser übriges Dasein aus. So wie unsere Schreibtische ins Internet und von dort ins Straßencafé an der Ecke gezogen sind, so ist die Idee mitgezogen, unser Leben selbst wie einen kleinen Betrieb zu organisieren.

Wir belegen abends einen Business-Englisch-Kurs, weil das ja nie schaden kann. Wir checken im Urlaub Mails, weil etwas Wichtiges passiert sein könnte. Wir machen am Wochenende noch einen Abschlussbericht fertig.

Mit mildem Spott denken wir an unsere Väter mit ihren Stechuhren und geheiligten Feierabenden. Dieser graue Angestelltentypus ist passé, schreibt Jakob Schrenk im Buch „Die Kunst der Selbstausbeutung“: Nun sollen wir zur Marke werden, „zum aktiv-dynamischen, selbst-enthusiasmierten Marktteilnehmer“. Wir nennen es nicht Arbeit, weil wir dabei im Biergarten sitzen – bloß: Was ist der Unterschied?

Freude an der Arbeit und Engagement sind gut und wichtig. Aber die Frage ist doch: Bringt es uns wirklich weiter, Ansprüchen gerecht zu werden, die Vorgesetzte, der Konkurrenzdruck, die „Globalisierung“ an uns richten? Oder profitieren andere davon – während wir selbst, trotz ständigen Feilens an unserer „employability“, merkwürdig farblos bleiben und uns von unseren Zielen immer weiter entfernen?

Hippe 68er: Kapitalismus auf Vordermann

Das Credo des Industriezeitalters – if you do your job, you have a job – ist entsorgt, jetzt wird optimiert. „Es gibt immer was zu tun“: Der Baumarkt-Slogan ist zum Arbeitsmotto des frühen 21. Jahrhunderts geworden. Warum machen wir das eigentlich?

Noch bis Mitte der Achtziger war ein Job vor allem etwas, das man zu erledigen hatte. Das änderte sich, als in den späten achtziger Jahren die Ideen der 68er – das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung und -entfaltung – den gesellschaftlichen Mainstream eroberten. Der Wille (und die Erwartung von außen), etwas ganz Besonderes aus sich selbst zu machen, die stärkere Übernahme von Verantwortung als Unternehmer des eigenen Selbst – hier ist der Ursprung.

Und: Wer Spaß an der Arbeit hat, arbeitet auch mehr, besser, effizienter. Anstatt den Chef mit „Ich bin auf der Arbeit, nicht auf der Flucht“-Sprüchen zu nerven, erhöht er die Rendite.

Etwas Merkwürdiges war geschehen: Die ihrem Wesen nach antikapitalistische Haltung der 68er, ihr Individualismus und ihre Selbstfindungsorgien ließen sich ausgerechnet mit dem „Immer mehr, immer schneller“ des Kapitalismus kombinieren.

Buchautor Schrenk beschreibt das Phänomen so: „Wenn junge Banker oder Architekten heute über ihren Beruf reden, dann verwenden sie beinahe dieselben Wörter wie die Hippies in Woodstock: Selbstverwirklichung, besseres Leben, Glück, Veränderung und Spaß.“ Love and Peace als Mittel zur Steigerung der Produktivität.

Lob vom Chef: Schön und gefährlich

Im weltumspannenden Wettbewerb gesellte sich zum fröhlichen Individualismus noch das Ethos des Spitzensports: Streng dich an, gib alles, zieh dein Ding durch. Der Sportler, mit seiner gusseisernen Disziplin und dem unbedingten Willen zum Erfolg, hat den genialischen, aber doch recht schluffigen Popstar als gesellschaftliches Idol ersetzt.

Mehr noch: Die Popstars selbst haben ihr Sex-Drugs-Rock’n-Roll-Ding über Bord geworfen und gerieren sich als im Schweiße ihres Angesichts hart arbeitende Zeitgenossen, denen weniger ihr Talent als Fleiß und Ehrgeiz den Weg nach oben ebnen. Talent-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), in der Juror und Poptitan Dieter Bohlen seine Eleven permanent mit Sprüchen wie „Du musst noch härter an dir arbeiten“, „Showbusiness ist kein Spaß, sondern brutaler Wettbewerb“ traktiert, deklinieren diese Haltung dann bis ganz nach unten durch.

Vor allem Berufseinsteiger und Juniorkräfte bis 40 werkeln verbissen daran, die Anforderungen, die in Hunderten Karriereratgebern verbreitet werden, zu erfüllen. Sie quälen sich mit eingemeißeltem Lächeln durch Assessment Center, sie absolvieren Stationen im Ausland, im Vertrieb und im Controlling, um möglichst „breit aufgestellt“ zu sein. Sie arbeiten an ihrer Sozialkompetenz, sie perfektionieren ihre Soft Skills, sie machen einen „Master of Business Administration“, um sich für höhere Weihen zu empfehlen. Sie maximieren ohne Unterlass.

Das freut die Chefs, die Anbieter von Trainings, Coachings und Ratgeberliteratur. Nur: Ob es auch dem Optimierer den ersehnten Karriereschub bringt, ist oft zweifelhaft. Erstens gibt es da ein logisches Problem. Wer seine Aufgaben schnell und effizient erledigt, wird vom Chef gelobt. Das ist schön, aber auch gefährlich.

Warum sollte der Vorgesetzte ihn denn befördern? Dann wäre er ja seine beste Kraft los. So bleibt Herr Meier weiter der Controlling-Experte, der hofft, dass eines Tages seine Qualitäten erkannt werden.Es ist das Dornröschen-Syndrom: Warten auf den erlösenden Kuss, derweil der Status quo immer weiter zementiert wird.

Zweitens bedeutet immer mehr Einsatz nur bis zu einem bestimmten Punkt auch mehr Produktivität. Danach schlägt die Anstrengung in Stress um, die Leistung fällt trotz mehr Aufwand ab. Die Optimierung der Arbeitsleistung wird zum Bumerang. Wer ständig mit den Hufen scharrt, manisch Karrierebausteine sammelt und einen bestimmten Aufstiegspfad stur verfolgt, verkrampft und erreicht – gar nichts.

Das dritte und wichtigste Problem der Perfektionierung: Früher galt ein lückenloser, auf Karriere gebürsteter Lebenslauf, gepaart mit jeder Menge Einsatz und einem systematischen Aufstiegsdenken, als Nonplusultra. Heute haben alle im Studium Praktika gemacht und Rhetorikkurse besucht; alle durchlaufen in den ersten Berufsjahren verschiedene Stationen, alle sind selbstbewusst, topfit, kreativ und geben im Bewerbungsgespräch als „Schwäche“ brav an, dass sie gern alles selbst machen würden, weil Ratgeber das so empfehlen. Eine Stromlinie.

Nur: Das ist zu linear gedacht. Wenn alle gleich toll sind, ist niemand mehr einzigartig. Wer stets an einem vermeintlichen Musteraufstieg bastelt, der ist am Ende so optimal wie das Muster selbst – und wie Zehntausende andere, die sich daran orientiert haben.

Orientierung: Millionäre ohne Masterplan

Vor einigen Jahren recherchierte ich eine Geschichte über Jobs, in denen man mehr als eine Million Euro im Jahr verdient. Nicht als Profifußballer oder als Robbie Williams, sondern mit theoretisch für jeden erreichbaren Bürojobs. Alle, mit denen ich sprach, hatten zwei verblüffende Dinge gemeinsam: Sie hatten keinen Plan, dem sie folgten, um dereinst Einkommensmillionäre zu werden.

Im Gegenteil: Der sicherste Weg, keine Million zu verdienen, so zeigte sich, ist der, es unbedingt zu wollen. Die zweite Gemeinsamkeit: An einem bestimmten Punkt ihres Lebens entschieden sich alle gegen den naheliegenden, klassischen Karriereschritt.

Auch Carl („Charly“) Woebcken ist gewissermaßen Fachmann für unorthodoxe Aufstiegswege. Der Chef und Mitinhaber der Babelsberger Filmstudios absolvierte einen beruflichen Zickzack-Parcours, bevor er im Studio Babelsberg landete, in seinem abgeschabten roten Glitzersessel, einen Steinwurf entfernt vom Studio-Requisitenfundus mit dem realsozialistischen Look & Feel der alten NVA-Uniformen.

Ganz früher wollte Charly Posaunist werde, wovon er jedoch wieder Abstand nahm, nachdem er im Stabsmusikkorps der Bundeswehr Howard Carpendale begleiten musste. Woebcken studierte Maschinenbau, wurde Ingenieur, ging zur Boston Consulting Group, erlitt Schiffbruch mit dem Kauf einer Ex-DDR-Firma, wurde Berater bei Roland Berger, wechselte zu Apollo Capital Partners und brachte im New-Economy-Hype eine Minifirma an die Börse.

Tipp: Das tun, was man wirklich gut kann

2004 kaufte er mit einem Kompagnon für einen Euro die Filmstudios Babelsberg, die 2005 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurden. Da war sie, die exotische Gelegenheit am Wegesrand. Exotisch und verrückt, denn das Filmgeschäft war etwas für irre Enthusiasten, die möglichst schnell möglichst viel Geld verbrennen wollten. Zumindest bis 2007 die Filmförderung geändert und Deutschland als Drehort rentabel wurde. Danach boomte das Studio, „The International“ oder „Operation Walküre“ wurden hier gedreht.

Hat Charly Woebcken Glück gehabt? Vielleicht. Folgte er einem Masterplan? Bestimmt nicht.
„Um wirklich erfolgreich zu sein, braucht man ein inneres Anliegen, eine Leidenschaft, die nichts mit Geld oder Karrierezielen zu tun hat“, sagt Top-Management-Coach Dorothee Echter. Es geht darum, das, worin man gut ist, weiterzuentwickeln. Das bringt mehr, als externe Vorgaben zu erfüllen und an Muster-Lebensläufen zu feilen, einem „Mutandenstadl“. Platt formuliert: Stärken zu stärken, statt Schwächen auszubügeln. So wird man Weltmeister in einer Sache, statt in vielen Dingen Kreisliga zu spielen.

„Do what you love and the money will follow“ – dieser Bestsellertitel ist sicher etwas zu schlicht. Einsatz und Initiative sind wichtig. Es kann aber nicht schaden, darüber nachzudenken, wofür es sich einzusetzen lohnt. Sonst kommt man vor lauter Erfüllen der Ansprüche von außen nicht mehr dazu, das zu tun, was man wirklich gut kann. Und der vermeintliche Karriereturbo geht nach hinten los.

Aus dem Buch „Die Perfektionierer“

Perfekte Kante oder echt, mit der einen oder anderen Ehrenrunde?

Besserer Job, mehr Gehalt, schöneres Haus, perfektes Privatleben – die Gesellschaft befindet sich im Optimierungswahn.

Warum es schädlich ist, wenn aus dem Drang zur Perfektion ein Zwang wird, und wer wirklich davon profitiert, das zeigt der renommierte Journalist und Autor Klaus Werle in seinem Buch „Die Perfektionierer„.

Immer mehr Menschen streben das perfekte Leben an, für sich und bereits für die eigenen Kinder – ob es um Fitness, Schönheit, Jugendlichkeit, Partnerschaft, berufliche oder schulische Erfolge geht.

Die Aufforderung, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen, ist so etwas wie das letzte Glaubensbekenntnis einer Zeit, in der fast alle großen Ideologien verschwunden sind.

Das Streben nach Perfektion ist zum kategorischen Imperativ des 21. Jahrhunderts geworden. »Jeder ist seines Glückes Schmied« – das ist nicht mehr nur ein Versprechen, sondern Pflicht. Der Druck auf den Einzelnen wächst. Und davon lebt eine ganze Industrie.

Werle deckt auf, wer wirklich davon profitiert: eine Industrie aus privaten Bildungsanbietern wie Nachhilfeinstituten, Privatschulen und Karriere-Coaches. Die Unternehmen, für die engagierte Menschen in Schule, Studium und Beruf das Letzte geben und ihnen als aktive Kunden freudig teure Serviceleistungen abnehmen. Der Staat, der weniger für Gesundheit und Renten ausgeben muss, sowie ganze Branchen, die vom Wunsch nach dem Besonderen und ethisch Guten leben. Fundiert und unterhaltsam entlarvt der Autor die subtile Ausbeutung der Sehnsucht nach Lebensglück durch die Wirtschaft.

Sichtweise! Klaus Werle (geb. 1973), studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik in Heidelberg. Klaus ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule. Seit 2004 ist er beim manager magazin Redakteur für die Ressorts Trends und Karriere. „Die Perfektionierer“ ist sein drittes Buch.

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

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