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Anerkennung braucht jeder, auch Ex-VW-Boss Martin Winterkorn. Wie du den täglichen Überlebenskampf im Büro mit Humor erträgst und (wenn alle Stricke reißen) einen stilvollen Abgang hinlegst, verrät Wolf Reiser…

Anerkennung. »Um hierzulande Anerkennung zu finden, muss man sterben oder zurücktreten«, mault ausgerechnet der erfolgreichste deutsche Filmschaffende aller Zeiten, Till Schweiger. Klar, mit Manta, Hasenkükenohren und Ballerbulle wird man weder Brando noch Bogart.

Dafür hagelt es zuverlässig Hohn und Spott aus den etablierten Kulturinstanzen. Trotz erneuter Besucherrekorde bei der Demenzkomödie »Honig im Kopf« arbeitet sich der verunsicherte Regie-Tycoon an den – zumindest von ihm so empfundenen – nickelbebrillten Edelfedern von FAZ oder Spiegel ab.

Wunsch nach Anerkennung: Gier oder ein Naturrecht?

Auf deren Liebesentzug reagiert er mit Liebesentzug, und so geht es zwischen Boulevard und Hochkultur zu wie in einem schlecht geführten Kindergarten. Was nützen mir meine Millionen, hört man den beleidigten Macher nuscheln, wenn mich die klugen Köpfe der Zeit immer nur auslachen? Aber wieso tut er sich das alles an? Warum will er Torwart und Stürmer sein? Ist der Wunsch nach Anerkennung Gier oder ein Naturrecht? Ich denke, Till Schweiger möchte, wie jeder andere Mensch, ob Führungskraft oder Angestellter, anerkannt werden, respektiert und wertgeschätzt – und zwar bitteschön außerhalb der rein monetären Existenzbestätigung.

Man denkt ja bei dem viel diskutierten Defizit an Wertschätzung im Job zunächst immer an eher bemitleidenswerte Menschen, die zu kurz gekommen sind und aus irgendeinem Grund unerkannt und anonym agieren müssen, obwohl sie stets ihr Bestes geben. Logisch, dass die irgendwann nach einem Lob gieren, bevor sie im Nebel der Resignation verschwinden.

Ich erinnere mich noch an eine befremdliche Bemerkung unseres nicht gerade uneitlen Ex-Verteidigungsministers Thomas de Maizière zur generellen Gemütslage der Bundeswehrsoldaten: »Sie haben den verständlichen, aber oft übertriebenen Wunsch nach Wertschätzung. Und sie sind vielleicht geradezu süchtig danach.«

Mythos Wertschätzung, eine Gebetsmühle?

Bedeutet dies am Ende, dass wir in den Dekaden des deutschen Wachstumsparadieses alle verwöhnte Muttersöhnchen geworden sind, die nach Liebe und Zuspruch lechzen? Und wie passt die kühle Abfuhr zu den modernen Coachings, in denen gebetsmühlenartig dem Mythos der Wertschätzung gehuldigt wird. In hochemotionalen Seminar-Aufstellungen lernen dort Chefs wie Mitarbeiter, wie man seinen Nächsten liebt, ihm gefühlsecht in die Augen schaut, ihm dankt und zum Abschied aushaucht: »Toll, dass es Sie gibt!«

Auch in vielen Festtagsreden hören wir immer wieder, dass der Mitarbeiter das wichtigste Kapital sei, Herz, Seele und Motor des Unternehmens. Und Psychologen und Soziologen weisen in Tonnen dicker Publikationen immer wieder darauf hin, dass fehlende Anerkennung und die Entkoppelung von Leistung und Lob die Angestellten seelisch und körperlich krank macht, demotiviert und sich verheerend auf die Effektivität und Produktivität auswirkt.

„Nur 10% sind wirklich motiviert“

Im »Focus« war neulich zu lesen, dass sich fast 90 Prozent aller arbeitenden Deutschen lustlos durch den Joballtag quälen und der Nation dank ihrer Null-Bock-Attitüde jährlich 125 Milliarden Euro Produktionseinbußen einbrocken. Wenn nun all jene Seminarleiter die Wertschätzung einklagen, meinen sie damit wohl kein inflationäres Schulterklopfen, sondern echte spürbare Anerkennung; wie immer die sich auch anfühlen mag.

Geld, Lohn, Honorar, Boni – das ist die eine Währung; wobei sich die Frage stellt, wie man damit umgeht, wenn Manager mit einer Katastrophenbilanz das Tausendfache eines genialen Angestellten einsacken. Aber wie wir sehen, sind auch viele Topverdiener vom Angstvirus befallen, zu wenig Beachtung zu finden, abgelehnt und missverstanden zu werden.

Leistung = Anerkennung = Leistung

Es muss jedem klugen Arbeitgeber klar sein, dass Leistung zu Anerkennung führt und Anerkennung zu Leistung. Dieser simple Kreislauf ist allen Kulturen gemeinsam. Wenn Aktienkurse und Quartalsberichte die Firmenkultur beherrschen, brechen einem mit Garantie die Mitarbeiter weg. Ohne Echo und Sinngebung lässt sich heute kein Betrieb auf Dauer über Wasser halten. Da offensive und authentische Wertschätzung die Chefetagen eigentlich nichts kostet, taucht die Frage auf, wieso ein Großteil davon Abstand nimmt.

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In vielen Fällen herrscht dort noch die vorgestrige Ansicht vor, dass Lob und Anerkennung die Mitarbeiter verwöhnen und doch nur neue Begehrlichkeiten wecken. Natürlich sorgen auch Stress, radikale Ergebnisfixierung und die Ichbezogenheit vieler Chefs dafür, dass sie einfach keine Zeit haben, ihre Leute eben nicht nur bei Laune zu halten, sondern sie aufzubauen, sie an ihre Stärken zu erinnern und auf den Wert ihres Tuns hinzuweisen; gerade wenn es kriselt.

Und in Betrieben, in denen man das Lob sogar gut meint, aber vorwiegend als Motivationstrick und taktische Rochade einsetzt, lernen es die Mitarbeiter logischerweise nicht, einer solchen Wertschätzung zu vertrauen und ihre Energie entsprechend umzusetzen. Einmal etabliert, kriegt man den Sand nicht mehr aus dem Getriebe. Man muss stattdessen den ganzen Apparat zerlegen und neu zusammenbauen.

Und während dieser kontemplativen Bastelarbeit sollte sich jeder – Chef, Angestellter und Kollege – fragen, wie es ihm selbst denn geht, was er wirklich braucht, wie er den anderen sieht, als Gegner, Freund oder Erfüllungsgehilfen, ob er ihn überhaupt sieht. Unrealistische Erwartungen und eiskalter Führungsstil – das sind zwei Züge, bei denen es keine Rolle spielt, ob sie aufeinander zurasen oder aneinander vorbei rangiert werden. Das Resultat lautet auf jeden Fall Stillstand.

10 Leitsätze zu Wertschätzung

  1. Schenken wir zunächst den Menschen, die uns im Alltag das Leben leichter machen, das Maß an Zuwendung und Herzlichkeit, das wir für uns so gerne in Anspruch nehmen.
  2. Wenn Sie tief in sich spüren, dass Sie einzigartig sind, ein Wunderkind, »the one and only«, und deswegen besondere Wertschätzung verdienen, nehmen Sie sofort ein eiskaltes Bad.
  3. Missbrauchen Sie als Chef das Instrument »Wertschätzung« nicht für Manipulation und aus Kalkül.
  4. Wertschätzen Sie als Chef Ihre Leute gelegentlich auch ohne konkreten Anlass, überraschend, spontan und inspirierend.
  5. Es ist Ihnen als Angestellter jederzeit möglich, Ihre Anerkennung nach oben auszusprechen. Dort ist es nämlich oft sehr einsam.
  6. Eigenlob stinkt zwar, aber eine gesunde Selbstwertschätzung ist die Basis eines sinnvollen Jobklimas. Je mehr Sie sich Ihrer Stärken bewusst werden, desto unabhängiger sind Sie von äußerem Zuspruch.
  7. Laden Sie Ihre Kollegen mal ohne konkreten Anlass ein, gratulieren Sie ihnen zu Festtagen, merken Sie sich die Namen, leben Sie fröhliche Zuwendung vor.
  8. Wenn die Kräfte der Zuwendung nachlassen, fangen Sie bei sich an, tun Sie sich etwas Gutes, springen Sie raus aus dem Rad und kehren Sie positiv gepolt zurück – das geht auch ohne Coelho-Reiselektüre.
  9. Wer zu sehr nach Anerkennung und Lobgehudel schielt, gräbt sich sein eigenes emotionales Jobloch. Der Alltag ist der natürliche Feind des Narzissmus, und diesen Kampf kann man nur verlieren.
  10. Vermeiden Sie den vergleichenden Blick auf die absurde Belohnung anderer: Millionenboni, Milliardengehälter! Damit betreiben Sie lediglich Ihre eigene Selbstentwertung.

Artikelbild: baranq/ Shutterstock

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