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Die „Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz“ haben eine über 150-jährige Geschichte. Heute gibt es auf ihrem Kloster-Campus eine Oberklasse-Schule, ein 3-Sterne-Hotel, ein Pflegeheim. Die Theologie des Orden ist recht unternehmerisch…

[dropcap]S[/dropcap]o wagten die Schwestern im Kloster Hegne, dem Zentrum der Provinz Baden-Württemberg, zusätzlich zu ihren Bildungs- und Pflegeeinrichtungen 2006 sogar den Schritt ins Unternehmertum. Das Kloster in Hegne ist kein Rückzugsort für Schwestern, die sich der Welt verschließen und ausschließlich dem Gebet widmen. Ganz im Gegenteil.

Mit dem Gründer, dem Kapuziner Theodosius Florentini, und der ersten Generaloberin Maria Theresia Scherer prägten zwei charismatische Persönlichkeiten vor mehr als 150 Jahren das Leitbild des Ordens und inspirieren das Leben und Wirken der Schwestern bis heute.

„Das Bedürfnis der Zeit erkennen ist der Wille Gottes“ – danach leben und handeln die Schwestern konsequent und mit viel Gottvertrauen, auch wenn dabei ungewöhnliche Wege beschritten werden. Diese Wege führten bereits weit in die Welt hinaus. So unterstützen 3700 Kreuzschwestern hilfsbedürftige Menschen weltweit und leben und wirken in insgesamt 12 Provinzen und 3 Vikariaten verteilt auf 14 Länder. Und manchmal mussten die Schwestern nicht nur örtlich Neuland beschreiten.

Orientierung gewünscht

Pater Theodosius wollte die Not der Menschen zur Zeit der Industrialisierung lindern helfen. Jede Zeit hat ihre Nöte, man muss nur hinsehen und sie erkennen. Dieses wache Auge und die Offenheit für die Anliegen der Mitmenschen haben sich die Schwestern bis ins 21. Jahrhundert bewahrt.

Auf dem Weg durch ihre über 150-jährige Geschichte linderten sie die Not vieler – bei der Kinderpflege, der Altenpflege, aber auch als Krankenschwestern an den Fronten beider Weltkriege. „Wir sind ein tätiger Orden und waren es immer“, sagt Schwester Josefa Harter. Die eloquente Nonne mit den freundlichen Augen ist Öffentlichkeitsreferentin des Klosters, hat aber auch lange Jahre die Ausbildung der Novizinnen betreut.

Es erstaunt, was allein im Provinzhaus Kloster Hegne bei Allensbach in den vergangenen Jahren auf den Weg gebracht wurde. Mit dem Altenpflegeheim Maria Hilf eröffneten die Schwestern im Jahr 2000 zunächst eine Einrichtung für alte und pflegebedürftige Menschen. Bald darauf folgte der Bau des Hauses St. Angelus, in dem 30 demenzkranke Menschen leben und gemäß den neuesten medizinischen und psychologischen Erkenntnissen von den Schwestern und ausgebildeten Fachkräften betreut werden.

Auch junge Menschen haben in Hegne ein Zuhause. So sehen die Schwestern neben der Pflege ihren Auftrag unter anderem in der Vermittlung von Bildung und Werten. Das Marianum ist eine private Schule in freier Trägerschaft, das sechs Schultypen unter einem Dach beherbergt.

Vom einjährigen Berufskolleg, über die Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin oder zum Fachwirt sind weiterführende Abschlüsse für Hauptschüler und eine Realschule integriert. Ein Projekt, das im wahrsten Wortsinn Schule gemacht hat. Bereits Anfang 2009 wurde ein Erweiterungsbau eingeweiht, der seit dem Schuljahr 2010/2011 auch ein neu eingeführtes Sozialwissenschaftliches Gymnasium beherbergt.

„Die Lehrkräfte verstehen sich als unterstützende Begleiter auf dem individuellen Bildungsweg der Schüler. So lernt jeder vom anderen“, erklärt Schwester Josefa das Miteinander im Marianum. „Dieser Gedanke des Kreislaufs zieht sich durch alle unsere Projekte. Das Alte ins Neue bringen und das Neue vom Alten lernen lassen ist ein Familienprinzip, das heutzutage schon aufgrund der Hektik unserer Zeit und durch das zunehmende Aufbrechen der Familienverbände nicht mehr existiert.“ Hegne ist eine Art Familienverband, in dem alte und junge Menschen noch vielfältige Berührungspunkte haben.

Impulse geben wollen

Der Gründungsimpuls ist nach wie vor zeitgemäß. Armut und Not sind immer noch gegenwärtig. So dient das frühere Pilgerdomizil des Klosters heute als Herberge für Obdachlose, die sich dort duschen, stärken und frisch einkleiden können. Doch Not äußert sich nicht immer unmittelbar. Viele Menschen sind erfolgreich und doch einsam. Und immer mehr Menschen suchen Ruhe und innere Einkehr, sehnen sich nach Erholung für Körper und Geist.

Die Schwestern aus Hegne haben dieses Bedürfnis unserer Zeit erkannt und gehandelt. So finden suchende junge Menschen im Haus Franziskus Obdach und – wenn sie sich darauf einlassen – auch ein offenes Ohr und einen Rat. Wer sich in Stille und Meditationeinfach nur dem spirituellen Leben der Schwestern anschließen möchte, ist jederzeit willkommen. Urlaub im Kloster oder Kloster auf Zeit sind Auszeit-Modelle, die Hegne nach wie vor anbietet.

Darüber hinaus weihten die Schwestern im Juli 2006 das Gästehaus St. Elisabeth ein, das neben einfachen Exerzitien- und Pilgerzimmern auch komfortable Unterkünfte für Urlauber, Tagungstechnik und ein eigenes, geistliches Bildungsprogramm bietet. „Der Orden hat damit einen gewaltigen und mutigen Schritt in die Zukunft gewagt“, sagt Thomas Scherrieb, Geschäftsführer der eigens dafür gegründeten ProGast Hotelbetriebs-GmbH.

„Zur Umsetzung des Projekts musste viel Geld in die Hand genommen werden. Natürlich waren dazu zahlreiche Sitzungen und Gespräche mit Experten nötig, damit der Schritt ins Unternehmertum kalkuliert ablaufen konnte.“ Dass nicht nur die Planung, sondern auch die Leitung des Hauses in professionelle Hände gehört, war den Schwestern klar. „Wir sind gerne überall mit Herz und Hand dabei, aber wir können auch ganz gut einschätzen, wo wir allein überfordert sind“, ergänzt Schwester Josefa.

„Im Haus St. Elisabeth finden die einen Erholung, die anderen einen Arbeitsplatz – und Arbeitsplätze sind ein weiteres Bedürfnis unserer Zeit. Mittlerweile beschäftigt das Kloster in all seinen Einrichtungen fast genauso viele Menschen, wie es Schwestern in Hegne gibt.“ Damit hat der Orden ganz aktuelle Probleme beherzt an den Wurzeln gepackt.
Und der große Mut wird belohnt: Bereits ein Jahr nach Eröffnung des Hotels, konnte man in St. Elisabeth auf mehr als 17.000 Urlaubs- und Tagungsgäste sowie Bildungsreisende stolz sein.

Das Gästehaus bietet den Komfort eines Vier-Sterne-Hotels. Die idyllische Landschaft der westlichen Bodenseeregion und das hauseigene Seegrundstück sind ein ideales Umfeld für Erholungssuchende oder Sportbegeisterte. Liebhaber von zeitgenössischer Kunst kommen bei den regelmäßig durchgeführten Ausstellungen im Haus auf ihre Kosten. Wessen Kulturdrang damit allein nicht gestillt ist, kann sich im Lesezimmer des Hauses auf Spurensuche begeben oder auf den Pfaden des Jahrhunderte alten, monastischen Lebens am Untersee wandeln.

Selbstverwirklichung kein Selbstzweck

Der Blick in die Vergangenheit geht bei den Hegner Schwestern einher mit der Zukunft. Doch hat der Wandel der Zeit auch im Orden Spuren hinterlassen. Nur wenige junge Frauen entscheiden sich für ein Leben im Kloster. So verwundert es nicht, dass die Alterspyramide der Kreuzschwestern in Hegne auf keinem stabilen, jungen Fundament steht.

Weit mehr als die Hälfte der 320 Hegner Schwestern haben das sechzigste Lebensjahr überschritten und Ordenseintritte sind selten geworden. „Natürlich ist das traurig, aber das ist nicht nur in unserem Orden so“, sagt Schwester Josefa. „Wir haben diese Entwicklung nicht ignoriert, sondern uns der Situation mutig und mit Gottvertrauen gestellt.

Damit unsere Einrichtungen in Organisation, Konzeption und Führung zukunftsfähig bleiben, entschieden wir uns für die vermehrte Zusammenarbeit mit kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von außen. Durch kontinuierliche Leitbildarbeit mit ihnen bleiben die Ziele und das Wertefundament des Ordens im Gespräch und werden zur Basis der gemeinsamen Arbeit.“

Die Hauptsache sei, die Solidarität für einander zu leben und zu vermitteln – und dazu müsse man keine Schwesterntracht tragen. Dass dadurch einige Frauen motiviert werden, die klösterliche Gemeinschaft als Lebensweg zu wählen, sei zu hoffen, aber keineswegs Berechnung. „Noch vor 50 Jahren hat man sich im Alter von zwanzig für eine Ehe oder das Klosterleben entschieden“, erklärt Schwester Josefa weiter. „Heute stehen die meisten Menschen erst mit Anfang dreißig vor diesem Scheideweg, manche auch erst später.“

Werte und Vorbilder

Offenheit ist zweifelsohne sehr wichtig für die „Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz“. Aber erst durch Meditation und Gebet schöpfen sie Kraft und innere Ruhe, um ihren Auftrag zu erfüllen und sich selbst immer wieder ihr Leitbild ins Gedächtnis zu rufen.

Der Rückzug ins Gebet ist daher genauso elementar mit dem Klosterleben in Hegne verbunden, wie ihr Schaffen. Das Eine wird durch das Andere genährt. Die Kongregation der Schwestern lebt die Ewige Anbetung in ihren weltweiten Gemeinschaften. So schließen zu jeder Stunde Kreuzschwestern irgendwo auf der Welt, die Sorgen und Nöte der Menschen in ihre Gebete mit ein – das Vikariat Taiwan beginnt den Gebetskreislauf um Mitternacht, Ortszeit sieben Uhr früh, und das Vikariat in Brasilien beendet die liturgische Weltreise um Mitternacht, Ortszeit sechs Uhr nachmittags.

Werte sind die Grundfesten einer Gesellschaft. Christliche Werte unterscheiden sich im Grunde kaum von den Werten einer moralisch geprägten Gemeinschaft, nähren sich jedoch aus der unerschöpflichen und motivierenden Quelle des Evangeliums Jesu Christi. Hilfsbedürftige Menschen sind in den Grundfesten ihres Daseins destabilisiert oder sogar erschüttert.

Sie brauchen Orientierung und Stütze sowie eine Gemeinschaft, die nach Werten lebt. „Wenn wir den Menschen, die unsere Gastlichkeit dankbar annehmen, nur einen winzigen Teil unseres Leitbilds vermitteln können, haben wir viel bewegt“, resümiert Schwester Josefa in kurzen Worten das, was Hegne für viele Menschen schon ist und hoffentlich für viele weitere werden kann: eine wertvolle Erfahrung.

Sichtweise! Jan Thomas Otte sprach über eine Stunde mit Schwester Josefa. Und hat dabei irgendwie die Zeit vergessen. So gesehen sollte er öfter ins Kloster gehen. Nicht nur zum Entspannen, auch zum Entdecken neuer, göttlicher Wege…

Artikelbild: © NN/ Kloster Hegne

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