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Mit Börsengeldern wollte er zum „weltweit größten Konzern im Bereich Weiterbildung“ werden. Er scheiterte damit, saß wegen Untreue und vorsätzlichen Bankrotts im Knast. Und er hat gelernt, stand wieder auf und behauptet, das Leben sei brutal aber zugleich auch „der beste Lehrmeister“. Wir haben mit dem Mann gesprochen, Jürgen Höller…

Karriere-Einsichten: In den 90er-Jahren waren Sie der Medien-Guru, wenn es um Motivation und Erfolg ging. Sie waren überall zu sehen, zu hören und füllten riesige Hallen. Dann der Absturz…

Jürgen Höller: Der Grund, warum es zum Absturz kam, war letzten Endes der geplante Gang an die Börse. Ich hatte mit einem ganz kleinen Unternehmen angefangen und etablierte in recht kurzer Zeit ein extrem erfolgreiches Business. Damit wollte ich in den Börsenmarkt einsteigen. Doch es kam alles anders als geplant.

Karriere-Einsichten: Was war passiert?

Jürgen Höller: Mein Unternehmen wurde zu der Zeit damals mit 550 Millionen DM bewertet und wir hatten für den Börsengang alles in die Wege geleitet. Doch der weltweite Börsencrash machte die gesamte Planung zunichte.

Hochmut vor tiefem Fall

Als ich nach dem 11. September 2001 dann keine Finanzierungsrunde mehr zustande brachte, musste ich Insolvenz anmelden. In der Zeit danach beging ich einige fatale Fehler und entfernte mich dabei immer mehr von dem, was ich immer wollte: Menschen in Krisen helfen und sie motivieren, mehr aus dem eigenen Leben zu machen.

„Menschen in Krisen helfen und sie motivieren, mehr aus dem eigenen Leben zu machen“

Karriere-Einsichten: Wie weit ging dieser Absturz?

Jürgen Höller: Bis ganz nach unten, bis zum totalen Nichts und dem Verlust meiner Freiheit. Ich hatte alles verloren – alles, außer der Liebe meiner Familie, die immer zu mir gehalten hat. Während meiner Zeit in Haft habe ich vieles reflektiert und habe einige Zeit benötigt, bis mir eines klar wurde: Ich war zwar auf einem Weg gescheitert, aber ich hatte immer noch mein Leben, meinen Willen und meine Ideen. Fehlschläge sind menschlich, nur kommt es darauf an, ob man sie als Chance erkennt und etwas daraus macht.

Karriere-Einsichten: Und, was?

Jürgen Höller: Weiter, denn das ist es, was erfolgreiche Menschen und erfolglose Menschen voneinander unterscheidet – der Punkt, an dem man aufgibt. Gibt sich eine Person nach einem Misserfolg diesem komplett hin und erholt sich nicht wieder davon, beeinflusst das zukünftige Entscheidungen, weil die Angst vor erneutem Scheitern immer ein Hindernis darstellt.

Dies kann sogar so weit gehen, dass erst gar keine neuen Herausforderungen mehr angenommen werden. Die Komfortzone wird nicht mehr verlassen. Doch nur wer etwas wagt und sich auch auf Risiken einlässt, kann wachsen – privat, beruflich und mental. Und glauben Sie mir, ich habe damals viel gewagt, da ich nicht nur nichts hatte, sondern vor einem riesigen Schuldenberg stand.

Karriere-Einsichten: Hatten Sie keine Angst, Ihre Familie durch ein erneutes Scheitern zu enttäuschen?

Jürgen Höller: Wenn ich jetzt Nein sage, wirkt dies bestimmt, als wäre meine Familie mir nicht genug wert, aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Meine Familie bedeutet mir alles und genau deswegen ist es so wichtig gewesen, wieder zu starten, etwas zu wagen. Was für ein Familienvater, was für ein Ehemann wäre ich denn gewesen, wenn ich mich nach meinem Misserfolg durch Angst hätte lähmen lassen, wenn ich das, was ich jahrelang anderen Menschen gezeigt hatte, nicht selbst eingehalten hätte?

Schaden macht klug

Ich hätte mich auch dem Scheitern hingeben können, doch dies führt in der Regel zu Unzufriedenheit, Wut, Trauer und Selbstmitleid. So ein Vater oder Ehemann wollte ich nicht sein – denn das wäre die wahre Enttäuschung gewesen. Es gab eine Zeit, da stand auch ich kurz davor aufzugeben, aber die Liebe und der Glaube meiner Frau haben mich davon abgehalten.

Außerdem bringt jeder Punkt, an dem man scheitert, neue Erkenntnisse, man lernt. So geht es doch schon im Kindesalter beim Fahrradfahren: Nur wer einmal stürzt, weiß, wie er es in Zukunft verhindert, und wird dadurch gestärkt fürs Leben.

Karriere-Einsichten: Also würden Sie sagen, dass nur Menschen, die scheitern, die Möglichkeit haben, erfolgreich zu sein?

Jürgen Höller: Nicht direkt. Nicht allein das Scheitern macht einen Menschen erfolgreicher, sondern vielmehr der Mut, einen unbekannten, unvorhersehbaren Weg zu gehen. Das Scheitern ist dabei der Lerneffekt für die Zukunft. Wie viele Persönlichkeiten, die Großes geleistet haben, wurden vorher verlacht oder sind in der Tat gescheitert? Doch diese Erfahrungen haben sie gestärkt, haben ihre Ideen weiter vorangetrieben, ihnen geholfen Fehler zu beheben und dadurch Erfolge zu feiern.

Karriere-Einsichten: Wie sah Ihr eigener Erfolgsweg aus dem Misserfolg aus?

Jürgen Höller: Im wortwörtlichen Sinne zunächst dunkel. Wir starteten im Mai 2004 in einem Keller. Gebrauchte Möbel, alte Computer und zum Drucken mussten wir in den Copyshop, denn ein eigenes Gerät war nicht drin. Es galt 6,6 Millionen Schulden abzubauen. Die Anfangszeit war hart, aber ich hielt mich strikt an meinen Weg und auch wieder an mein Bauchgefühl und mit der Zeit zahlte sich der Einsatz aus. Nach nur dreieinhalb Jahren hatte ich es geschafft und war wieder schuldenfrei.

Gib‘ dein Bestes!

Auch der Wiedereinstieg als Motivationstrainer war zunächst hart und natürlich schlugen mir viele Vorurteile und Nachreden entgegen. Doch muss ich eines sagen: Ich habe aus meinem Rückschlag gelernt und darüber hinaus ein wichtiges Fazit gezogen: Es geht nicht darum, der Beste zu sein, sondern darum, sein Bestes zu geben. Und genau dafür gebe ich den Menschen Strategien an die Hand, die auch mir aus der Tiefe geholfen haben. Denn das Leben ist zwar der brutalste, aber auch der beste Lehrmeister.

Artikelbild: gpointstudio/ Shutterstock

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