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Wer sich im Büro bewähren will, braucht neben seiner Kompetenz vor allem eins: Durchsetzungs-Stärke! Kommt es zum Mobbing, keine leichte Übung. Von Jens Weidner…

[dropcap]D[/dropcap]er Kriminologe Jens Weidner zeigt, wie man Aggressionen im Berufsleben (auch) produktiv nutzt. Es geht darum, seine Durchsetzungsfähigkeit zu verbessern, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und die eigenen Interessen zu vertreten. Und all das soll auch noch möglichst nachhaltig sein.

Acht Grundregeln der Peperoni-Strategie helfen Ihnen, Ihren Alltag würziger, bissiger und »schärfer« zu gestalten! Die Beispiele stammen aus über 500 Interviews mit Führungskräften, die der Verfasser führte.

Das Böse der Beispiele soll hier nicht empfohlen werden. Empfohlen wird allerdings, sie zu durchschauen, um nicht darauf hereinzufallen. Die Peperoni-Strategie ist somit ein exzellenter Schutz vorm Übervorteilt-werden. Ich hoffe, sie kommt für Sie nicht zu spät!

1. Power durchsetzen, um Gutes zu tun!

Wer sich mit Freude durchboxen will, braucht den Glauben an die eigenen guten Ziele. Wenn man den hat, lohnt sich der Kampf für einen selbst und für das Unternehmen. Ziele können Wohlstand, Gesundheit, Glück für die Familie, schnelle Autos, schicke Häuser oder Projekt- und Berufserfolge sein.

Wie lautet Ihr Ziel? Was möchten Sie erreichen? Sie brauchen eine Leitidee, um im Wettbewerb zu bestehen. Wenn Sie allerdings keine Ziele haben, für die es sich zu kämpfen lohnt, können Sie sich entspannt zurücklehnen. Sie sollten dann Ihre überschüssige Energie lieber in die Erziehung der Kinder, in Hobbys oder Ehrenämter stecken.

2. Unterlassen Sie chancenlose Kraftproben!

Bevor Sie einen Kampf beginnen, prüfen Sie die Gewinnchance. Liegt diese bei 51 Prozent zu 49 Prozent, lohnt es sich einzusteigen. Ich bevorzuge Kämpfe, die bereits im Vorfeld eher eine 70-prozentige Chance bieten. Diese Kämpfe sind weniger kraftraubend, und der Sieg ist genauso süß! Sollten die Erfolgsaussichten allerdings schlechter sein, dann lassen Sie die Finger davon.

Folgen Sie Anna Freuds »Identifikation mit dem Aggressor« und machen Sie sich Ihren Gegner zum Verbündeten, denn, wie schon Niccolo Machiavelli in seinem Bestseller Il principe (Der Fürst) empfahl: »Wen du nicht besiegen kannst, den mache zu deinem Freund!« Das klingt zwar anbiedernd, primitiv und fast archaisch, birgt aber eine Menge Wahrheit in sich! Denn wer als Gegner zu stark ist, kann als Partner nur kraftvoll sein.

Mitbewerbern sollten Sie von dieser Regel allerdings nicht berichten. Ganz im Gegenteil: Schicken Sie sie ins Rennen, wenn die Erfolgsaussichten schlecht sind. Sie müssen ihnen diese Herkules-Aufgabe nur mit Schmeicheleien versüßen: »Ich glaube, Sie sind der Einzige in unserem Unternehmen, der überhaupt in der Lage ist, dieses Projekt zu stemmen!« Die meisten Menschen sind anfällig für ein solches »Lob« und beißen an.

Selbst Schuld! Umgekehrt gilt natürlich: Sollten Sie derartig freundliche Einschätzungen Ihrer Leistungsfähigkeit hören, dann aktivieren Sie Ihr misstrauisches Potenzial und vergessen nicht Ihr pessimistisches Menschenbild – so schützen Sie sich vor Enttäuschungen.

3. Positionieren Sie sich!

Warten Sie nicht, bis Sie gefragt werden, sondern verschaffen Sie sich unaufgefordert, aber nicht aufdringlich Gehör! Es besteht sonst die große Gefahr, dass Sie ignoriert werden – besonders, wenn Sie klug sind und wirklich etwas zu sagen haben.

In diesem Fall besteht das berechtigte »Risiko«, dass Ihre klugen Kommentare die anderen alt aussehen lassen. Nur ganz souveräne Zeitgenossen ertragen die Brillanz Dritter. Der Rest weicht der innovativen Kraft Ihrer Umgebung lieber aus. Wollen Sie sich also durchsetzen, müssen Sie den Mut haben, sich ungefragt aufzustellen und auch Killerphrasen der Kollegen und Vorgesetzten Paroli zu bieten.

4. Meiden Sie Nörgler, Loser und Bedenken-Träger!

Wer sich mit nörgelnden Zeitgenossen umgibt, wird früher oder später mit deren negativen Eigenschaften assoziiert. Die Larmoyanten einzubeziehen und ihnen Zuspruch zu geben, hilft ihnen nicht aus ihrer unglücklichen und demotivierenden Rolle heraus. Es schadet aber Ihrem eigenen Image, weil nicht der Eindruck von Hilfsbereitschaft, sondern von Solidarität mit den ewig Jammernden entsteht. Das ist das absolute Gegenteil von einer win-win-Strategie und darum nicht empfehlenswert!

Als bissige Abwehr können Nörgler und nervige Bedenkenträger allerdings sehr hilfreich sein: So bitten Sie etwa die Mitarbeiterin, die Ihnen den Aufstieg vermasseln will, sich stärker um die Loser-Truppe zu kümmern, zum Beispiel beim täglichen Kantinenessen. Dankenswerterweise übernimmt sie den Motivationsjob.

Den Restkollegen signalisieren Sie allerdings das Gegenteil: Sie seien von der Mitarbeiterin enttäuscht, weil sie sich nun jeden Mittag diesen Bremsen anschließen würde! Wenn Sie selbst um derart fürsorgliche Sozialarbeit gebeten werden, seien Sie also entsprechend vorsichtig!

5. Pflegen Sie Ihre Einstecker-Qualitäten!

Wer sich durchsetzen will, stößt unvermeidlich auf Widerstand – auch auf solchen der harten Art. Das kann schmerzhaft sein, weil diese Gegenwehr bevorzugt auf die Schwachstellen zielt. Davon sollten Sie sich nicht irritieren lassen, denn es ist Teil des Machtspiels.

Außerdem erfahren Sie auf diese Weise sehr schnell, auf wen Sie zukünftig nicht setzen dürfen, denn der Angreifer wird sich Ihnen gegenüber auch in Zukunft kaum loyal verhalten. Konfrontation schafft durchaus Klarheit – auch wenn sie gegen Sie gerichtet ist.

Hervorragend ist es natürlich, wenn Sie in der Lage sind, auch heftigen Angriffen Paroli bieten zu können, indem Sie zum Beispiel dem Angreifer lächelnd erwidern: »Das war ja schon ein ganz toller Angriff, aber ich finde, Sie sollten es noch mal versuchen und dann so richtig Gas geben.« Diese Erwiderung erschüttert Ihr Gegenüber, weil es erfasst, dass es keine Schockwirkung bei Ihnen erzielen konnte.

Nichts für Weicheier, die Peperoni-Strategie von Professor Weidner…

6. Perfektionieren Sie Ihre Rhetorik!

Verbale Angriffe kommen naturgemäß unerwartet. Der Angreifer hofft auf den »Überrumpelungseffekt«, um Sie kalt zu erwischen. Daher sollten Sie sich vorbeugend mehrere rhetorische Spitzfindigkeiten zurechtlegen, mit denen Sie sich Luft und Zeit verschaffen können.

Die kurze Pause brauchen Sie dringend, um Gegenstrategien und -argumentationen zu entwerfen. Mein persönlicher Favorit aus dem Sortiment der Abwehrrhetorik lautet: »Das ist wirklich interessant, was Sie da sagen. Ich denke darüber nach …«

Probieren Sie es aus. Die meisten Kritiker zeigen sich überrascht und sind angetan von der schnellen Einsicht. Deswegen setzen sie auch nicht rhetorisch nach. Sie freuen sich sogar, wenn Sie sich Notizen zu dem Gesagten in Ihren Timer machen. Diese Freude hielte sich allerdings in Grenzen, wenn sie wüssten, was dort wirklich steht: »Dr. Mensching hat mich öffentlich kritisiert: willkommen auf der schwarzen Liste!«

Wobei empfehlenswert ist, dass Sie nur M (für Mensching) und S (für schwarze Liste) eintragen. Sollten Sie versehentlich den Timer irgendwo liegen lassen, können Neugierige so keine Rückschlüsse auf Ihre künftigen Pläne ziehen…

Es reicht auch, wenn Sie knapp notieren: »Mensching ist ein dämlicher Idiot« – auch dies leicht verklausuliert. Auf Eintragungen ganz zu verzichten, das sollten Sie allerdings unterlassen. Sonst spielt Ihnen Ihr Kurzzeitgedächtnis einen Streich, Sie vergessen Menschings Attacke und helfen ihm sogar noch zwei Wochen später in einer kniffligen Angelegenheit. Das ist dann zwar wirklich nett, aber auch sehr dämlich. Sie dürfen sicher sein: Das wird Ihnen nicht gedankt. Mensching wird vielmehr vermuten, dass Sie um Kritik geradezu betteln, und Sie deswegen weiterhin schlecht behandeln!

7. Reagieren Sie sofort auf Gerüchte!

Wenn Ihnen Anspielungen und Verleumdungen über Sie zu Ohren kommen, müssen Sie sehr schnell reagieren, denn bevor Sie von den Gerüchten erfahren, hat bereits die ganze Abteilung davon gehört. Das ist wie beim Fremdgehen: Der Gehörnte erfährt es in der Regel zuletzt. Deswegen ist es wichtig, dass Sie sich sofort dagegen wehren, denn – und das macht die Brisanz aus – Gerüchte schwächen Ihre Position, und es bleibt häufig etwas hängen. Nicht nur in Strombergs Büro.

Komplett ignoriert können sie sogar zum Vorläufer des Mobbings werden. Da ist Vorsicht geboten! Dies gilt besonders für vermeintlich harmlose, weil absurde Gerüchte, die zum Beispiel Ihre Unzuverlässigkeit, Illoyalität oder Unseriösität betreffen. Je schneller Sie den Gerüchten widersprechen und sie aus dem Weg räumen, desto besser.

8. Machen Sie eine Gegenspieler-Analyse!

Fragen Sie sich in regelmäßigen Abständen, wer Sie im Team zwar immer anlächelt, aber faktisch gegen Sie agiert, indem er blockiert, zu vieles infrage stellt oder Sie in eine schlecht besetzte und zerstrittene Arbeitsgruppe manövriert, die es schafft, auch die beste Idee zu Grabe zu tragen.

Solche Zeitgenossen sollten Sie auf Distanz halten, nie im Meeting loben oder aufwerten und ihnen keine Arbeit erleichtern oder abnehmen, denn wenn diese Herrschaften überbeschäftigt sind, fehlt ihnen die Zeit zur Intrige! Nur so haben Sie eine realistische Chance, dass Ihr Gegenspieler nicht noch wächst und Sie womöglich später unterbuttern kann!

Haben die acht Grundregeln Sie neugierig gemacht? Dann sichern Sie sich mit der Peperoni-Strategie Ihren seriösen Einstieg in die Welt der Durchsetzungsstärke. Und nicht vergessen: Die wohlwollenden Mitmenschen sollen in den Genuss Ihrer 80 Prozent wohl schmeckenden Paprika-Sanftheit kommen. Die scharfen 20 Peperoni-Prozent (und nur um die geht es bei der Strategie) bleiben exklusiv für Ihre Widersacher reserviert!

Sichtweise! Professor Jens Weidner ist Kriminologe und Management-Trainer. Er lehrt an der HAW-Hamburg und am GDI-Zürich. Zuvor behandelte er 10 Jahre Gewalttäter. Heute fördert er das Durchsetzungspotential von Führungskräften

Artikelbild: © Jens Weidner/ Privat

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