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Volker Engel im Interview, einem Visual Effects Supervisor. Er gehört zu den wenigen Deutschen, deren Hollywood-Karriere mit einem Oscar gekrönt wurde. Über Fantasie und Visionen, neue Welten…

[dropcap]W[/dropcap]enn man einen Oscar gewinnt, wird man plötzlich vom Nobody zum Somebody. Wie hat Volker Engel diese Auszeichnung empfunden?

Der Oscar ist die höchste Auszeichnung, die man in meiner Branche bekommen kann. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich nicht mehr Volker Engel, sondern Oscar-Preisträger Volker Engel genannt. Das hatte große Vorteile, weil nun Dinge möglich waren, die vorher unerreichbar schienen.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich mit Reichtum überschüttet wurde. Unterm Strich hat der Oscar mir viele Türen geöffnet. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass so ein Job in der Filmbranche auch harte Knochenarbeit bedeutet.

3D-Animationen entstehen zuerst in den Köpfen von Kreativen. Wie animieren Sie Ihre Fantasie?

Ich umgebe mich mit visionären Denkern. So einer ist für mich Roland Emmerich. Er hat eine Vision, die er für uns skizziert. Wir beginnen dann dieses Bild in 3D am Computer grob zu realisieren, um es anschließend Stück für Stück zu verfeinern. Dass der Regisseur sehr eng mit seinen Spezialisten zusammenarbeitet und auf sie hört, ist auch entscheidend. Wir animieren unsere Fantasie sozusagen gegenseitig.

Was spielt denn die größere Rolle: Wissen oder Fantasie?

Die Fantasie ist entscheidend, denn Wissen kann man sich aneignen. Ich habe schon oft mit Leuten zusammengearbeitet, die einen großen Wissensschatz hatten, jedoch nicht die nötige Fantasie mitbrachten und irgendwann an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft stießen. Ich bin ein sehr bildhaft denkender Mensch. Wenn ich ein Drehbuch lese, entstehen die beschriebenen Welten sofort in meinem Kopf.

Haben Sie mehr Fantasie als andere?

Nein. Viele Menschen haben Fantasie. Aber ich gehe einen Schritt weiter, hin zur realisierbaren Umsetzung, zu dem, wie etwas machbar ist. Bereits als kleiner Junge habe ich mit einem Schraubenzieher die Klappe meines Spielzeugs geöffnet, um die Mechanik zu studieren.

Auch hier ist das „Sich-Trauen“ wieder wichtig. In Deutschland ist es ein wenig verpönt, stolz auf etwas zu sein. Dagegen ist das Schulterklopfen in Amerika völlig normal. Wer diese Einstellung annimmt, wird freier, zu experimentieren.

Wie schaffen Sie sich neue Denkräume, sammeln Inspiration?

Für mich sind lange Pausen sehr wichtig. Wenn ich nicht die Zeit hätte, mal ein, zwei Monate meine Batterien aufzuladen, würde ich wie eine Maschine weiterrattern. Ich kehre dann zu meinen Wurzeln zurück, besuche meine Eltern in Bremerhaven und treffe alte Freunde. Das ist mein Ruhepol. Ich will mich erinnern, wo der Ursprungsfunke herkam, der mich heute noch antreibt.

Ich schöpfe vor allem aus den Dingen, die schon lange her, aber immer noch in meinem Kopf gespeichert sind. Das ist beispielsweise ein Roman, den ich gelesen habe und der bestimmte Bilder in mir erzeugt hat. Es ist eine Art Reservoir, das angezapft wird, und je älter ich werde, desto mehr steht mir zur Verfügung.

Was fällt Ihnen am meisten auf, wenn Sie die Welt mit Kinderaugen betrachten?

Oft sehe ich Menschen, die nur Rollen spielen, und ertappe mich dabei, wie ich denke: „Wenn ich mal erwachsen bin, möchte ich so nicht werden.“ Dann muss ich mir sagen: „Mal langsam, du bist 45!“ Natürlich kann nicht jeder immer das machen, was er möchte.

Manche Leute haben es einfacher als andere. In den USA kostet die Filmschule 20.000 Dollar pro Semester. Die kann man nur besuchen, wenn man das Kind reicher Eltern ist. Trotzdem ist es wichtig, sich aufzuraffen und Gelegenheiten beim Schopf zu packen.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für visuelle Effekte?

In meiner Brust pochten schon immer zwei Herzen. Zeichentrickfilme faszinieren mich, seit ich klein war. Ich war ein großer Disney-Fan, bin mit dem Dschungelbuch aufgewachsen und liebe die Kreation dieser einmaligen Welten. Später, als ich zwölf Jahre alt war, kam „Krieg der Sterne“ ins Kino.

So wie viele junge Kinozuschauer war ich derart beeindruckt, in diese völlig andere Welt entführt zu werden, dass ich anfing, die technischen Mittel zu hinterfragen und mich intensiv mit dem Film zu beschäftigen.

Welche neuen Sichtweisen haben sich Ihnen im Laufe Ihrer Karriere eröffnet?

Ich beobachte die deutsche Filmbranche etwas betrübt, weil man sich vieles nicht traut. Die Amerikaner, mit denen ich nun seit 15 Jahren arbeite, haben eine völlig andere Herangehensweise. Sie planen nicht wie die Deutschen bis ins kleinste Detail, sondern fahren gleich „ins Blaue“ hinein.

Bei „Independence Day“ trafen Deutsche und Amerikaner aufeinander und haben sich hervorragend ergänzt. Wir haben durch gute Vorbereitung geholfen, Budgets einzusparen, und die Amerikaner haben uns beigebracht, dass wir uns mehr trauen und einfach mal „drauflosgehen“ müssen.

Brauchen wir also mehr Pioniergeist statt Perfektionismus?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Wer in Deutschland Fernsehen macht, überlebt nur mit einer bestimmten Quote. Zu Risiken ist man kaum bereit. Traut sich jemand mal etwas und setzt seine Ideen erfolgreich und fern der üblichen Art um, wird er sofort von Hollywood eingekauft. Als ich nach Los Angeles kam, war ich ein unbeschriebenes Blatt.

Dennoch durfte ich bei dem gigantischen Projekt „Independence Day“ an vorderster Front mitkämpfen. Keiner wollte ein Zeugnis sehen. Stattdessen wurde einfach meine Arbeit beobachtet, so konnte ich mich beweisen. Das zu spüren, ist ein wichtiger Ansporn. Es ist hier tatsächlich möglich „vom Schuhputzer zum Millionär“ aufzusteigen.

Es gibt Einschränkungen. Wer macht Ihnen bei Ihrer Arbeit Vorgaben?

Vor allem das Budget, denn von ihm hängt die Umsetzung ab. Dann natürlich der Regisseur. Er hat seine Vorstellungen, die wir unter einer Art „sanfter Diktatur“ umsetzen. Das ist auch gut so, denn wenn es keinen Kapitän gäbe, wäre alles ein heilloses Durcheinander.

Einer meiner Lieblingsbegriffe beim Filmemachen ist die „kontrollierte Katastrophe“. Vieles läuft schnell auseinander, muss aber am Ende zusammenpassen. Da braucht man jemanden, der das Ruder in der Hand hat – das ist der Regisseur.

Was zeichnet denn einen guten Regisseur aus?

Wer kein guter Kommunikator ist, sollte gar nicht erst Regisseur werden, denn man muss mit vielen Teams zusammenarbeiten und eine ganze Menge Baustellen beaufsichtigen. Kein Bereich darf außer Acht gelassen werden. Alle Kreativen – also auch die Visual Effects Experts – müssen von Anfang an in alle Prozesse eingebunden werden.

Vor allem bei Brainstorming-Sessions, denn nur so können sie Ideen beisteuern. Wir arbeiten grundsätzlich im Team. Meist sind wir eine kleine Gruppe von 30 Leuten. Beim Großprojekt „2012“ waren wir über 1.000 Artists. Wie in einen riesigen Topf gibt dann jeder etwas dazu. Bei solchen Projekten ergänzen sich die Menschen in ihren speziellen Berufen wie ein Mosaik.

Sie sind ja selber in die Rolle des Produzenten geschlüpft. Was war da anders?

Der Kapitän unseres ersten eigenen Projekts „Coronado“ war der Regisseur Claudio Fäh. Marc Weigert und ich waren die Steuermänner. Gemeinsam haben wir unser erstes Schiff gebaut. Natürlich haben wir auch Fehler gemacht. Aber bei solch einer ersten Produktion, bei der man von der Drehbuchentwickelung über die Finanzierung bis zur Endfertigung alles überwacht, lernt man extrem viel. Es gab zwar auch Stürme, doch wir sind ans Ziel gekommen und haben das Projekt immerhin in 40 Länder verkauft!

Brauchen wir in Unternehmen Talent-Scouts, die die talentierten Mitarbeiter an die richtigen Positionen setzen?

Wir haben für den Bereich der Visual Effects eine besondere Methode entwickelt, die aber nicht auf jedes beliebige Unternehmen übertragbar ist. Wir formieren unsere Firma bei jedem Projekt neu. Das Tolle daran: Wir können die Mitarbeiter aussuchen, die hundertprozentig zum Job passen.

Firmen müssen Bewerbern einfach eine Chance geben. Roland Emmerich hat mich damals auch einfach angeheuert. Ich war noch Student und bekam eine Chance, die Gold wert war.

Lassen sich mit Video-Plattformen, wie Youtube, völlig neue Potenziale nutzen?

Den Leuten stehen heute ganz andere Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung. Es gibt tatsächlich grandiose Beispiele von jungen talentierten Amateurfilmern, die durch das Internet bekannt wurden. So auch Neill Blomkamp, derRegisseur von „District 9“.

Peter Jackson, der Regisseur der „Herr der Ringe“-Trilogie, war von dessen Kurzfilm so begeistert, dass er ihm kurzerhand vorschlug, ihn in einen Spielfilm zu verwandeln. Später wurde dieser sogar für den Oscar in der Kategorie visuelle Effekte vorgeschlagen.

Haben Sie einen Tipp, wie man Denkbarrieren durchbrechen kann?

(überlegt sehr lange). Lassen Sie sich Ihre Ideen nicht kaputt machen! Halten Sie den Drang der Mitteilsamkeit im Zaum, bis eine erste Version da ist, die eine gute Diskussionsgrundlage bildet. Es sind schon viele kreative Projekte gescheitert, weil sie noch nicht so weit waren, vorgestellt zu werden. Weil sie im Kopf sowie im Herzen noch nicht so gut geformt waren, dass sie auch andere Menschen hätten überzeugen können.

Welchen Trick der Technik würden Sie gern auf das reale Leben übertragen?

Die Teleportation. Ich mag keine Überseeflüge und würde gern in eine Maschine steigen und schon nach ein paar Sekunden in Los Angeles landen.

Haben Sie schon eine Idee, die Ihnen den nächsten Oscar bringen wird?

Die Amerikaner sagen: „Don’t jinx it“. Man darf den Gedanken nicht heraufbeschwören, sonst hat man verspielt. Ich mache meine Arbeit, so gut ich kann. Der Oscar ist nicht der Antrieb.

Welches Leitmotto ist Ihr Erfolgscredo?

Alles, was du dir vorstellen kannst, kannst du auch realisieren!

Sichtweise! Volker Engel arbeitet eng mit Roland Emmerich zusammen, unter anderem als Supervisor für die Effekte von Independence Day. Dafür erhielt er 1997 den Oscar. Er lebt und arbeitet seit 15 Jahren in Los Angeles. Dieser Beitrag erscheint auch im QUERDENKER-Magazin.

Artikelbild: © Volker Engel/ Privat

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