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1,5 Milliarden mobile Endgeräte bietet das Netz. Potenzial, neue Geschäftsideen zu entwickeln, Unternehmen zu gründen. Interview mit HP-Chef Volker Smid…

[dropcap]E[/dropcap]ntwicklungen werden schneller, Märkte dynamischer, Strukturen komplexer und die Menschen in dieser Arbeitswelt immer mobiler. Die großen Technologiekonzerne und Computerhersteller verdienem an diesem Trend prächtig mit.

Zum Beispiel das Blackberry oder I-Pad des Arbeitgebers rund um die Uhr zu nutzen. Mit Cloud-Computing und Co. Alles nur digitaler Wahnsinn oder Zukunft? Die Art und Weise, wie wir Geschäfte tätigen, wird sich verändern. Sie haben es schon. Wir haben mit dem Deutschland-Chef von Hewlett Packard gesprochen.

Manche prophezeien eine Internet-Revolution. Doch das Internet gehört längst zum Alltag…

In Europa werden schon jetzt 25 Prozent aller Einkäufe online erledigt und 80 Prozent aller Versicherungen nicht mehr über eine Agentur, sondern über das Internet per Preisvergleich abgeschlossen. Das stellt alte Geschäftsmodelle auf den Kopf und lässt völlig neue entstehen.

Deshalb werden sich viele Unternehmen verändern müssen, denn der Kauf vieler Produkte wird künftig über das Internet abgewickelt werden. Teure Produkte werden nur noch in wenigen aufwendigen Show-Rooms präsentiert. Dort wird jedoch gar nichts gekauft, sondern nur der Impuls gesetzt. Unsere Innenstadtbereiche werden sich zunehmend verändern und zu Messe- und Show-Room-Marktplätzen avancieren.

Welche Potenziale bietet Cloud-Computing für Ihren Konzern?

Wir haben heute schon große Clouds. Die größte mir bekannte beinhaltet ca. 1,3 Millionen Rechner. Das macht es möglich, bestimmte internetbasierte Anwendungen sofort zur Verfügung zu stellen. Ein Unternehmen, das heute gegründet wird, ist gut beraten, seine Anwendungen in eine Cloud zu packen, damit es sowohl einen, als auch eine Million Kunden aus der gleichen Infrastruktur heraus bedienen kann.

Wie sieht man das im Management bei Hewlett-Packard?

Der Trend zur Mega-City stellt die Infrastruktur einer Stadt vor völlig neue Herausforderungen. Sie muss von Informationstechnologien begleitend geplant und entwickelt werden. Wir stehen kurz vor der ersten Mega-City mit 40 Millionen Einwohnern. Über kurz oder lang wird sie die Regel sein. Ein normaler Bürobetrieb ist hier nicht mehr möglich, da Straßen und Schienen nicht dafür ausgelegt sind, dass so viele Menschen morgens ins Büro fahren.

Deshalb werden wir mehr im virtuellen, weniger im sozialen Bezug miteinander arbeiten. Auch Gesundheitswesen und Informationstechnologie wachsen eng zusammen und müssen individuell auf den Menschen abgestimmt werden. Die Energieversorgung wird sich nachhaltig ändern, da die Energieabnehmer auch zu Produzenten von Energie, sogenannten Prosumern, werden.

Und wo sehen Sie Hewlett-Packard?

Wenn man Trendlinien untersucht, bekommt man einen relativ genauen Fahrplan, wo wir in Zukunft hin müssen. Vor zehn Jahren war Hewlett-Packard ein komplett anderes Unternehmen, ein Mischkonzern. Wir haben damals Messgeräte, Medizingeräte und Informationstechnologien entwickelt. Heute sind wir ein reines IT-Unternehmen und das größte der Welt.

Dafür muss man sich ständig in Frage stellen. Projiziert auf die Zukunft bedeutet dies, dass wir beispielsweise auf dem Gebiet des Energie- und Ressourcenmanagements zulegen werden, sei es, indem wir die Sensorik für die Ölförderung verfeinern oder das Smart Metering für die Energieversorger und ihre Kunden verbessern.

Auch für die zunehmende Mobilität wird die Informationstechnologie neue Angebote machen. Laptops haben vor zehn Jahren etwa fünf Prozent des Volumens ausgemacht, heute sind es rund 85 Prozent.

Wie treiben Sie diesen Ideen-Entwicklungsprozess voran?

Wir investieren vor allem bei unseren Kunden viel Zeit. Die Möglichkeiten der Informationstechnologie sind so vielfältig, dass Kunden oft damit überfordert sind und sich fragen, wozu eine neue Technologie eigentlich nützt, wie sie ihr Geschäft verbessert oder es schneller wachsen lässt.

Unsere Mitarbeiter erklären, wie Innovationen genutzt werden können. Denn IT ist nur wertstiftend, wenn sie auch Anwendung findet. Gleichzeitig nutzen wir die Fragen und die Ideen unserer Kunden für die Entwicklungen in den HP Labs. Diese haben wir übrigens seit drei Jahren auch für externe Forscher und Institute für sogenannte „open innovation“ Projekte geöffnet.Haben Sie auch Think Tanks, die sich mit Kundenimpulsen beschäftigen?

Wir sind weltweit vernetzt, um Ideen auszutauschen. Zusammen mit Dreamworks, dem Hollywood-Studio, haben wir ein Telepresence-System entwickelt, das das Gefühl einer direkten Begegnung, eines Meetings im selben Raum vermittelt.

Hier können sich Teilnehmer aus vier Lokationen gleichzeitig einschalten, zum Beispiel aus Palo Alto, Bristol, Böblingen und Bangalore. So bringen wir unsere Think Tanks weltweit zusammen und diskutieren gemeinsam, ohne dafür um die Welt fliegen zu müssen.

Sie bringen – als Konkurrenz zum iPad – eine „Schiefertafel“ auf den Markt?

Apple gibt uns durchaus Impulse, die man überprüfen und dann übersetzen muss. Ein iPad ist gut geeignet für Konsumenten, um sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Unser „Slate“-Tablet-PC hat den Anwendungszweck in Unternehmen.

Er soll beispielsweise Ärzte bei der Visite, Berater im Außendienst oder Arbeiter beim Produktionsprozess unterstützen. Der Anwendungszweck wird daher gezielt im Business-Bereich liegen…

Sind einst gemachte Fehler morgen dann wichtige Erfolgsfaktoren?

Eine etablierte Fehlerkultur ist in einer Organisation enorm wichtig, und sie muss offen und auch direkt kommuniziert werden. Menschen machen Fehler, von diesem Grundkonstrukt werden wir uns nie entfernen. Von zehn getroffenen Entscheidungen sind im besten Fall sechs richtig und vier falsch. Falls Fehler passieren, muss genauso offen damit umgegangen werden wie mit dem Gegenteil von Fehlern, nämlich dem Erfolg.

Das Schlimmste ist, wenn Fehler verschleiert, verdeckt oder anderen zugeschoben werden. Es kommt darauf an, was man daraus lernt und dann besser macht. Wenn man das erste Mal eine große Niederlage erlebt hat, fragt man sich, wie man eigentlich damit umgehen soll, um wieder Geschwindigkeit aufzunehmen. In unserem Kulturkreis leiden wir sehr an Niederlagen. In Amerika sagt man, ein Unternehmen ist erst eins, wenn es dreimal Pleite gegangen ist.

Was kann Ihr Top-Management von Jogis Jungs, der Nationalmannschaft lernen?

Die deutsche Fußball-Mannschaft zeigt deutlich, dass es nie um Einzelkompetenzen geht, sondern immer um deren Verbindung. Die Aussage „Der Star ist die Mannschaft“ wird oft belächelt, aber es steckt viel Wahrheit drin.

Die WM hat gezeigt, dass in einem erfolgreichen Team nicht einer allein für den Erfolg verantwortlich ist. Es geht darum, Kompetenzen zu ergänzen und zu verbinden. Deshalb ist es auch in einem Unternehmen sehr wichtig, das beste Team an Board zu haben und vom Proporzgedanken auf einen Kompetenzgedanken zu kommen.

Was würden Sie dem Führungsnachwuchs mit auf den Weg geben?

Menschen in Organisationen sollten sich prüfen, ob sie Spezialist sein wollen oder generalistischer Manager. Mein Tipp: 3 Monate lang aufschreiben, was man besser als 95 Prozent aller anderen kann. Danach 3 Monate, was einem Spaß macht und dann, womit man sein Geld verdienen will.

Das, was auf jedem dieser 3 Zettel auftaucht, zeigt die Karriere-DNA. Denjenigen, die eine Führungsposition anstreben, gebe ich den Rat: „Prüft genau, ob ihr das wirklich wollt!“

Worauf kommt es bei Entscheidungen an?

Zeit muss immer als begrenzender Faktor aufgenommen werden. Das fällt dem deutschen Kulturkreis schwer, weil immer versucht wird, eine perfekte Entscheidung zu treffen. Wenn die Entscheidung richtig ist, man aber das richtige Timing verpasst, dann ist sie letztendlich nichts mehr Wert. In den USA beispielsweise ist das anders.

Leidet Deutschland eher an den Bedenkenträgern oder an den Perfektionisten?

Deutschland hat eine unglaubliche Infrastruktur, Potenzial an Wissen und Finanzen. Aber es fällt uns schwer, Optimismus und den Glauben an uns selber zu bewahren. Ich wünsche mir mehr Optimismus, mehr Kreativität und mehr Mut.

Wenn ich vergleiche, wie viel Risikokapital Deutsche aufwenden, um ein Unternehmen zu gründen, dann sind wir auf einem Abstiegsplatz. Wir investieren unser Kapital lieber in sichere Anlagen. Wir gehen weit weniger Risiko ein als die meisten großen Nationen auf dieser Welt. Das ist kein gutes Zeichen.

In welchen kreativen Kopf würden Sie gern schlüpfen, wenn Ihnen einmal die Ideen ausgehen?

Da hab ich noch nie drüber nachgedacht. In den eines Kindes. Kinder haben diesen grenzenlosen Optimismus und diese grandiose Portion Naivität. Auf einer Veranstaltung in Amerika fragte man 3.000 Menschen, wer von ihnen Künstler sei und es ging keine Hand nach oben.

Am Ende dieser Veranstaltung wurde ein Film gezeigt mit 2.800 Kindern, die man dasselbe fragte. Dort gingen alle Hände nach oben. Diese Perspektive gilt es, im Kopf zu verankern.

Sichtweise! Jan Thomas Otte lernte in diesem Interview, dass so eine Cloud durchaus Vorteile hat. Hofft aber auch, dass die Chips und Rams weiterhin in Computern eingesetzt werden. Sein Gehirn würde er gerne offline für sich und andere arbeiten lassen…

Artikelbild: © Aka/ pixelio.de 

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