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Wenn am Ende nichts mehr geht, lautet die Diagnose häufiger: Burnout. Wie erkennt man einen Burnout? Was steckt hinter einem Burnout? Und wie kann man sich dagegen schützen?

Die Übersetzung „ausgebrannt“ verdeutlicht, worum es geht. Man fühlt sich leer. Bestimmte Berufsgruppen sind besonders häufig betroffen, Lehrer zum Beispiel.

Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger bezeichnete 1974 den „Energieverschleiß“, der durch innere und äußere Überforderung entsteht, als Burnout. Freudenberger sieht eine Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität als auslösenden Faktor für Burnout.

Damit beschrieb er das Phänomen, welches Auftritt, wenn die Betroffenen im Laufe der Zeit nicht mehr in der Lage sind, ihre Probleme zu bewältigen, wenn ihnen die innere Kraft fehlt und sie ausgelaugt sind. Es kommt zu einer Minderung des Wohlbefindens, der sozialen Funktionsfähigkeit sowie der Arbeits- und Leistungsfähigkeit.

Ein Burnout ist nicht plötzlich da, es kommt langsam. Es ist ein Prozess, oft wird die Diagnose erst recht spät gestellt. So war es auch bei Karin.

Typischerweise verläuft eine Burnout-Entwicklung in fünf Phasen ab. Auf den Enthusiasmus, alles läuft bestens, folgt die Stagnation. Hier kommt die Leistungsfähigkeit an ihre Grenzen, darauf folgt als dritte Phase die Frustration darüber. Hier kommen dann meist auch Probleme im Privatleben dazu.

Wenn dann die Apathie-Phase beginnt, ist es so, als wäre eine unsichtbare Handbremse gezogen. Um ein Mindestmaß an Leistung zu bringen sind sehr große Anstrengungen nötig. Am Ende steht dann der Burnout mit der Erkenntnis, dass keine Leistung mehr erbracht werden kann.

Oft ist schon nach einer halben Stunde Anstrengung das Ende mit Schweizausbrüchen und Schwindel erreicht. Neben Erschöpfung und Müdigkeit sind es vor allem Symptome wie Ohrensausen, Mutlosigkeit und Schlafstörungen die auf eine Erkrankung hindeuten.

Doch kann man sich gegen einen Burnout schützen? Stressige Phasen gehören zum Berufsleben dazu, aber sie sollten nicht zum Dauerzustand werden.

Der Psychologe Peter Berger teilt die Prävention in individuellen und institutionellen Bewältigungsstrategien ein. Von Seite der Politik könnten kleine Klassen, aber auch eine regelmäßige Supervision helfen. „Individuelle Bewältigungsstrategien verlangen die persönliche Bereitschaft des einzelnen Lehrers, seinen Mut, etwas für sich an seiner Arbeitssituation zu verändern, günstiger für sich zu gestalten“, so Berger.

Individuelle Bewältigungsstrategien drehen sich um die „persönlichen Selbstpflege“. Berger empfiehlt Entspannungsverfahren zu erlernen. „Von sehr viel größerer Bedeutung ist jedoch die Pflege von verbindlichen sozialen Beziehungen außerhalb des Arbeitsbereiches“, so der Experte.

Wer nur als Einzelkämpfer unterwegs ist, wer jeden Kollegen als Konkurrenten empfindet und dabei keine sozialen Kontakte außerhalb des Jobs hat, ist stärker gefährdet.

Eigenes Leben sollte ausgeglichen sein, denn eine Überbetonung der Arbeit ist immer ein Risikofaktor für einen Burnout.

Sobald man erste Anzeichen erkennt sollte man Gegenmaßnahme ergreifen. Dazu gehört, die eigene Lebensführung zu überdenken und sich um eine bewusste Lebensführung zu kümmern. Alle Dinge, die bislang zu kurz kommen, wie etwa Familie oder Ruhephasen, sollten darin genügend Zeit erhalten.

Häufig sind Betroffene nicht in der Lage, selbst mit der Situation fertig zu werden. Hilfe gibt es bei Betriebsärzten oder beim psychologischen Dienst. Sich zu öffnen und das Problem offen anzusprechen ist ein erster wichtiger Schritt. Eine Behandlung erfolgt in der Regel relativ spät.

Mangelnde Aufklärung, aber auch Scham sorgen dafür, dass Betroffene erst spät professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Burn-out erfordert eine psychotherapeutische Behandlung durch einen ärztlichen oder psychologischen Therapeuten, wobei die Behandlungskosten von der Krankenkasse getragen werden.

In der Therapie werde auch Medikamente, sogenannte Antidepressiva, eingesetzt. Es dauert oft Monate, bis wieder eine Arbeitsfähigkeit besteht. Anbei zwei O-Töne zum Thema:

O-Töne zum Thema: Lehrer berichten

Gerhard*: „Für mich ist der fehlende Rückhalt im Kollegium ein großes Problem. Ich weiß von zwei Kollegen, dass diese schon per Videohandy von den Schülern gemobbt wurden. Kein Spaß oder Fun, sondern bewusst eingesetztes Mobbing mit dem einzigen Sinn den Lehrern emotional zu schaden. Diese Probleme werden auf unserer Schule unter den Tisch gekehrt.

Die Schulleitung möchte darüber nichts wissen, demnach herrscht im Kollegium eine still vereinbarte Schweigepflicht. Im Problemfall erhält kein Pädagoge Rückhalt oder Unterstützung. Jeder arbeitet unauffällig vor sich hin. Dieses Verdrängen von Problemen ist für mich sehr belastend.“

Anette *: „Häufig bin ich richtig frustriert. Ich bereite meine Stunden vor, überlege was ich den Schülern beibringen will und was sie lernen sollen. Aber meist läuft die Stunde eh anders als geplant. Ich muss Schüler zur Ruhe zwingen oder sie ignorieren mich einfach völlig.

Danach bin ich immer fertig. Ich frage mich, warum ich überhaupt den ganzen Aufwand betreibe. Dabei habe ich damals diesen beruf gewählt, weil ich etwas bewirken wollte. Ich bin nicht einfach so Lehrer geworden, sondern aus voller Überzeugung. Hätte ich geahnt, wie es sich entwickelt, hätte ich das nicht gemacht.

Ich bekam nach einiger Zeit körperliche Beschwerden. Und dann diagnostizierte mein Hausarzt irgendwann: Burnout. Wie genau es jetzt weiter gehen soll weiß ich noch nicht. Fest steht nur, dass sich etwas ändern muss.“
*Namen geändert.

Checkliste:

  • Bin ich ausgeglichen?
  • Ist mein Leben im Gleichgewicht zwischen Privat- und Berufleben?
  • Bestimme ich oder mein Beruf wie mein Leben abläuft?
  • Lebe ich in einem sozialen Kontext?
  • Habe ich genügend soziale Kontakte auch außerhalb des Berufslebens?
  • Kann ich auch mal nein sagen und Dinge ablehnen?

Der Psyschologieprofessor Uwe Schaarschmidt führte die „Potsdamer Studie zur Lehrerbelastung“ durch. Wir sprachen mit Ihm über das Thema und wollte wissen, warum Lehrer besonders belastet sind und wie Sie sich besser schützen können.

Was macht den Lehrerberuf so belastend?

Da ist zunächst grundsätzlich festzuhalten, dass Berufe mit erhöhter psychosozialer Beanspruchung, in denen also ständiger Umgang mit Menschen und die Wahrnehmung von Verantwortung für andere Menschen gefordert ist. Sie erschweren die Distanzierung vom Berufsalltag und lassen die Betroffenen weniger zur Ruhe kommen.

Bei Lehrerinnen und Lehrern kommt noch verstärkend hinzu, dass auch eine räumlich-zeitliche Abgrenzung von beruflicher und privater Sphäre kaum möglich ist. Der Großteil der Vor- und Nachbereitungsarbeiten ist an den Abenden und den Wochenenden zu Hause zu erledigen. Damit reicht der Beruf mit all seinen Problemen in alle Lebensbereiche hinein. Und was außerhalb der Schule gilt, trifft innerhalb noch stärker zu:

Es fehlt an Erholungsmöglichkeiten! Noch immer ist es im heutigen Schulalltag die Regel, dass der Lehrerin/dem Lehrer über Stunden hinweg außerordentliche Kraftanstrengungen und Aufmerksamkeitsleistungen abgefordert werden, ohne dass Phasen der Entspannung zwischengeschaltet wären.

In ihrer auch heute noch vorherrschenden Form ist die Lehrertätigkeit durch ein starkes Missverhältnis zwischen permanenter Anspannung und ständiger psychischer Präsenz auf der einen Seite sowie fehlenden Möglichkeiten angemessener Entspannung und Regeneration auf der anderen Seite gekennzeichnet.

In vielen Fällen erfährt diese Belastungssituation noch eine weitere Steigerung dadurch, dass die aufzubringende Tages- und Wochenarbeitszeit die kritische Grenze erreicht, wenn nicht gar überschritten haben dürfte.

Fast alle einschlägigen Analysen, auch unsere eigenen, sprechen dafür, dass der Lehrerarbeitstag oftmals deutlich länger ist als der der übrigen abhängig Beschäftigten in der Bevölkerung. Hier werden nun gern die Ferien gegen gerechnet. Doch können auch längere Ferien die über Wochen und Monate sich aufschaukelnden Belastungseffekte nicht kompensieren.

Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Schulformen und zwischen den Geschlechtern?

Die Unterschiede zwischen den Schulformen sind eher marginal, sofern man dabei das Verhältnis von Frauen und Männern vergleichbar hält. Zwischen Lehrerinnen und Lehrern gibt es nämlich beträchtliche Unterschiede – und zwar zu Ungunsten der Frauen. Sie weisen einen höheren Anteil an beiden Risikomustern auf, wie wir sie mit unserem diagnostischen Vorgehen identifizieren:

„VernachLässigung von Erholungsbedarf“

Einerseits ein Muster der Selbstüberforderung und Vernachlässigung von Erholungsbedarf, andereseits – oft auf erste-rem aufbauend – ein Muster der Erschöpfung und Resignation. Es gibt mehrere Gründe für diesen geschlechtsspezifischen Unterschied: So spielt die noch immer vorhandene Doppelbelastung vieler Lehrerinnen durch Schule und Familie eine Rolle.

Ein Indikator dafür ist der (noch) geringere Anteil an Freizeit, den Lehrerinnen im Vergleich zu Lehrern angeben. Aber Weiteres ist zu bedenken; z. B. sind auch konstitutionelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Bewältigung emotionaler Belastungen in Rechnung zu stellen. Aber von besonderem Gewicht dürften mit dem Geschlecht verbundene motivationale Besonderheiten sein.

Die Frauen betonen noch sehr viel mehr die soziale Seite des Lehrerberufs, sie sind in stärkerem Maße von sozial ausgerichteten Motiven geleitet. Die starke Gewichtung der sozialen Komponente ist einerseits ein unbestreitbarer Vorteil, den Frauen in den Lehrerberuf einbringen.

Andererseits ist sie auch eine mögliche Quelle von Belastung, erhöht sie doch die Verletzlichkeit gegenüber dem Erleben von sozialer Frustration und Misserfolgen in der Beziehungsgestaltung. Und bekanntlich fehlt es im schulischen Alltag nicht an einschlägigen Gelegenheiten für solche Erlebnisse.

Was raten Sie Lehrern um mit der Belastung um zu gehen?

Da wäre ein erster Rat schon vor der Entscheidung für den Beruf angebracht. Er würde etwa wie folgt lauten: Eine gelingende Beziehungsgestaltung ist das A und O pädagogischer Arbeit. Prüfe dich, ob es dir Freude macht, tagtäglich mit Kindern oder Jugendlichen zusammen zu sein und ob du auch das nötige Geschick mitbringst, um den kommunikativen Anforderungen des Berufs gerecht zu werden.

Für die dann folgende Berufstätigkeit halte ich vor allem zwei Empfehlungen für wichtig: Erstens: Setze dir berufliche Ziele, sie schützen dich davor, mit der Zeit in lustlose Routine zu verfallen. Aber setze die Ziele so, dass sie auch angesichts einer schwierigen Berufsrealität erreichbar sind. Hüte dich vor übersteigerten und perfektionistischen Ansprüchen.

Zweitens: Sorge für angemessenen Ausgleich, die Schule sollte nie das Einzige in deinem Leben sein. Und bewahre dir vor allem deinen Humor. Er wird dir helfen, nicht jede Panne gleich als Katastrophe zu erle-ben, sondern als eine Herausforderung an deine Tatkraft und Kreativität.

Das Gesagte richtet sich an die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer. Unsere Ergebnisse lassen aber auch klar erkennen, dass das Kollegium im Ganzen viel zur Belastungsbewältigung tun kann. Entscheidend ist offensichtlich, dass die Lehrkräfte und die Schulleitung an einem Strang ziehen und an einem guten sozialen Klima arbeiten.

Darunter sei vor allem verstanden, dass die Beziehungen durch Offenheit, Interesse füreinander und gegenseitige Unterstützung gekennzeichnet sind und eine Schulkultur besteht, die ein hohes Maß an Gemeinsamkeit bei der Durchsetzung schulischer Normen und Ziele aufweist.

Dem daraus resultierenden Erleben sozialer Unterstützung ist offensichtlich eine sehr wichtige protektive Funktion zuzuschreiben, d.h. es trägt dazu bei, auch die Wirkung belastender Faktoren des Arbeitsalltags abzupuffern. Aber auch über die sozialen Beziehungen hinaus lassen sich weitere Arbeitsbedingungen durch gemeinsame Anstrengungen von Kollegium und Leitung zum Besseren verändern.

Um die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen zu veranlassen und zu befähigen, sich mit der Gestaltung ihres schuli-schen Alltags zu befassen, stellen wir interessierten Schulen das Unterstützungsprogramm Denkanstöße! zur Verfügung.

Dieses Programm ermöglicht Lehrerinnen und Lehrern die intensive Auseinandersetzung mit der persönlichen und der schulischen Situation und führt zu einer Standortbestimmung, die sowohl Belastungen und Veränderungsbedarf als auch auch vorhandene Ressourcen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.

Was könnte die Politik tun um Lehrer besser zu unterstützen?

Da kritische Beanspruchungsverhältnisse übergreifend für die gesamte Lehrerschaft vorliegen, bedarf es auch grundlegender Veränderungen in den Rahmenbedingungen. Drei Aufgaben sollten dabei m. E. im Vordergrund stehen.

  1. Erstens ist der verbreiteten Überforderung der Lehrerinnen und Lehrer durch eine Fülle oftmals kaum bewältigbarer erzieherischer Aufgaben entgegenzuwirken. Die Lehrkräfte dürfen mit den komplexer und schwieriger gewordenen Anforderungen in diesem Bereich nicht allein gelassen werden.Sie brauchen hier wirksame Unterstützung von verschiedensten Seiten der Gesellschaft, insbesondere der Politik. Eine sich unmittelbar im Lehreralltag niederschlagende Konsequenz wäre die Verringerung der durchschnitt-lichen Klassengrößen, eine weitere die verstärkte Mitarbeit von Schulpsychologen, Sozialpädagogen und Sozialarbeitern an den Schulen.
  2. Zweitens muss es darum gehen, den Druck auf die Lehrerschaft zu verringern, der durch ständig neue Forderungen, permanente Veränderungen und immer wiederkehrende Kampagnen in unserem Bil-dungssystem verursacht wird. Pädagogische Arbeit braucht auch Kontinuität, Ruhe und Muße.Es ist dieser Punkt auch ein Beispiel dafür, dass nicht alles, was an Veränderungen notwendig ist, mehr finanzielle Aufwendung bedeutet. Mit dem überlegteren und behutsameren Einsatz von Reformen dürfte sich sogar erhebliches Sparpotential ergeben.
  3. Drittens gilt es, an allen Schulen zumutbare Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte zu schaffen. Hier ist vor allem der längst fällige persönliche Lehrerarbeitsplatz zu fordern. Erst wenn für jede Lehrkraft ein Arbeits- und Rückzugsraum zur Verfügung steht, wird auch ein angemessener Wechsel von be- und ent-lastenden Phasen während des Unterrichtstages möglich sein.
  4. Auch kann erst dann ein größerer Teil der Unterrichtsvorbereitung und nachbereitung an der Schule erledigt und damit eine deutliche Entlastung der Abende und des Wochenendes erzielt werden.
  5. Nur so ist die klarere Trennung der Lebensbereiche Schule – Nicht-Schule möglich, die eine entscheidende Voraussetzung für mehr psychische Erholung ist.

Artikelbild: YanLev/ Shutterstock

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