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Firmen haben sich immer mehr auf die Schaffung von emotionalem Mehrwert spezialisiert. Den Kunden wird nicht mehr ein Produkt, sondern ein Glücks- und Heilsversprechen verkauft. Ulrich Renz plädiert in einem Buch für mehr Nüchternheit…

Mitarbeiter werden jetzt „werteorientiert“ geführt, als Berater in Führungsfragen stehen Mönche und spirituelle Meister hoch im Kurs. Der Geschäftszweck der Firma ist längst zur „Mission“ verklärt, die mittelfristige Finanzplanung kommt als „Vision“ daher, die Mitarbeiter dürfen sich im „Team“ und als Mitglieder der Firmenfamilie im großen Ganzen aufgehoben wissen.

Das Bild von der Firma als „großer Familie“ verkennt, dass ein Unternehmen von seinem Wesen her das genaue Gegenteil einer Familie ist. Seine Fürsorglichkeit ist letztlich an die ökonomische Verwertbarkeit gekoppelt und damit das genaue Gegenteil dessen, was eine Familie auszeichnet: dass man nämlich, einfach nur so, zusammengehört – und zwar auch dann, wenn man krank, gebrechlich oder behindert ist, underperformer aus welchem Grund auch immer.

Für die Pseudofamilie Firma gilt das Familienprinzip nur in guten Zeiten; das gütige, motivationserzeugende Gesicht zeigt sich nur denjenigen, die etwas zur Bilanz beizutragen haben. Und solange andere „Familien“ nicht billiger produzieren. Und apropos Bilanz. Wem gehört der Betrag unterm Strich? Der „Familie“ etwa? Nein, und wenn sie noch so intakt wäre, der Chef noch so gütig; er gehört einem fremden Dritten, dem Shareholder, der die Firma in der Regel noch nie von innen gesehen hat.

Ob man das gut findet oder schlecht und ob es überhaupt eine andere Wahl gibt (ich fürchte, nein), ist an dieser Stelle gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die Anwesenheit eines Shareholders die Familie noch mehr in Anführungszeichen setzen muss. Denn solange sein Gesetz gilt, dass nämlich die „Familie“ jeden Tag, jedes Quartal, jahrein, jahraus das Erarbeitete abzuliefern hat, können die dort postulierten „Werte“ nur Nebelkerzen sein. Denn Werte, die einem Zweck dienen, sind keine Werte.

Moral hinter Werteorientierung

Der Punkt ist dabei nicht, dass es schlecht wäre, bei Mitarbeitern mehr Freude am Arbeitsplatz und Enthusiasmus für ihre Arbeit zu wecken. Arbeit interessanter und befriedigender zu gestalten, ist ein ehrenwertes Unterfangen, darüber ist gar nicht zu diskutieren.

Allerdings: Wenn die eigentliche Intention die ist, Arbeitnehmer durch Spaß und Sinnversprechen dazu zu bringen, einen Mehrwert zu schaffen, der ihnen nachher gar nicht zugutekommt, weil er zwischen Top-Management und Shareholder aufgeteilt wird, dann versteckt sich hinter der an sich noblen Absicht etwas zutiefst Unmoralisches, das die Frage aufwirft, die die Wirtschaftsethikerin Joanne Ciulla von der United Nations Leadership Academy bereits im Jahr 2000 gestellt hat.

Warum der Zauber wirkt

Ist es denn moralischer, die Zufriedenheit eines Menschen auszubeuten als dessen Elend? (Genauso einfach ist es inzwischen jedenfalls – dank der perfektionierten Techniken des emotionalen Managements.) Steht uns, so fragt sie, „der ultimative Triumph von hundert Jahren Managementtheorie bevor? Dass es die Unternehmen endlich geschafft haben, ihre Angestellten dahin zu bringen, dass sie mehr arbeiten wollen, für weniger Geld?“

„steigende Wirtschaftsleistung“

Wenn der Wert der Arbeit trotz steigender Wirtschaftsleistung immer weiter verfällt – liegt der Grund dafür vielleicht auch darin, dass wir uns damit zufriedengeben, dass uns ein Teil des Gehalts als spiritueller Mehrwert ausbezahlt wird? Würde der Apple-Store-Mitarbeiter akzeptieren, dass er unter Karstadt-Tarif bezahlt wird, wenn er sich nicht als „Specialist“ fühlen dürfte?

Der Siegeszug des emotionalen Kapitalismus beruht auf seinem Heilsversprechen. Dem Mitarbeiter verheißt er Wertschätzung und Zugehörigkeit, dem Kunden Glückseligkeit durch das noch bessere Produkt.

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Ein Versprechen, das er nicht halten kann – selbst wenn er es wollte. Denn Glück ist nicht käuflich; seine Erlangung durch ein Produkt ist ein Widerspruch in sich. Genauso Geborgenheit in einer Pseudofamilie, die in Wirklichkeit gar nicht sich selber gehört, sondern einem fremden Dritten, der auch den heiligsten Pakt zwischen den Familienmitgliedern mit einem Federstrich annullieren kann.

Jeder der Verheißungen des emotionalen Kapitalismus wohnt ein Verrat inne: Er appelliert an unsere tiefsten Gefühle und tritt sie gleichzeitig mit Füßen.
Warum wirken die Versprechungen trotzdem? Warum lassen wir uns an der Nase herumführen? Visionen, Missionen, heilige Werte – wurden wir denn einer Gehirnwäsche unterzogen, dass wir den ganzen Quatsch nicht nur mitmachen, sondern auch noch glauben? Haben wir unseren kritischen Verstand vollends über Bord geworfen?

Karriere, der neue Halbgott?

Nicht umsonst hat sich Arbeit gerade jetzt mit metaphysischem Sinn aufgeladen, wo wir jede Form von Transzendenz von uns weisen. Und je weiter wir fortschreiten auf unserem Weg der Individualisierung, umso mehr tragen wir an den Folgen dieses „Fortschritts“. Körper und Verstand jubilieren über die gewonnenen Freiheiten, aber die Seele ächzt unter der Vereinzelung. Zwischenmenschliche Beziehungen, ob in Familie oder Nachbarschaft, sind immer weniger verlässlich, Traditionen, Kirche und Religion geben keinen Halt mehr.

Der moderne Mensch ist nicht mehr selbstverständlich in einen größeren Zusammenhang eingebunden, er muss sich seine Zugehörigkeit buchstäblich verdienen. Er hat Haus und Hof verlassen und kämpft nun als „spirituell Obdachloser“ um einen Platz in der Welt, um die Achtung seiner Mitmenschen und um seine Selbstachtung.

Dieser Kampf wird heute am Arbeitsplatz ausgetragen. In einer unverbindlich gewordenen Welt ist Arbeit der letzte Anker für das Individuum, für viele sogar der letzte Strohhalm. Von allen „Rollen“ und „Identitäten“ ist oft nur die des Berufsmenschen übriggeblieben.

Arbeit – unser letzter Anker

Familie? In den oberen Gesellschaftsschichten ist sie zum Karrierehindernis geworden, in den unteren zum Verarmungsrisiko. Wer sich als Mutter oder Vater nicht die aufreibende Doppelrolle als berufstätige Eltern ans Bein bindet, erntet anstelle von gesellschaftlicher Anerkennung den Vorwurf, dass sie oder er „seine Talente verschwendet“. Kein Wunder, dass Familie von einer Selbstverständlichkeit zu einem Projekt geworden ist, dem man sich mit der allergrößten Ambivalenz und Vorsicht nähert.

Natürlich gibt es Aufgaben, und zwar genug davon, in der Familie und außerhalb. Aber Anerkennung? Respekt gar? Kommt nur über den Job. Und je mehr sich die Gesellschaft um die Arbeit zentriert, desto blutleerer ist das Gemeinschaftsleben drum herum geworden. Die Positionen, die das Individuum in Privatleben und Gemeinschaft geräumt hat, sucht und findet es jetzt am Arbeitsplatz.

Artikelbild: Syda Productions/ Shutterstock

3 Kommentare

  1. Richtungsweisender, schonungslos unsere Arbeitsrelogion aufgeckener Artikel! Danke dafür!

    Ich haben ihn auf dem Blog der Initiative Wirtschaftsdemokratie referenziert.

    Es wird Zeit, sich von diesem Wahnsinn freizumachen. Damit wir uns in einer unbewussten Selbstausbeutung nicht noch mehr aufreiben als in der gewussten Fremdausbeutung.

    Viele Grüße
    Martin Bartonitz

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