Erst luden VW-Vorstände Betriebsräte in den Puff ein und später manipulierten sie Diesel-Richtwerte. Die Chefs des ADAC betrogen beim »Gelben Engel« und zerstörten das Image des Automobilclubs. Charakterlos? Raffgierig? Wie würdet ihr das Verhalten unserer Managerelite bezeichnen? Lars Vollmer redet die Skandale großer deutscher Unternehmen nicht schön. Und meint: Allein mit dem Finger auf die Chefs zeigen, ist viel zu leicht. Die Betrugsfälle zeigen etwas ganz anderes…

Ein kaum zu erschöpfende Anzahl an Betrugsskandalen randalierte in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch die Medien und erodierte das Vertrauen der Menschen in »die Manager« und in die Wirtschaft insgesamt: Chefs der Telekom ließen Manager, Journalisten, Gewerkschaftler und Aufsichtsräte bespitzeln und mussten dafür später Schadenersatz leisten.

Bei der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone flossen Schmiergelder für Topmanager. Mehrere Chefs von Zementfirmen um HeidelbergCement schlossen sich zu einem Kartell zusammen und sprachen heimlich Lieferquoten und Preise miteinander ab, um den Gewinn zu maximieren – sie mussten Hunderte Millionen Euro Geldbußen berappen.

Bei Siemens wurden über 4000 Schmiergeldzahlungen aufgedeckt, mit denen Chefs Aufträge auf der ganzen Welt »erkauften«, außerdem unterhielt der Konzern schwarze Kassen im Ausland zur Geldwäsche – die Strafen, Nachzahlungen und Anwaltskosten summierten sich in Milliardenhöhe. Doch ein anderer DAX-Konzern hat diese Skandale noch einmal getoppt.

Der Schaden wird nie beglichen werden

Mit am meisten kriminelle Energie hat sich offensichtlich bei Volkswagen angestaut: Volkswagens Betriebsratschef schenkte Betriebsräten Luxusreisen und Besuche im Puff für mehrere Millionen Euro – auch hier gab es Gefängnisstrafen. Chefs der Volkswagentochter MAN schmierten Kunden und nutzten Briefkastenfirmen und Scheinverträge mit vermeintlichen Beratern, um die Korruption zu decken – die Geldstrafe lag bei über 150 Millionen Euro.

Beim Dieselbetrug von Volkswagen wurden mindestens elf Millionen Fahrzeuge manipuliert, um Abgastests zu bestehen. Zuliefererfirmen wie Bosch und fast alle Marken des Konzerns spielten mit – die Folgekosten sind noch gar nicht abzusehen und liegen schon jetzt jenseits von 20 Milliarden Euro. Der Schaden bei den Kunden, deren Dieselautos an Wert verloren, und bei Autohändlern, deren Markt zum Teil zusammengebrochen ist, wird wohl nie beglichen werden. 

„Hirtenprinzip innewohnenden Hierarchiedenkens“

Es scheint so zu sein, dass insbesondere bei den großen Konzernen, die besonders stark vom Hirtenprinzip durchwirkt sind, ja, die eigentlich nur aufgrund des dem Hirtenprinzip innewohnenden Hierarchiedenkens überhaupt existieren, die kriminellen Machenschaften unkontrollierbar geworden sind. 

Antike Pyramiden in einer komplexen Welt 

Unternehmen werden üblicherweise und traditionell tayloristisch und damit hierarchisch geführt, mit einer sogenannten Pyramidenorganisation: Ganz oben thront der Hirte. Also der Chef des Chefs des Chefs des Chefs des Chefs des Chefs des Mitarbeiters mit Kundenkontakt.

Die Chefs werden bezahlt, um zu entscheiden. Und ihre Fehlentscheidungen werden in dem Maße zahlreicher und gravierender, je komplexer und dynamischer die Märkte werden. Das ist logisch, wenn die Entscheidungsmechanismen so simpel bleiben wie eh und je, während die Entscheidungsbedingungen dramatisch komplexer werden.

In den Unternehmen sinken die Mitarbeiterbindung, die Iden-
tifikation mit dem Unternehmen und die Motivation, beziehungs-
weise sie sind stabil auf Tiefststand. Der allgemein bekannte Gallup Engagement Index behauptet für Deutschland, dass etwa 85 Prozent der Mitarbeiter keine oder nur geringe Bindung an das Unternehmen haben.

Die Bindung ist gering, aber dafür beschuldigen sich alle gerne gegenseitig: Die da unten sagen, die da oben seien schuld an dem Stress, die da oben halten die da unten für unfähig und unwillig, man redet übereinander statt miteinander und die Leistungsfähigkeit des gesamten Gebildes nimmt tendenziell ab.

Ehrliche Hirten im Mittelstand

„die meisten Chefs (Hirten) sind im Grunde ehrliche Menschen“

Viele Konzerne und Großunternehmen – nicht alle! – sind in dem Sinne krank, als sie auf Ebene des Managements anscheinend Kaufmannstugenden wie Ehrlichkeit, Treue, Verantwortungsbewusstsein, Vorbildlichkeit kulturell verdrängt und vergessen haben. 

Hier ist eine präzise Differenzierung notwendig: Selbstverständlich sind die meisten Chefs (Hirten) im Grunde ehrliche Menschen und handeln verantwortlich. So erlebe ich das täglich in den Unternehmen, mit denen ich zu tun habe. Vor allem in mittelständischen und inhabergeführten Unternehmen ist der Grad an Verantwortungsbereitschaft und Führungsqualität enorm hoch – was ein Grund ist, warum es in vielen Branchen noch so gut läuft. Eine Aussage wie »Charakterlich verdorbene Chefs zerstören das System Management« wäre eine grundverkehrte Aussage. Auch in Bezug auf die Managerelite der großen Konzerne. 

Ja, es bringt nichts, wenn ihr den Abgas-Manipulations-Skandal dadurch lösen wollt, dass ihr einzelne Topmanager von Automobilherstellern einsperrt. Allein das Führungspersonal auszutauschen, ändert das System nicht, in dem das Führungspersonal seine Rolle ausgefüllt hat.

Über sein Buch: In seinem neuen Buch »Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist« (intrinsifyVerlag, 2019) bietet Lars Vollmer einen neuen konstruktiven Blick auf die Krisen von Politik und Gesellschaft, jenseits von besorgten Bürgern und Gutmenschen. Ein Plädoyer für Freiheit und gesellschaftlichen Fortschritt.

Musterreproduktion im Hirtensystem

Warum? Weil jeder Mensch, auch ihr und ich, gemäß dem Kontext handeln, in dem wir uns befinden. Und wenn dein Kontext Bundeskanzler oder Staatsratsvorsitzender oder Konzernchef oder Papst wäre, dann würdet ihr handeln wie ein Bundeskanzler, ein Staatsratsvorsitzender, ein Konzernchef oder ein Papst. Natürlich, ihr wärt in den Augen der Beobachter ein besserer oder schlechterer Bundeskanzler, Staatsratsvorsitzender, Konzernchef oder Papst.

Ihr wärt vielleicht eloquenter oder tollpatschiger, vielleicht hingebungsvoller oder intellektueller, vielleicht volksnäher oder spleeniger. Nur: Im Großen und Ganzen würdet ihr auch die wesentlichen Muster reproduzieren, die mit der Rolle verknüpft sind. Unabdingbarer Teil dieser Rollen wäre der Erhalt der Rolle und vor allem der Erhalt des Systems. 

Deshalb wäre mit Blick auf das Teilsystem Wirtschaft meiner Ansicht nach die richtige Sichtweise: Das Hirtensystem Management passt in den meisten Wirtschaftssektoren nicht mehr in die Zeit, es verführt Menschen zu unerwünschtem Handeln, und vereinzelte kriminelle Chefs sind nur ein Symptom unter vielen dafür. In einem betrugsanfälligen System wird es immer Betrüger geben. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Liste der Skandale in den nächsten Jahren nicht noch deutlich verlängert werden müsste.

Niemand hat das unter Kontrolle. Doch statt über die Manager zu schimpfen, sollten wir die Systemfrage stellen. Nicht nur in dem Teilsystem Wirtschaft, sondern gesamtgesellschaftlich. Die Entscheidungsbedingungen sind zu komplex geworden, um die Entscheidungsmechanismen in den Händen der Hirten liegen zu lassen – und die eigene Verantwortung damit abzugeben. 

 Über den Autor: Lars Vollmer, Jahrgang 1971, promovierter Ingenieur und Honorarprofessor der Leibniz Universität Hannover, ist Unternehmer, Bestsellerautor und Begründer von intrinsify, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt im deutschsprachigen Raum. Vollmer spielt Jazzpiano, trinkt gerne Weltklasse-Kaffee und lebt in Barcelona.

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