Machtstreben gehört zum Grundantrieb des Menschen, unserem Leben. Wie wir Macht zum Guten statt Bösen nutzen, schreibt Personaler Johannes Czwalina in „Karriere ohne Reue“…

Macht birgt die Möglichkeit in sich, zur Droge zu werden. Macht kann süchtig machen nach mehr Macht. Schon der Basler Historiker Jacob Burckhardt sagt über die Macht: „Sie ist kein Beharren, sondern Gier“. Die Mächtigen dieser Erde haben sich stets bemüht, noch mehr Macht zu erlangen. Der Ausspruch: »Süchtig nach Macht« weiß um seinen Ursprung in der Realität.

Die Destruktion der Macht? Sie entspringt aus dem Verlangen, mehr sein zu wollen. Lebenslange Freundschaften können im selben Moment zu tödlichen Feindschaften werden, wenn ein Direktionsposten einer Firma neu zu besetzen ist. Viele erfahren täglich am eigenen Leibe, dass interne Konkurrenz ihren anspornenden Charakter verliert und zu bitterem Ernst wird. Klettern, stoßen, schieben – das ist die Sprache der Macht, die zerstört.

Macht birgt Möglichkeit, missbraucht zu werden

Wenn sie als geliehene Macht vom Machtinhaber gestohlen wird, um für die eigenen Interessen eingesetzt zu werden. Dieses Handeln bezeichnen wir als Korruption. Korruption liegt vor, wenn derjenige, der die Macht ausübt, sie für eigene Zwecke einsetzt. Entgegen den ursprünglich vorgesehenen Zielen und im Gegensatz zu dem, was man öffentlich verkündet.

Macht birgt ins sich also die Möglichkeit, dass sie missbraucht werden kann, und deshalb wird sie auch gewöhnlich missbraucht. Aus diesem Grunde muss man immer nach institutionellen Strukturen suchen, um die Möglichkeiten einzuschränken, dass Machtträger ihre Macht zuungunsten anderer missbrauchen.

Unserem demokratischen Ansatz zufolge muss Macht grundsätzlich kontrolliert werden. Die obligatorische Kontrolle von außen, etwa durch die in ihrer Macht getrennten politischen Organe der Legislative, Exekutive und Judikative (klassisches Dogma der Gewaltenteilung im Staat) und die fakultative Kontrolle von innen, etwa durch persönliche Wertvorstellungen und durch moralische Handlungsmaximen jedes einzelnen Menschen, sollten zum Tragen kommen und sich die Hand reichen.

Eigentlich könnte man erwarten, dass diejenigen, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, im Prinzip nicht korrumpierbar sind, sich ihrer Machtposition würdig erweisen. Aber so eine Erwartung ist frommes Wunschdenken. Martin Buber sagt aus seiner Erfahrung: „Wenn der Machtwille über sie jeweilige Potenz des Machthabers, die geschichtlich anfordernde Situation zu bewältigen hinauslangt, verfällt er dem Bösen.“

Macht birgt Eigenschaft, sich zu verstecken

Man spricht von »Verantwortung«, von »Einfluss«. Man hat sich daran gewöhnt, Motive zu verschleiern und dunkle Anteile zu verneinen. Machthungrige Menschen tun alles, um ihr wahres Motiv zu verbergen. Sie entwickeln eine regelrechte Kunst darin. Auf diese Art verunsichern sie das Gegenüber. Argumente und Fakten umgeben die anderen, die anscheinend in eine ganz andere Richtung weisen.

Man spürt ein Unbehagen, das man nicht näher definieren kann. Eine Eigenschaft der Macht liegt also in ihrer Kunst der Verschleierung, da sie nur selten ihr wahres Gesicht zeigen will.

Macht birgt in sich nicht zuletzt die Möglichkeit, zu einem Unterdrückungsinstrument gegenüber machtlosen Menschen werden und somit zu einem Feind der Freiheit. Der Philosoph Heinrich Popitz schreibt: „Alle Machtanwendung ist Freiheitsbegrenzung und jede Macht ist daher rechtfertigungsbedürftig.“

„Machtanwendung ist Freiheitsbegrenzung“

Neben Geld und Erfolg übt Macht die größte Faszination im Berufsleben aus. Eine alte Lebensweisheit sagt: »Nichts entlarvt einen Menschen so schnell wie der Gebrauch der Macht.« In den obersten Führungsetagen finden wir leider oft eine Ansammlung von Menschen, die ein krankhaftes Machtbedürfnis aufweisen.

Eine ganze Zeit lang können solche kranken Menschen hervorragende Resultate für ihr Unternehmen erwirtschaften, und sie erblühen unter der Bewunderung anderer für ihre konsequente, gnadenlose Härte, langfristig aber zerstören sie ihre Mitarbeiter, den Unternehmensgeist und sich selbst.

Wenn andere Machtträger von der Macht nicht korrumpiert werden, wenn sogar positive Korrelationen von Machtträgerschaft und Tugend empirisch feststellbar sind, so hat das (leider) oft weniger nur mit der Integrität des einzelnen Machthabers zu tun als vielmehr mit den inzwischen entwickelten subtilen Methoden der Machtbeschränkung und Machtbindung.

Dass ein Amt den Machtträger adelt, ist möglicherweise gerade nicht auf die Power-Komponente zurückzuführen, sondern auf die Power legitimierenden Gegenmechanismen. Das, was ein Amt adelt, sind die Schranken und nicht die Macht.

Macht bietet Potentiale, alle zu beteiligen

Wir alle sind Verantwortungsträger und somit im Kleinen oder Großen Träger von Macht. Machtträger werden kritisch beobachtet, denn viele Menschen, die auf der Suche nach Vorbildern sind, beäugen vermeintlich Mächtige, weil sie überall berechtigterweise Missbrauch befürchten. Machtträger stehen ständig unter Verdacht.

Ihr Verhalten wird schnell missdeutet. Deshalb sollten Sie in sensiblen Bereichen ganz besonders durch ihr Verhalten klarmachen, dass sie die Grenzen ihrer Befugnisse einhalten. Im Umgang mit Macht spielt der Charakter eine entscheidende Rolle. Er erweist sich als das Instrument, welches die Macht steuert, und zwar die Macht, die zerstört, wie auch die Macht, die aufbaut.

Halten wir aber fest, dass trotz der eher düsteren Beschreibung der Macht, diese auf jeden Fall von verantwortungsbewussten Machtträgern zur Verwirklichung des Guten eingesetzt werden kann und werden muss. Was ist Macht zum Guten?

Wir wissen, dass es nicht genügt, bloß zu erkennen, was für ein Kind, für die Gemeinschaft, für das Allgemeinwohl etc. gut wäre. Die berechtigten und förderlichen Anliegen müssen auch umgesetzt und verwirklicht werden und zum Durchbruch gegen eingerostete Gewohnheiten oder egoistische Einzelinteressen kommen.

Es genügt auch nicht, einzusehen, was für die Familie und das Kind schädlich ist, was das Vertrauen untergräbt und die Zukunft verbaut, was die Atmosphäre vergiftet. Man muss sich gegen das Zerstörerische wehren, das Schlechte am Aufkommen hindern oder doch wenigstens so weit wie möglich eindämmen. Werte, die keine Macht haben, können sich nicht durchsetzen, und Macht, die nicht auf dem Grund von Werten funktioniert, ist zerstörerisch.

Wir haben die Verpflichtung, im eigenen Land dafür zu sorgen, dass unsere Werte weiter Gültigkeit behalten, und wir müssen nach Maßgabe unserer Kraft alle Mächte in dieser Welt unterstützen, die im Dienst dieser Werte stehen. Macht im guten Sinne kann sogar Verzicht auf Machtausübung sein.

Jeder Akt von Begnadigung, Amnestie und Vergebung spiegelt diesen Verzicht auf eigentlich gerechtfertigte Strafe beziehungsweise Rache wider. Erst hier zeigt sich, ob wir Souveränität über unsere Macht besitzen, wenn wir auch die innere Freiheit besitzen, darauf zu verzichten .

Macht kann auch in die Freiheit führen

Wo Stärke die Schwäche nicht übersieht, wo Ordnung nicht Selbstzweck ist, sondern einen sicheren Lebensraum bietet, wo Verantwortungsbewusstsein der Willkür die Stirn bietet, wo der Zweck nicht alle Mittel heiligt, wo Ohnmacht einen Platz hat, wo »oben« und »unten« gemeinsamen Entscheidungen weicht, wo die Würde des Menschen nicht mit Füßen getreten wird.

In Interviews, Gesprächen und Briefen beklagen oft Führungskräfte in der Rückschau auf ihr Leben, dass sie sich in ihrem Berufsleben nicht konsequenter für das Konstruktive eingesetzt zu haben, oder sie heben diese Momente positiv hervor, wo sie die Kraft hatten, die Stimme ihres Gewissens über die Stimme der Volksmeinung um sie herum gesetzt zu haben.

So etwa ein ehemaliger Personalvorstand von Daimler-Chrysler: »Wenn ich noch einmal von vorne anfangen könnte, würde ich alle wichtigen geschäftlichen Entscheidungen, die ich selbständig und in Übereinstimmung mit meinem Gewissen und meiner persönlichen Verantwortung fällen konnte, heute noch einmal so fällen.

Von anderen geschäftlichen Entscheidungen jedoch, die ich als Kompromisse fällen musste, wo sich oft mein anfängliches Unbehagen später bestätigt hat, würde ich mich aus heutiger Sicht ohne Rücksicht auf Verluste klar distanzieren.

Nach Martin Buber ist Macht eher ein Tor zum Bösen, Kant beschreibt es kritisch, Nietzsche idealisierend, Max Weber verzichtet auf jede Wertung. Wir können hier nicht abklären, inwieweit Macht gut oder böse ist. Können aber feststellen, dass sie gefährlich und zugleich gefährdet ist. Wenn wir die Geschichte zurückverfolgen und an die Mächtigen der Vergangenheit denken, können wir diejenigen, die mit Macht richtig umgehen konnten, an den Fingern abzählen.

Über den Autor: Johannes Czwalina erlebt das immer wieder auf seinen Kundenterminen: Leistungsdruck, der ihre Lebensqualität mindert. Manchmal sogar bis in den Burn-Out treibt. Er sucht dabei auch seine Work-Life-Balance …

Artikelbild: determined/ Fotolia.com

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