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Schön vorbildlich ein Plakat mit dem Schriftzug Work 4.0 an die Wand genagelt und schon hat es Einzug im Unternehmen gehalten, das digitale Arbeiten. Jörg Kopp zweifelt vehement daran. Denn wo Work 4.0 draufsteht, muss noch lange keines drinstecken. Warum Work 4.0 bei vielen Unternehmen in aller Munde ist, aber noch lange nicht in allen Köpfen…

Karriere-Einsichten: Work 4.0 – jeder redet darüber, aber wie ist Ihre Erfahrung: Wie viel digitales Arbeiten steckt wirklich in den Unternehmen?

Jörg Kopp: Das stimmt: Digitales Arbeiten ist als Thema ein absoluter Dauerbrenner, doch kaum jemand setzt es auch tatsächlich um. Stattdessen erklären Unternehmen Work 4.0 zum Projekt 2020 und bedrucken damit wie emsige Bienchen ihre Kaffeetassen. Und schon haben Führungskräfte und Mitarbeiter ihres Erachtens den elementaren ersten Schritt Richtung Zukunft gemacht.

So ein Blödsinn! Denn mit dieser Einstellung klappt es mit Work 4.0 in diesem Jahrhundert garantiert nicht mehr. Ein Jammer und vermutlich der Todesstoß für solche Unternehmen. Schließlich wird sich jegliche Form von Arbeit auch weiterhin drastisch verändern …

Karriere-Einsichten: Wie meinen Sie das?

„Frei(er) von Raum und Zeit“

Jörg Kopp: Durch das digitale Arbeiten entstehen viel mehr Möglichkeiten. Nicht nur bezüglich Raum und Zeit, sondern auch bei der grundlegenden Arbeitsgestaltung. Hurra, holt die Fähnchen raus! Denn das bedeutet für euch, dass ihr auch in Zukunft immer mehr Freiraum bekommt, wie und in welcher Form ihr eure Arbeit gestalten möchtet. Eigenverantwortung nennt sich das! Ich finde das absolut grandios, schließlich liegt hier ziemlich viel Verheißung drin. Na ja, insofern die Unternehmen Work 4.0 auch in Angriff nehmen.

Karriere-Einsichten: Work 4.0 ist also ihrer Meinung nach etwas Positives und Gewinnbringendes. Warum verschließen sich dann dennoch viele Führungskräfte und Mitarbeiter weiterhin davor?

Jörg Kopp: Das ist ganz einfach: Weil Work 4.0 Veränderung bedeutet. Raus aus dem Altbewährten, rein in das Ungewisse. Und seien wir mal ehrlich, viele Menschen sind in dieser Hinsicht schlicht faul.

Oder sie fürchten sich. In unserer heutigen Gesellschaft, in der so viel Unsicherheit herrscht, fühlt sich mehr Freiraum und Eigenverantwortung keinesfalls wie eine freudige Überraschung aus einer Konfetti-Kanone an. Nein, sondern vielmehr wie ein unschöner Wurmbefall – geleitet von dem Gedanken: „Ich will diese Veränderung auf gar keinen Fall!“

Karriere-Einsichten: Also wollen viele aus Faulheit kein digitales Arbeiten in ihrem Unternehmen?

Jörg Kopp: Das ist eine gute Frage … Das hat meines Erachtens bei einigen meist gar nichts mit Wollen zu tun, die kennen modernes Arbeiten einfach nicht. Gerade die Herrschaften älteren Semesters sind in einer anderen Generation groß geworden. In einer, in der es üblich war, dass der Chef am Anfang der Woche fein säuberlich die To-dos an alle verteilt hat. Hallo Hierarchie, tschüss eigenverantwortliches Denken. Damals waren Freiraum und digitale Arbeit noch absolute Fremdwörter. Deshalb gilt bei vielen heute auch das Motto: „In meinem Alter ändere ich nichts mehr.“

Diesen gegenüber sitzen die motivierten, jungen Wilden. Die, die mit all den modernen Hilfsmitteln aufgewachsen sind und dadurch einen ganz anderen Umgang haben. Die haben mit sechs ihren ersten Computer bekommen und in der Tüte zur Einschulung lag ein iPhone. Die wurden ja quasi ihr ganzes Leben lang auf digitale Arbeit vorbereitet.
Da entsteht dann ganz schnell mal Konfliktpotenzial, besonders wenn in einer Hauruck-Aktion alles geändert wird. Dabei muss es doch gar nicht immer die krasse Veränderung auf einen Schlag sein …

Karriere-Einsichten: Sie sprechen also von einer Work 4.0-Light-Version?

Jörg Kopp: Ganz genau. Mir fallen so viele Dinge ein, die ganz einfach geändert werden können, ohne dass sich ein Unternehmen gleich um 360 Grad verändern muss.
In meinen Unternehmen starteten wir ganz einfach damit, dass wir Meetings per Videos abhielten. Oder ich drehte für meine Mitarbeiter kleine Videos mit dem Smartphone, in denen ich ihnen mal wieder näherbrachte, warum wir die ganze Chose überhaupt machen.

Und wenn ich merke, dass jemandem solche Veränderungen nicht liegen, dann nehme ich diese Person einfach an die Hand, statt ihr genervt Druck zu machen. So gebe ich meinen Mitarbeitern den Mut, sich neuen Dingen zu stellen und Freude daran zu haben – auch wenn sie diese im Nachhinein immer noch doof finden. Denn ich bin der Überzeugung: Nur Handeln schafft Gewissheit.

Über den Interview-Partner: Jörg Kopp langweilt nichts mehr als Konsens und Mainstream. Der schwarzhumorige Keynotespeaker, Freiheitsextremist und notorische Unternehmensgründer irritiert und provoziert deshalb mit Leidenschaft, um seine Leser so auf neue Wege zu leiten…

Artikelbild: pathdoc/ Shutterstock

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