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Wir haben mit dem Wirtschaftsethiker Stephan Grüninger, Professor an der Konstanzer Fachhochschule für Wirtschaft, Technik und Gestaltung über den Wert von Vertrauen gesprochen. Und den Begriff „Integrity Compliance“…

Worin geht Integrity Compliance über Compliance hinaus und wie knüpft sie an diese an? In welchen Branchen ist Integrity Compliance etabliert? Welche Tools und Literatur gibt es dazu? Über diese und andere Fragen haben wir uns mit Professor Stephan Grüninger unterhalten.

Karriere-Einsichten: Warum reden Manager überhaupt über Compliance, das Thema ist ja nicht besonders sexy…

Stephan Grüninger: Das würde ich so nicht sagen. Schließlich geht es nicht selten um Fälle von Wirtschaftskriminalität größeren Ausmaßes. In Deutschland ist das Genre „Krimi“ doch sehr beliebt. Aber im Ernst, hätten wir in der Vergangenheit nicht zahlreiche Fälle von Bilanzmanipulationen, Korruptionsstraftaten, Preiskartelle und so weiter gehabt, wäre das Thema sicherlich nicht so zügig zu einem Managementstandard geworden.

Karriere-Einsichten: „Integrity“ und „Compliance“. Was ist der Unterschied?

Stephan Grüninger: Bei Compliance geht es um die Einhaltung von Regeln, vor allem die Beachtung von für ein Unternehmen relevanten Gesetzen. Und dabei natürlich vor allem um solche Gesetze, deren Missachtung aus dem Geschäftsmodell heraus nicht gänzlich unwahrscheinlich ist und für das Unternehmen besonders schwerwiegende Folgen haben kann.

„Moral entscheidet sich im Tagesgeschäft“

Im Geschäftsalltag kommt es vor allem darauf an, die gesetzlichen Grundlagen – sagen wir etwa des internationalen Korruptionsstrafrechts – so zu übersetzen, dass jeder Mitarbeiter etwas damit anfangen kann.

„Integrity“ bedeutet insofern nichts gänzlich anderes, als es auch hier am Ende des Tages vornehmlich darum geht, gesetzliche Standards einzuhalten. Darüber hinaus geht es aber auch um Fairness im Umgang mit Kunden, Lieferanten und anderen relevanten Stakeholdern des Unternehmens.

Karriere-Einsichten: Geben Sie mal ein Beispiel aus der Praxis, aus der Finanzbranche.

Stephan Grüninger: Denken Sie an die Anlageberatung von Banken und Versicherungen. Die Abgrenzung eines aus moralischer Sicht lediglich unfairen Geschäfts vom klaren Anlagebetrug kann letztlich nur gerichtlich festgestellt werden. Bei „Integrity“ handelt es sich aber gleichzeitig um einen Ansatz der versucht, das Verhalten von Menschen in Organisationen zu steuern. Er orientiert sich an allgemein gültigen und gesellschaftlich akzeptierten Grundwerten.

Karriere-Einsichten: Aus juristischer Sicht braucht man keine ethischen Werte, um Gesetze einzuhalten.

Stephan Grüninger: So kann man das natürlich sehen und so wird das in der Tat auch häufig gesehen. Ich sage aber, Manager müssen die Köpfe und Herzen der Mitarbeiter erreichen, um eine Unternehmensethik wirksam und nachhaltig zu etablieren. Man muss den Leuten doch erklären, warum Bestechungshandlungen, Kartellvergehen oder Kinderarbeit in der Wertschöpfungskette schädlich sind.

„Aufzeigen welche persönliche Konsequenzen Manager für ihre Entscheidungen zu tragen haben.“ Man muss aufzeigen welche persönliche Konsequenzen Manager für ihre Entscheidungen zu tragen haben. Vor allem aber, mit welchen Strategien und Handlungsweisen sie integer Geschäfte machen können.

Karriere-Einsichten: Ist der Integrity-Ansatz wirksamer da er mehr an die Verantwortung des Einzelnen appelliert?

Stephan Grüninger: Man kann heute sehr leicht ein Compliance-Management-System mit allen formalen Anforderungen aufbauen. Die Differenz zwischen einem „Paper Approach“ der ausschließlich und oberflächlich auf die Möglichkeit der Enthaftung für Organe und Unternehmen zielt und einem wirksamen System, das die Prävention von Fehlverhalten im Vordergrund sieht, ist entscheidend.

Karriere-Einsichten: Wie können es Manager in ihrem Unternehmen besser machen?

Stephan Grüninger: Bessere Unternehmen schulen inhaltlich ihre Führungskräfte, die dann selbst die Mitarbeiterschulung übernehmen. So wird ein kritischer Austausch angestoßen, den man durchaus als eine Art „Selbsterzwingungsmechanismus zu besserem Handeln“ beschreiben kann und der die Glaubwürdigkeit von Compliance massiv erhöht! In die Reihe dieser Maßnahmen gehören auch die Einführung von Hinweisgebersystemen, von externen Überprüfungen und anonymen Mitarbeiterbefragungen zum ethischen Klima.

Karriere-Einsichten: Um es an einem Beispiel klarzumachen, kann ein Unternehmen…

Stephan Grüninger: … Compliance Trainings formal so durchführen, dass sich keine einzige Führungskraft wirklich der direkten Auseinandersetzung und damit kritischen Fragen der Mitarbeiter stellen muss. Etwa indem ausschließlich elektronische Schulungsprogramme genutzt oder nur externe Fachreferenten das Training bestreiten.

Karriere-Einsichten: Mitarbeiter mit einem Leitzordner voller Detailregelungen zu überzeugen ist damit sicherlich nicht gemeint. Was müssen Manager als Erstes tun?

Stephan Grüninger: Werte wie Gerechtigkeit, Fairness und Anstand vorleben, um nachhaltig auf dem Felde der Corporate Compliance erfolgreich zu sein.

Karriere-Einsichten: Wie hat sich der Integrity-Ansatz die letzten Jahre in der Praxis entwickelt?

Nach den großen Korruptionsfällen der letzten Jahre in einigen DAX30-Unternehmen hat zunächst eindeutig der legalistische Ansatz dominiert, doch Unternehmen denken mittlerweile um. Man fragt weniger die Rechtsabteilung, „Was ist gerade noch erlaubt?“. Sondern vielmehr das obere Management: „Wie wollen wir nachhaltig gute Geschäfte machen, welche Opportunitäten suchen wir aktiv“?

Hinweis der Redaktion: Beitrag erschien zuerst im CSR-Magazin 1/2013.

Artikelbild: Anna Jurkovska/ Shutterstock

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Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

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