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»Er« hat das Leben satt und rast mit seinem Auto gegen die Wand. Im Krankenhaus trifft er »Sie«, die auch versucht hat sich umzubringen. Ein Drama mit allem, was dazu gehört: Wunsch nach Bedeutung, Freunden, Macht, Anerkennung. Sex und Ehre…

Stroboskopblitze in der Vorstellung, das Publikum sitzt im Kreis, kann sich der Atmosphäre der Schlaf/Wohnzimmer-grossen Bühne nicht entziehen. Wird sogar gleich am Anfang gefragt: „Willst du mich heiratren“. Irritation. Und das 1:30 Stunden.

Als Ausweg aus ihrem strengen türkischen Elternhaus bittet die junge Frau den deutlich älteren Alkoholiker um eine Scheinehe. Er, der seine türkische Muttersprache „weggeworfen“ hat und eine tiefe Abneigung gegen alles Türkische hegt, willigt widerstrebend ein.

Nach der Hochzeit beobachtet er gleichgültig, wie die junge Frau ihr neues Leben in vollen Zügen genießt. „Doch nach und nach verliebt sich der alternde Säufer in die unbeschwerte, lebenshungrige Frau.“

Eifersucht, ein schlechter Ratgeber

Als er schließlich im Affekt ihren ehemaligen Liebhaber erschlägt, endet die gerade aufkeimende Idylle jäh. Er muss in den Knast; sie flüchtet sich vor ihrer gewaltbereiten Familie nach Istanbul. Sechs Jahre später treffen sich die beiden wieder – zum ersten Mal in der Türkei. Doch sie müssen feststellen, dass nichts mehr ist, wie es war…

Fatih Akins kompromissloser, hochemotionaler Film über zwei Deutschtürken und ihre hoffnungslose Suche nach Identität aus dem Jahr 2004 wurde nicht nur mit zahlreichen Filmpreisen überschüttet – unter anderem bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, dem Deutschen Filmpreis und dem Europäischen Filmpreis. Er entpuppte sich auch in Deutschland wie in der Türkei als Politikum, das die Rolle der Deutschtürken in ein neues Licht rückte.

Zwischen Selbstauflösung und Lebenshunger

Der Theaterregisseur Martin Nimz konzentriert sich in seiner Inszenierung mit nur vier Schauspielern und in knappen, atemlosen Szenen auf die selbstzerstörerischen Kräfte, mit denen der alternde, vom Leben desillusionierte Mann und die junge, lebenshungrige Frau gegen festgefahrene Traditionen und vorgegebene Rollenmuster aufbegehren.

Mit erbarmungsloser Wucht schleudern sie hin und her zwischen totaler Selbstaufgabe und exzessiver Lebensgier – die Sinnwidrigkeit der Welt ahnend und gleichzeitig erfüllt von der tiefen Sehnsucht danach, dem Dasein doch einen Sinn abringen zu können.

Und wie so oft ist es die Liebe, die als Sinn-Lieferant verheißungsvoll am Horizont erscheint. Eine unmögliche Liebe, die plötzlich möglich wird und doch zum Scheitern verurteilt ist. Weitere Vorstellen im Theater Konstanz.

Über den Autor: Jan Thomas Otte findet, dass Heimat ein dehnbahrer Begriff ist. Für die einen ist es Facebook, für andere Freunde, Familie, Gott. Blöd ist eigentlich nur, wenn man sich wirklich alleine fühlt.

Artikelbild: AS Inc/  Shutterstock

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