China wächst. Nicht nur seine Bevölkerung, auch seine Wirtschaft. Während hierzulande chinesische Unternehmen immer mehr auf Einkaufstour gehen, sind wir mit Denise Müller ins Reich der Mitte gefahren. Besuch im Boomtown Shanghai, der Hauptstadt Peking und dem weiten Land. Klischees haben wir natürlich auch dort getroffen…


[dropcap]V[/dropcap]on Chinas moderner Metropole Shanghai trägt der naive Tourist ein Bild im Herzen von sich majestätisch in den Himmel reckenden Wolkenkratzern, deren gläserne Fassaden den Sonnenschein spiegeln. Doch was sich arrogant ins Blau erheben soll, bleibt im Grau von Smog und Nebel stecken, wirkt mickrig und gestaucht.

Die enttäuschende Skyline am gegenüberliegenden Huangpu-Ufer ist durchzogen von Baukränen und Absperrungen. Neben der Promenade liegenden Gebäude der französischen Konzession langweilen durch ihren immergleichen Stil, ihre braune Farbe geht konturlos über in den Baustellendreck. Shanghai ist eine Baustelle.

„The Bund“, wie die Panorama-Uferpromenade heißt, ist derweil eine belebte Touristenmeile. Verkäufer stehen sich gegenseitig auf den Füßen, um Spielzeug, Schifffahrtstickets oder Fotosessions an den Mann zu bringen. In Shanghais großer Einkaufsstraße, der Nanjing Road, wuseln die Händler durch die Massen nebst Geschäften mit bunten, leuchtenden Reklamen und Schildern.

Am Abend geben wir Shanghai eine zweite Chance. Auf wundersame Weise wirken die Gebäude jetzt imposant. Der Hochhausdschungel Pudong zeichnet sich leuchtend und glamourös vor dem dunklen Nachthimmel ab. Plötzlich wirkt Shanghai edel, stilvoll, modern.

Shanghai ist hier und da auch einfach schön. Nach einem Spaziergang im Baustellenwald entdecken wir Yu Yuan, Shanghais restaurierten Garten. Dort finden wir Schönheit und ein klein wenig Ruhe. Dass wir auf dem Rückweg durch halb Shanghai laufen müssen, um an einer Baustelle vorbeizukommen, belegt dennoch wieder die These, dass diese Stadt für ihre Besucher und Bewohner mit Vorliebe baut.

Von Shanghai aufs Land nach Yangshuo

Die Einwohner Yangshuos nehmen ihren Status als Touristenmagnet mit Humor: „We are not mentioned in the Lonely Planet, but I’m sure it’s a good place for you“, so wirbt ein Restaurant seine Gäste. In der West Street, dem Dreh-und Angelpunkt in Yangshuo, geht es einzig darum, wer die meisten Wessis für sich gewinnen kann. Hier reihen sich Restaurants, Bars, Essstände, Souvenirläden, Tuch- und Taschenverkäufer und Tibet-Silber-Händler aneinander. Ein Sträßchen mit Flair, in dem sich die Menschen aneinander reiben und im Schlendertempo durch die Gasse schieben. Sie endet am Fluss, wo Straßenmarkt und Bootstouren auf warten.

Eine Fahrt auf dem Li Jiang lohnt durchaus. Mit kleinen Motorbooten im Bambusrohr-Look geht es übers flache Wasser. Auf beiden Seiten erheben sich die Karstberge, auf dem Fluss begegnet man einer Herde Wasserbüffel, die durchs Wasser schwimmt, oder ein paar Kormoranen, die ein Päuschen machen, bevor sie wieder Fischen gehen müssen.

Um dem Trubel Yangshuos eine Zeit lang zu entfliehen, mieten wir uns für einen Spottpreis Fahrräder und fahren ziellos raus ins Grüne. Unmittelbar hinter Yangshuos dicht befahrenen Straßen startet das Landleben. Kleine Dörfer säumen unseren Weg, bis wir uns plötzlich inmitten des Karstgebirges wiederfinden, ein leicht diesiges, aber dennoch prächtiges 360 Grad-Panorama. Die Hügel zu betrachten, ist wie Figuren aus Wolken herauszudeuten: Mal sieht ein Berg aus wie ein dickes Nashorn, mal wie ein schlafender Drache.

Als i-Tüpfelchen der Tour halten wir in einem der kleinen Dörfer an und essen dort zu Abend. Es ist klares Kontrastprogramm zu Yangshuo, wo man unser Geld will uns uns dafür „Western Food“ serviert. Hier essen wir eine gute chinesische Nudelsuppe, sitzen auf kleinen Holzhockern im Freien, und die Menschen freuen sich ehrlich über ihre ausländischen Gäste. Bei allem Spaß, den das Touristenstädtchen Yangshuo macht, kann es das Herz nicht so berühren wie die original chinesische Freundlichkeit.

Vier Klischees über Beijing

In Beijing verstecken sich die Sehenswürdigkeiten hinter anderen Sehenswürdigkeiten.

Zumindest versteckt sich der Sommerpalast. Und das ist ja immerhin eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Beijings! Es liegt wohl daran, dass wir drei Busstationen zu früh ausgestiegen sind. So verschlägt es uns erst auf einen gemütlichen Markt und anschließend in den Park der Universität, der durchaus als Sommerpalast hätte durchgehen können: Eine weitläufige Anlage, romantische Seen, hier ein üppig verziertes China-Dach und da eine Pagode.

Nur einen Ausgang, den gibt es nicht. In kurzen Momenten der Unachtsamkeit glaubt man sich bereits an der großen Mauer, weil eine solche den gesamten Park begrenzt und wir tapfer bis zum Eingang zurück laufen müssen, um irgendwie wieder herauszukommen. Auf der richtigen Fährte wissen wir uns, sobald sich Busse und Touristenmassen häufen. Doch zwischen all denen hindurch können wir durchaus lohnenswerte Blicke auf den Palast und die pompöse Pagode am Berghang erhaschen. Der See verliert sich im Grau, im Nebel erkennt man viele, kleine Punkte auf den vielen, kleinen Brücken: 1,3 Milliarden Chinesen, und alle an diesem Tag im Sommerpalast!

Den Bus 919 gibt es doch!

Um zur großen Mauer zu kommen, suchen wir den Linienbus 919. Da steht er. Aber, so heißt es, der nicht. Auch von den fünf 919-Bussen, die dahinter stehen, keiner. O-Ton eines Bus-Fähnchenhalters: „Es gibt keinen Bus 919.“ Was irgendwie eine alberne Behauptung ist angesichts der vielen Neunen und Einsen, die sich hier hinter den Windschutzscheiben tummeln.

Ein anderer meint, wir sollen morgen wiederkommen, noch welche sagen, wir sollen doch ihr Taxi für ein kleines Vermögen mieten, und nur eine hat einen sinnvollen Tipp: Dreihundert Meter weiter gehen. Da ist das Nest aller 919-Busse, und da finden wir auch einen, der uns zur Mauer bringt.

Große Mauer gibt’s nur für große Anstrengung.

Wir fahren also zur großen Mauer. Rechts geht es gemächlich bergauf, wer linksrum geht, verschreibt sich einer Kletterpartie. Wir gehen linksrum – und haben die Mauer für uns. Da empfiehlt der Reiseführer, nicht auf ein „Die Mauer und ich“-Erlebnis zu hoffen – wir haben eines. Wir haben Strecken zum Rennen, zum Fotografieren, zum Stehenbleiben und Durchatmen – wir haben allerdings auch Postkarten- und T-Shirt-Verkäufer für uns.

In den ruhigen Momenten, in denen wir unsere Dreisamkeit mit der Mauer genießen, können wir auch zur anderen Seite blicken: Bevölkert mit Menschen, die dicht voreinander und nebeneinander her laufen. Was lernen wir daraus? Die anstrengende Kletterei lohnt sich.

Wessi bleibt Wessi

Dank eines spontanen und ziellosen Aussteigens aus der U-Bahn verschlägt es uns ins Botschafts-Viertel. Wo zieht es uns Wessis magisch hin? Nein, nicht zu Starbucks. Der ist gegenüber. Wir gehen zu Häagen Dazs und pfeifen uns noblen Cappuccino und jeder einen üppigen Eisbecher rein. Dass wir Wessis sind, bekommen wir außerdem während eines Souvenir-Shoppings zu spüren.

Denn der Wessi ist ja reich und dumm, denkt sich die Verkäuferin, bei der wir Essstäbchen kaufen wollen. Eine Packung zehn Yuan, sagt sie. Wir wollen zwei. Macht vierzig. Finde den Fehler!

Sichtweise!Denise Müller beschreibt ihre Reise als eindrucksvoll und so lehrreich wie kaum eine andere, nach China. Und trotzdem: Da ist man wochenlang unterwegs und kann doch nur einen Bruchteil des riesigen Landes sehen. Es gibt also noch viel zu entdecken im Reich der Mitte…

Artikelbild: © Denise Müller

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