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Sie sprechen eine Sprache, die der Krise. Notenbanker in Frankfurt und New York, zum Euro und US-Dollar. Konsumenten auf der Fifth Avenue sehen das gelassener denn je, vor allem die aus dem Ausland. Doch jede Menge Übersetzungsarbeit ist gefordert…

[dropcap]A[/dropcap]n der Fifth Avenue drücken Schaulustige ihre Nase am Fenster platt. Solche „windows-shopper“ sind bei den Verkäufern weniger beliebt. Doch jeder dritte US-Amerikaner will nach einer Gallup-Umfrage nun weniger für die Weihnachtsgeschenke ausgeben. Einige wenige zeigen sich unbeeindruckt von der Finanzkrise, haben die Übersetzungsarbeit der Politiker und Manager wohl nicht ganz verstanden.metr

Knapp zehn Prozent der US-Bürger haben vor, in den umsatzstärkstenWochen des Jahres noch einmal mehr Geld in den Geschäften zu lassen als vergangenes Jahr. Noch sei es ja nicht soweit mit der Krise, sagt Melissa Rusert, eine Mittvierzigerin im Pelzmantel in einem Laden an der Fifth Avenue. Sie arbeitet sonst als Übersetzerin in einem der zahlreichen Büros, oben in den Wolkenkratzern.

Über was man dort nachdenkt, wenn es nicht ums Übersetzen von Englisch ins Deutsche und andersrum geht? Die jetzige Wirtschaftsund Finanzkrise sei fast so schlimm wie 1929, sagen Alexander Clayton (71) und Joy Bollinger (63) aus Ohio. Sie wollen in diesem Jahr auf allzu teure Geschenke verzichten. Beide hoffen auf den neuen Präsidenten Barack Obama, der „alles wieder in Ordnung“ bringen soll.

Nach einer Emnid-Umfrage wollen ein Drittel der Deutschen weniger Geld für Weihnachtsgeschenke ausgeben. Eine repräsentative Umfrage des pleitegegangenen Quelle-Versandes sagt es ebenso. In New York ist es anders, wie so vieles. Am Rockefeller-Center zum Beispiel. Der Konsumtempel mit 70 Stockwerken wurde in den 30er Jahren der damaligen Weltwirtschaftskrise zum Trotz gebaut.

New York: Metrople des Shoppings

Hier posieren halbnackte Models, der Bass der Musik dröhnt ins Ohr, das neue Parfüm betäubt den Geruchsinn. Ist die Kreditkrise bei den Menschen der Metropole noch nicht angekommen? Melissa Rusert schaut Richtung Wall Street. Auch sie weiß aus den Nachrichten, dass im neuen Jahr viele Leute ihre Jobs verlieren werden. Im Freundeskreis seien einige, die sich bereits mit ihrer Kreditkarte haushoch verschuldet hätten.

Aber es gehe schon irgendwie, sagt sie. Wirtschaft lebe eben vom Ausgeben Viele US-Amerikaner bemühen sich in der Krise um Leichtigkeit, wollen sich nicht verrückt machen lassen. Die Princeton-Studenten Matthew Pigman und Katherine Klingman sagen es so: „Wenn wir alle weitermachen wie bisher, eben kaufen, kaufen, dann ist das doch gar kein großes Problem.“ Den Konsum weiter ankurbeln. Die Menschen auf den Straßen New Yorks geben sich gelassen.

Man wechsele ja eh alle fünf Jahre den Arbeitgeber, sagt ein Passant. Die University of Michigan fand per Umfrage heraus, dass ein Drittel der US-Verbraucher mehr denn je um den Job bangt. Doch es sei ebenso gut möglich, dass der Konsum dadurch noch stärker werde, „um sich wenigstens noch dieses Jahr das tolle Parfüm zu gönnen“, glaubt die Verkäuferin im Modegeschäft.

Big Apple: Sprache der Hoffnung

Schräg gegenüber leuchten die Schaufenster des Edel-Juweliers Tiffanys. Analysten hoffen auf den gehobenen Mittelstand, Leute wie Melissa Rusert, die sich teuren Schmuck ab 2.000 US-Dollar leisten können. Der Zusammenbruch der großen Banken und Wall-Street-Unternehmen wird die Luxus-Verkäufer New Yorks am härtesten treffen. Edel-Geschäfte hatten an den Millionen-Dollar-Bonuszahlungen der Banker bisher gut verdient. Zwischen Glitzer-Designern wie Gucci, Versace und Bulgari bitten Obdachlose auf den Treppenstufen der St. Patrick’s Cathedral um Geld fürs Butterbrot.

Unten und ganz oben in der Gesellschaft werde die Finanzkrise am stärksten sichtbar, weiß Pfarrer Mark Hostetter an der First Presbyterian Church, ebenfalls an der Fifth Avenue New Yorks. In seiner Seelsorge-Sprechstunde geben sich gekündigte Manager die Klinke in die Hand mit Obdachlosen, die noch nie viel hatten. In seinen Andachten kommen sie zu Wort. Masse statt Klasse wird beliebter, weil erschwinglich. Vor den Toren New Yorks, im Massengeschäft auf dem Land, hat der Einzelhandels-Gigant Wal-Mart Stores unterdessen eine Woche eher mit seinem Weihnachtsgeschäft begonnen.

Besondere Mengenrabatte gibt es bei Spielzeug und Urlaubsreisen, die im Internet gebucht werden. Spiel und Spaß sollen nicht vergehen, wünscht es sich ein Händler an der Autobahn nach New York. Mit ihren Blechlawinen ist sie so verstopft wie jeden Tag. Der Konsum rollt weiter.

Sichtweise! Jan Thomas Otte war beeindruckt von dem Sprachen-Wirrwarr im Chinatown. Mitten im Geburtszentrum der Wolkenkratzer dieser Welt. Das nächste Mal nimmt er vorher eine Aspirin…

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

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Jan Thomas Otte ist chronisch neugierig. So studierte er Theologie - der Weg zum Pfarrer, machte eine Journalistenausbildung und dann zog es ihn in die weite Welt, ins Geschäft einer internationalen Beraterfirma. 2010 gründete er diese "Karriere-Einsichten"...

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