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„Persönlich bin ich ganz anders, komme aber leider selten dazu“. Was wie ein Treppenwitz klingt, kommt tatsächlich immer wieder vor. Beobachtungen von Professor Ulrich Hemel in unserer Arbeitswelt…

Da gehen Menschen so sehr in den Ansprüchen ihres Berufs auf, dass sie sogar für sich selbst unerkannt bleiben. Sie halten sich für großzügig, müssen aber beruflich auf Kosten achten. Irgendwann werden sie zum kleinlichen Pedanten, der sich für ein „Rollenvorbild“ hält. Denn Fehler machen nur andere, denen man es – großzügigerweise- nicht ganz so dick, aber doch klar genug aufs Butterbrot schmiert!

Wo bleibt da die Authentizität? – so könnte man fragen. Und da Menschen nach ihren Gewohnheiten handeln, bleiben sie in ihrer Rolle auch dort, wo einschlägige Verhaltensweisen eher kontraproduktiv sind. Nach dem Motto: Ob jemand Lehrer ist, merkt man daran, dass er auch zuhause alles besser weiß.

„Anpassungsverhalten vs. Persönlichkeitskern“

Natürlich gilt das Gesagte weder für alle Lehrer noch für alle Buchhalter und Controller.
Das Grundproblem findet sich aber in jedem Beruf: Wie stark fordert die Berufsrolle von mir ein Anpassungsverhalten, das schleichend auf den Persönlichkeitskern zurück wirkt? Wie weit habe ich das Recht oder sogar die Pflicht, meine eigene Persönlichkeit mit ihren Ecken und Kanten in das Berufsleben einzubringen und „Authentizität“ als Wert erlebbar zu machen?

Hund im Büro, Cognac zum Mittag

In meiner Zeit an der Universität konnte ich als junger Assistent eine ältere, allein stehende Dame als Sekretärin erleben, die hoch angesehen, fachlich und menschlich kompetent war.

Sie hatte allerdings unvergessliche Eigenheiten, denn nach dem Mittagessen gab es grundsätzlich ein Glas Cognac; und kein Lehrstuhlinhaber hat es je geschafft, sie davon zu überzeugen, dass sie ihren Hund NICHT mit ins Büro nimmt. Die Dame war keine Alkoholikerin, aber ein resolutes Original. Sie kompensierte allerdings ihre Grenzüberschreitungen durch ein hohes Maß an Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft und Kompetenz.

Damit ist der entscheidende Punkt erreicht: Wo beginnt die Grenzüberschreitung? Und die Frage geht in zwei Richtungen. Die eine Seite ist die Nichtbeachtung sozialer Grenzziehungen, die im Zusammenleben sinnvoll sind: Cognac am Nachmittag und Hunde im Büro sind nicht zur Nachahmung empfohlen. Umgekehrt fängt eine subtile Grenzüberschreitung dort an, wo Menschen in ihrem Eifer, ihre Sache gut zu machen, auf wesentliche Elemente ihrer Persönlichkeit und ihres Lebens verzichten.

Authentizität und Arbeitsmoral

Hier eigene Standpunkte geltend zu machen, erfordert allerdings sozialen Mut. Als ich in den 90er Jahren bei Boston Consulting zu arbeiten begann, hatte ich schon drei kleine Kinder. Wochenenden und Feiertage hielt ich daher ziemlich konsequent von Berufsarbeit frei. Als dann ein Case Team Meeting an einem Feiertag einberufen wurde, protestierte ich- allerdings vergeblich.

Im Gegenteil: Meine Rückfrage, ob das wirklich nötig sei, wurde sogar als Ausdruck für eine problematische Arbeitsmoral angesehen. Langfristig hatte der kleine Zwischenfall allerdings zwei eher positive Folgen: Ich habe später als Manager nie Meetings an Wochenenden oder Feiertagen einberufen. Und ich erwarb den Ruf, ziemlich klar zu sagen, für welche Werte ich stehe.

Karriere und Authentizität müssen sich nicht ausschließen, im Gegenteil. Denn keinem Unternehmen ist mit einem Heer von Jasagern gedient. Wesentlich ist allerdings, dass der Ton die Musik macht. Denn soziale Kompetenz wirkt sich auch dort aus, wo wir unbewusst einen „sozialen Filter“ für unsere sprachlichen und sonstigen Handlungen einbauen.

Wir sehen beispielsweise, dass Frau Müller einen Fleck auf ihrem Kleid und Herr Maier weiße Socken zum Nadelanzug trägt. Ist es unsere Aufgabe, sie darauf hinzuweisen? Tatsächlich halten wir uns in solchen Fällen eher zurück, nicht aus Unehrlichkeit und mangelnder Authentizität, sondern aus Taktgefühl. Es ist nicht nötig, anderen das Leben schwerer zu machen, als es ist.

Sozialer Mut

Wann nun Zurückhaltung und wann sozialer Mut gefragt ist, das gilt es herauszufinden. Und das geht am besten, wenn wir nicht stets und ständig im gleichen Saft schmoren. Menschen sind neugierig und brauchen gelegentlich Abwechslung.

Es ist eben wichtig, dass wir uns selbst in unterschiedlichen Rollen erleben: Als Freizeitsportler, als Freunde, als Lebenspartner, als Familienmitglieder, als Verantwortliche in einem Verein, einer Musikgruppe oder bei einer öffentlichen Veranstaltung.

„Rollenrepertoire“

Soziologen sprechen hier vom „Rollenrepertoire“, das einem Menschen zur Verfügung steht, von der Chance auf einen „Perspektivenwechsel“. Früher sprach man von der Fähigkeit der Einfühlung als der erlernbaren Eigenschaft, sich in andere hineinzuversetzen.

Vorteilhaft daran ist, dass wir ganz direkt spüren, wie die Ausgestaltung der unterschiedlichen Rollen auf unser eigenes Verhalten zurück wirkt. Dominanz in einer Wettbewerbssituation ist etwas ganz anderes als Dominanz beim Warten in einer Schlange oder bei der Auswahl eines Reiseziels in einer Familie. Manchmal sind klare Worte angesagt, manchmal diplomatische Verpackung. Manchmal wirkt Dominanz als Durchsetzungsvermögen, manchmal als unangebrachter Egoismus.

Balance zwischen Anspruch und Ausdruck

Authentizität im guten Sinn hat damit zu tun, dass Menschen sich selbst spüren, dass sie ein Bewusstsein vom Kern ihrer Persönlichkeit haben. Gemeint ist nicht die „brutale Ehrlichkeit“ oder „harte Kante“ dessen, der keine Zwischentöne beherrscht. Viel eher geht es um die Balance zwischen den legitimen Ansprüchen auf Selbstausdruck und den ebenfalls legitimen Anforderungen beruflicher und privater Rollen.

Das Thema hat folglich viel mit unserer persönlichen Entwicklung zu tun. Und es folgt alterstypischen Chancen und Gefährdungen: Wer Anpassung als Prinzip lebt und Überzeugungen nur als Zugeständnis an soziale Konvention sieht, wird sich verlieren. Stromlinienförmiges Verhalten vergibt auf Dauer Chancen der persönlichen Entfaltung.
Umgekehrt ist „Authentizität“ keine gute Ausrede für die mangelnde Bereitschaft, sich auf andere und auf externe Anforderungen einzulassen- manchmal auch dann, wenn es einem nicht passt.

„Authentizität“ hat damit zu tun, sich selbst in der gegebenen Situation als stimmig zu erleben, und zwar im Gleichgewicht zwischen innerem Bedürfnis und äußerer Rollenerwartung.

Wer dies gut kann, bleibt lebendig- und kann trotz der Risiken aus „mutigem“ sozialen Verhalten sehr erfolgreich Karriere machen. Denn auch große und komplexe Organisationen suchen für ihre Spitze keine Charakterlarven- sondern lebendig gebliebene Menschen!

Über den Autor: Professor Ulrich Hemel mag die lebhaften, manchmal kontroversen Diskussionen. Fragen der Zeit philosophisch zu beleuchten, gehört zu den schönsten Aufgaben, die er sich vorstellen kann. Zum Beispiel mit dem von ihm gegründeten „Institut für Sozialstrategie“…

Artikelbild: pathdoc/ Shutterstock

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