April 2005. „Wir sind Papst“, schallte es durch den Blätterwald, nicht nur die BILD. Evangelische Studenten haben Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl besucht. Ausblicke des Menschenfischers…

Mystik, Messen und Menschenmassen. Sie sorgen auch bei Nicht-Katholiken für Gänsehaut. Das bewies eine Exkursion von evangelischen Studis, Theologen.Um sieben Uhr morgens sind die Gassen auf dem Weg zum Petersdom noch gähnend leer. Bevor der alltägliche Touristenandrang losgeht. Auf die Sehenswürdigkeiten.

Die Gruppe von 15 deutschen Theologiestudierenden mit Exkursionsleiter Martin Wallraff, Professor für Kirchengeschichte in Basel, bereits auf Tour. „Einfach überwältigend“, murmeln sie, während sie das imposante Eingangsportal betreten, das vom Petersdom.

An den Seitenaltären werden Gottesdienste in verschiedensten Sprachen gehalten. Der Klang liturgischer Gesänge vermischt sich mit Schleiern herb duftenden Weihrauchs. So beeindruckend groß der Petersdom den Studis auch erscheinen mag, so winzig ist die Fläche seiner Fundamente.

Staat: Buch der Rekorde in Miniatur

Gerade mal einen halben Quadratkilometer ist die Vatikanstadt groß. Damit der kleinste Staat der Welt. „Wir wollen den Vatikan jenseits vom Pauschalurlaub kennenlernen“,wünscht sich Valentin Wendebourg. Er studiert in Tübingen Theologie – dort, wo einst Joseph Ratzinger als Priester und Professor wirkte.

Die Generalaudienz des Papstes weist Ähnlichkeiten mit einem Popkonzert auf Tatsächlich ist auch im Vatikan alles zu finden, was man zum Leben neben Wein und Brot braucht.

Der päpstliche Supermarkt bietet dem Klerus Pasta und Pesto, die Tankstelle sorgt für den nötigen Treibstoff. Die Bank verwahrt die Finanzen und vergibt Kredite, falls trotz klingender Kassen doch einmal Bedarf sein sollte.

Die Apotheke hilft den Geistlichen, wenn trotz Kontemplation der Kopf brummt. „Souvenirstände lassen auch für den interessierten Studenten keinen Wunsch offen“, lächelt Carsten Brall aus Wuppertal über Papst Benedikt XVI.-Devotionalien aus Papier, Plastik oder Porzellan. Ebenfalls noch immer ein Bestseller: sein Vorgänger Johannes Paul II.

Aufgabe: Katholischen Glauben schützen

Vorbei an Pilgerströmen auf dem Petersplatz – die Wachen der Schweizergarde im Blick – geht es für die angehenden Theologen in den Palast des Heiligen Officiums, zur Kongregation für die Glaubenslehre. „Die Aufgabe der Kongregation ist es, den katholischen Glauben zu schützen und zu fördern“, betont Priester Hans Feichtinger.

Lange Diskussionen gibt es dabei nicht: „Wir sind nicht dazu da, den Dialog zu führen, sondern seine Grenzen zu definieren“, erklärt Feichtinger. Und das hat sein letzter Chef, Kardinal Ratzinger häufig getan.

Schließlich erhält die Kongregation täglich massenhaft Briefe und E-Mails von Gläubigen aus aller Welt – und manche Fälle sind durchaus skurril: Wie etwa der bayerische Bauer, der seinen Kühen gegen die BSE-Seuche Oblaten zum Fraß gegeben hat. Oder eine wasserstoffblondierte Nonne mit seltsamen Marienerscheinungen.

Ganz anders geht es beim Rat zur Förderung der Einheit der Christen zu, bei dem Priester Matthias Türk tätig ist. Hier stoßen die evangelischen Studenten auf offene Ohren: „Wir möchten einen ökumenischen Geist innerhalb der Kirche fördern, um mit den anderen Konfessionen ins Gespräch zu kommen“, sagt Türk mit einladender Geste.

Person: Fanmeilen auf dem Petersplatz

Auf internationaler Ebene spricht man dazu mit fast jeder Kirche. Von den anglikanischen Gemeinden über freikirchliche und orthodoxe Gemeinschaften bis zum Weltbund lutherischer Kirchen. Krönenden Abschluss der Exkursion bildet ein Besuch der wöchentlichen Generalaudienz des Papstes. Die weist durchaus Ähnlichkeiten mit einem weltlichen Popkonzert auf – die Karten im Vorverkauf gibt es allerdings kostenlos.

„Da kommen schnell mal 100.000 Menschen zusammen“, weiß der Kioskbesitzer Giuseppe, dessen Laden direkt um die Ecke liegt. Bunte Flaggen, Transparente und surrende Digitalkameras ungeduldig wartender Papstfans sorgen auf dem Petersplatz für Stadionatmosphäre.

Großleinwände beweisen: Auch nach der WM ist Public Viewing noch ein Event. Dann flimmern die ersten Bilder von „Benedetto“ über die Schirme, das Papamobil rollt im Schritttempo durch die Spaliere des Petersplatzes.

In zwei routinierten Runden winkt der deutsche Papst den Pilgern zu und nimmt ein mittlerweile gewohntes Bad in der Menge. Nach dem Abschlussgebet gibt es einen tosenden Applaus mit Sprechchören, wie man sie bereits vom Weltjugendtag in Köln und dem Bayernbesuch des Papstes kennt.

Die Pilger sind zufrieden. Vom Papst gesegnet, mit Fotos ausgerüstet – und damit optimale Werbeträger für die weltweit agierende Institution Kirche.

Vom 22. bis 25. September 2011 kam Papst Benedikt XVI. zu seinem ersten, offiziellen Staatsbesuch nach Deutschland. Am kommenden Wochenende wird er in Freiburg erwartet. Die Reaktionen darauf sind durchaus unterschiedlich.

Was eine Ärztin und ein Künstler vom Papst erwarteten?

Eigentlich wollte sie aus der Kirche austreten. Dann kam die Wahl Papst Benedikts XVI. dazwischen. Sonja Schlägel wechselte von der evangelischen Lutherkirche in Konstanz über den Rhein in die katholische Seelsorgeeinheit Konstanz-Petershausen.

„Ich bin dort heimisch geworden, fühle mich wohl“, so die 50jährige Radiologin. Seit fünf Jahren kümmert sie sich hier als Ehrenamtliche um die Jugendarbeit, organisiert Fahrten wie zum Weltjugendtag in Madrid. 62 Leute fuhren Ende August mit, eine „bunte Truppe“ unterschiedlichen Alters sei das gewesen. Und hier noch eine Rückblende zum offiziellen Papstbesuch.

Dreißig Konstanzer Teilnehmer übernachteten bei Nonnen vor Ort , ein Seminarist habe es organisiert. Erstes Highlight mit den Jugendlichen war die Gebetsvigil am Samstagabend, auf dem Freiburger Messegelände. Andere Teilnehmer kamen als Tagesgäste am Sonntag hinterher, zur Heiligen Messe am City-Airport.

Schmierereien und ein nackter Papst

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. im Südwesten Deutschlands ist im Vorfeld nicht unumstritten gewesen, ebenso im katholisch geprägten Konstanz. Einige großflächige Werbeplakate, die zu seinem Besuch einladen sollten, wurden mit Farbbeuteln beworfen, seine Augen ausgekratzt, antikirchliche Parolen draufgemalt.

Ralph Haas vom Dekanat: „Die finde ich sehr ärgerlich, diese Art ist sicher nicht unsere Art der Auseinandersetzung“. Allerdings mag der Referent das „nicht überbewerten“. Schließlich würden ja auch andere Plakate verunstaltet, zuletzt bei Politikern im Landtagswahlkampf.

„Problem mit der Lust“

Hinzu kommt ein weiterer Kritiker. Künstler Peter Lenk meint, „katholische Fundamentalisten“ wie Benedikt XVI. hätten einfach „ein Problem mit der Lust“. Und die wolle er mit seinen provozierenden Kunstwerken ausdrücken. Bekannt geworden ist er durch den Entwurf der „Freiheits-Staue“ am Konstanzer Hafen.

Die nackte Papstfigur auf der Imperia, einer Dirne aus dem Mittelalter, sei aber kein Abbild Benedikts XVI. Ein missverständlicher Untertitel in der BILD-Zeitung sorgte zuvor für Furore.

Vom echten Papst dagegen, Vorgänger Johannes Paul II. ist dagegen seine weiße Haube im Rosgartenmuseum ausgestellt. Für das 600. Jubiläum des Konstanzer Konzils 2014 überlege man bereits eine Sonderausstellung. Direktor Tobias Engelsing rechnet mit einem „hochrangigen Vertreter aus dem Vatikan“ als Ehrengast, jedoch nicht dem Papst persönlich.

Auch wenn der einzige Papst nördlich der Alpen in Konstanz gewählt wurde. „Eine Haube wird er schon aufhaben, nur eine andere Farbe“, so Engelsing.

Seelsorge für jedermann

Negativschlagzeilen in der Presse nach der Wahl Josef Ratzingers zum Papst, die Rede von einem „Panzer-Kardinal“, hätten die frühere Protestantin Sonja Schlägel jedoch erst recht zum „Papst-Fan“ gemacht.

Neben dem „Wir sind Papst“-Wirbel 2005 beeindruckt die Gläubige der „wache Verstand und die Bescheidenheit“ des Papstes, in Madrid wie auch nächste Woche in Freiburg. Einen „großen Schritt in der Ökumene“ und anderen Frage wie Kondomen und Zölibat erwarten ihre Jugendlichen aber nicht.

Schlägel freut sich vor allem auf die Predigt vom Papst. Er bringe die Botschaft des Christentums „in eine Form, dass auch ich das kapiere“, lobt Schlägel. Sie mag seine Mischung aus „Intellekt und Einfachheit“ in der Wortwahl. Dass der Papstbesuch wohl wieder eine Massenveranstaltung wird, findet sie in Ordnung.

Die Jugendlichen würden manches „Halleluja-Schaumbad“ mögen. Ein bisschen „Weltjugendtag-Feeling“ erhofft sie sich aber auch. Trotz Gedrängel, einfachen Unterkünften, keinem Alkohol – dafür der „frohen Botschaft, Jesus Christus“. Das sei ganz und gar nicht vergleichbar mit anderen Großdemos, die „immer gegen etwas“ seien, zuletzt Stuttgart21 und Atomkraft. Der Papstbesuch sei sogar noch besser als das Oktoberfest. „Wir freuen uns drauf!“

Artikelbild: Jan Thomas Otte

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