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Um alle Türen der Wirtschaftswelt offenzuhalten, besuchen viele Leute „Career Services“. Nicht nur an Business Schools, auch an staatlichen Hochschule…

[dropcap]Ü[/dropcap]ber Stromlinien-Formen und manches Clon im „gestreamlinten“ Lebenslauf. Für manche Studis beginnt das schon im Kindergarten. Im Berufsleben geht es mit dem Coaching immer weiter.

Wieso, weshalb, warum? Ihre Devise: Über den Tellerrand schauen! Und sich dabei möglichst von anderen Wettbewerbern unterscheiden. Schneller, besser und effizienter lernen?

Lange braune Haare, pinkes Polo-Shirt, eine Milchzahn-Lücke. Den Hockey-Schläger hat sie fest im Griff, das Tor des Gegners fokussiert. Erst kürzlich hat sie die Grundschule verlassen. Jetzt ist sie Middle-Year-Student einer international ausgerichteten Privatschule.

Jennifer mag die Schule. Der einzige Haken sei, dass man da so viel arbeiten müsse. „Im Kindergarten konnten wir immer spielen“, sagt sie. Der Hort steht ebenso auf dem Campus. Demnächst will sie ihre dritte Fremdsprache lernen und denkt über ihren ersten Auslandsaufenthalt nach. Reportage für Karriere-Einsichten hören:

Die Nachfrage nach Coachings neben dem regulären Lernprogramm steigt. Nach einer Umfrage von TNS Forschung Ende 2009 will bereits ein Drittel der Eltern ihre Kinder in Deutschland lieber auf Privatschulen schicken, soweit das finanziell möglich ist.

Sie erhoffen sich eine intensivere Betreuung, internationale Ausrichtung – bessere Karriere-Chancen. Die Erwartungen der Eltern an ihre Kinder sind groß. Doch sie scheinen sich zu erfüllen. „In jedem Menschen steckt mehr, wenn er nur will“, sagt ein Coach.

„Learning on Job“: Überfachliche Fähigkeiten

Manager Maik…

Auch Maik will es wissen. Er macht nach seiner Promotion bei Volkswagen Karriere, als Wirtschaftsingenieur.

Seit seinem Einstieg als Jung-Manager im Fast-Track-Programm besucht der Anfang 30jährige jedes Jahr Workshops des betriebsinternen Coaching-Anbieters. Zwar hat er nicht wie Jennifer schon in der Schule damit angefangen, aber die „Ausbildung überfachlicher Fähigkeiten“ sei ihm wichtig, erklärt Maik.

Wirklich als Manager sieht er sich noch nicht. Die Entscheidungsbefugnisse würden ihm erst noch übertragen. „Ich bin als Assistent in viele Themen eingebunden, vertrete diese auch fachlich. Aber die Verantwortung trage ich noch begrenzt“, sagt Maik.

Aber in der Zukunft schon. Wenn er sich als zukünftigen Manager im Spiegel sieht, fühle er sich ganz wohl dabei. „Es macht mir Spaß, an neuen Entwicklungen im Welt-Unternehmen teilzuhaben und diese auch zu beeinflussen“, erklärt der Anfang 30Jährige.

Das Alter spiele aber keine Rolle, „die Aufgaben bei VW stehen im Mittelpunkt“. Und die Coachings im Job helfen Maik beim weiteren Schleifen seiner Karriere, Blicken über den Tellerrand und manches Einholen einer dritten Meinung neben der vom Chef und Mitarbeitern.

Coaching-Angebote für Studenten gehören an elitären Wirtschaftsschulen wie St. Gallen, Oestrich-Winkel oder Vallendar bereits seit ihrer Gründung zum Standard. Für staatliche Universitäten ist so etwas noch recht neu, moderierte Business Talks zum Beispiel.

Anders als Maik mit seinem wirtschaftswissenschaftlichen Abschluss ist Annette gelernte Geisteswissenschaftlerin. Nach ihrem ausgezeichneten Diplom-Abschluss in Pädagogik dauerte die Jobsuche etwas länger. Nach einigen Monaten zwischen letzten Unikursen und ersten Jobangeboten arbeitet die Mitte 20Jährige jetzt bei einem Dienstleister für Karriere-Tools.

Selbstbewusstsein im Assessement-Center, Netzwerken auf sicheren Füßen, im Gespräch bleiben mit Menschen die sich außerhalb des Campus in der Wirtschaftswelt bewegen. Vor allem diese Kompetenzen habe sie aus einem Gespräch im Career Center an der Uni mitgenommen, sagt sie.

„Employability“: Potentiale beim Campus und Company

Wenn sich auch Geisteswissenschaftler mit unternehmerischen Denkweisen auseinandersetzen, sich ihren Weg in die Wirtschaft bahnen, dann hat Margit Pfeifer ihr Ziel erreicht. „Mit Leibniz zu Bahlsen“, so heißt das studienbegleitende Qualifizierungsprogramm des Career-Centers der Uni Hannover.

Auf dem Campus gelte es mittlerweile sogar als Klassiker. Große wie kleine Unternehmen der Region lassen die Teilnehmer etwas Wirtschaftsluft schnuppern.

„Dies gibt uns Spielraum, mit erfahrenen Dozenten aus der Praxis zusammenzuarbeiten und unsere Studierenden individuell zu fördern“, berichtet die Programmleiterin. Workshops zu beruflicher Orientierung, wirtschaftliche Grundlagen und fächerübergreifende Schlüsselkompetenzen stehen im Angebotsprospekt.

Die Perfektionierer…

Margit Pfeifer wünscht sich, dass die Studis ihre Praktika mit „handfesten praktischen Kenntnissen und Erfahrungen“ machen. „Wir verfügen über ein großes Netzwerk und gute Kontakte in die Wirtschaft, das kommt den Studierenden zugute“, freut sich Pfeifer.

Natürlich sei auch die Wirtschaftskrise ein Thema bei den Studis. Um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Im deutschlandweiten Vergleich habe die Leibniz Universität damit Weitsicht bewiesen. Sie hätten früh gefördert, was in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus universitärer Ausbildung geraten sei, sagt die Referentin.

Margit Pfeifer spricht von der „Employability“, der Anschlussfähigkeit von Akademikern ins spätere Berufsleben. Klaus Werle, Autor des Buches „Die Perfektionierer“ (Campus, 2010) sieht den Erfolg eher kritisch. Scheitern sei weniger erlaubt.

Werles Fazit: „Eine wuchernde Lebenshilfe-Industrie für den Wunsch, ein ganz besonders wertvoller, unersetzlicher und leistungsfähiger Mensch zu sein“. Für ihn stecken hinter diesem Trend zum lebenslangen Coaching „intelligente, topqualifizierte Köpfe“.

Effizienzdruck bereits auf der Schulbank, das gehe nicht an: Wer permanent seine Schwächen ausbügelt, könne irgendwann seine Stärken nicht mehr ausspielen.

Schüler in Salem…

Bis zur neunten Klasse hat Feri ein städtisches Gymnasium besucht.

„Ich fühlte mich eigentlich wohl in dieser Schule, doch es waren da auch Konflikte mit manchem Lehrer“, sagt der 16jährige und rückt dabei seine Brille zurecht. Der größte Unterschied zwischen einer „normalen“ und solch einer elitären privaten Schule sei , dass man sich in Salem um sich selber drehe.

Fast wie zu Hause: Ordnung halten, Kleider waschen, aber keine Geschwister die direkt mithelfen. Selbstorganisation zählt! Abgesehen von den Lehrern, die als Hauspaten für einige Jahre mit im Schlossflügel leben.

Im schulischen Bereich legen Salems Lehrer wert auf Lernerei: „Ich bekomme viel mehr Hausaufgaben. Man muss sich also viel mehr Zeit nehmen, seine Hausaufgaben fertigzustellen“, sagt der Internatsschüler.

In den Fächern Gemeinschaftskunde, Geschichte oder Physik werden Aufgaben für einen längeren Zeitraum aufgeben. Für Feri bedeutet das zusätzlichen Stress. Es gebe aber auch noch eine „Chillpause“ vorm Abitur, alles im Curriculum geplant. Jetzt geht es für Feri erst ein Mal ins Ausland. Seine Eltern sind Zahnärzte.

Das mache innerhalb der Klasse aber keinen Unterschied – im Vergleich zu Besserverdienenden oder Adligen. Das „Who is Who“ habe man aber im Kopf.

Sichtweise! Jan Thomas Otte hätte, zugegeben, auch gerne auf einem Internat studiert. Vorausgesetzt, seine Eltern hätten dafür das nötige Kleingeld gehabt. Apropos „Schichtwechsel“. Lesenswertes Magazin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Inklusive diesem Beitrag…

Artikelbild: © Jan Thomas Otte

20 Kommentare

  1. […] Karriere-Einsichten » Gecoachte Ichs: Stromlinien, Clons oder Originale? 17. Oktober 2010 – 13:45 | 1 Kommentar […]

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