Vom Pauken klassischer Sprachen, Lösen aktueller Fallstudien und Besuchen elitärer Management-Veranstaltungen. Interview mit Jan Thomas Otte, Herausgeber von „Karriere-Einsichten“…

Wie kam Jan Thomas Otte darauf, sich für Betriebswirtschaftslehre zu interessieren? Das Differenzieren zwischen harten und weichen Faktoren, klassischem Broterwerb und abgestempeltem „Laberfach“ setzt Glaubenssätze voraus. Wir haben dazu mit ihm gesprochen.

Professorin Gabriele Schäfer: Wie kamen Sie darauf, sich für Betriebswirtschaftslehre zu interessieren?

Jan Thomas Otte: Hebräisch, Griechisch und Latein. Nach dem Pauken dieser Ursprachen, ihrer Exegese und Dogmatik, suchte ich ein Gegengewicht zum „numinosum et fascinosum“ im weiten Horizont der Theologie.

An der BWL faszinierten mich das geradlinigere Curriculum, die Einfachheit mancher Management-Modelle, ob Kostenrechnung oder Strategieplanung:

Ich nutze die BWL seitdem als Werkzeugkasten, Know-How für die Selbständigkeit zwischen Gott und der Welt. Nicht nur Jesus und seine Jünger waren ausgebildete Handwerker. Auch Paulus arbeitete neben seinem geistlichen Beruf in einem weltlichen „Brot-und-Butter“-Job.

Professorin Gabriele Schäfer: Sie haben sich Ihr betriebswirtschaftliches Wissen über mehrere Wege erarbeitet…

Jan Thomas Otte: Neben dem BWL-Fernstudium besuchte ich mehrere Workshops und nahm an Wettbewerben teil. Ich wollte nach dem großen Überblick das Gelernte in der Praxis umsetzen, spezifischere Case-Studies „knacken“. Dazu besuchte ich zuerst (aber nicht zuletzt) die großen Unternehmensberatungen in Strategie-Fragen.

McKinsey & Company mit „Passion Wanted“ war meine erste Station. In einem interdisziplinären Team erhöhten wir die Profitabilität eines Weingutes, ohne wie oft üblich nur die Personalkosten zu senken.

Bei der „CEO-Challenge“ von Booz & Company ging es darum, sich im Wettbewerb um Autos gegenüber der weltweitenKonkurrenz zu behaupten. Für mich kam eine weitere Herausforderung hinzu: Ich war der einzige Geisteswissenschaftler, erwirtschaftete aber mit meinem Team (trotz mancher Vorurteile) den größten Marktanteil und erhöhten so unsere Einnahmen.

Beim deutschlandweiten „Strickmuster-Contest“ von A.T. Kearney gründete ich meine eigene Firma und schaffte es mit zwei Journalisten-Kollegen von Constart.Com in die nächste Runde (Bericht: Süddeutsche Zeitung).

Symposien zum aktuellen Thema der Wirtschaftskrise besuchte ich an diversen Business-Schools: Studis aus aller Welt traf ich auf dem St. Gallen Symposium („Globaler Kapitalismus und lokale Werte“) , in Deutschland an der Zeppelin University am Bodensee („Corporate Citizenship and Strategy“) oder der European Business School in Oestrich-Winkel („Rethink Capitalism“).

In Princeton oder Yale besuchte ich Think-Tanks, um abseits von Glanz und Glamour des Managements über den eigentlichen Sinn des Wirtschaftens nachzudenken (Bericht: Manager-Magazin).

Professorin Gabriele Schäfer: Als Geisteswissenschaftler ist man selbstständiges Arbeiten ja gewöhnt. Wie war es, sich völlig eigenständig im Fernstudium mit BWL zu befassen?

Jan Thomas Otte: Das geflügelte Wort „Wo ein Wille, da auch ein Weg“ gilt zwar längst nicht immer, aber manchmal eben doch. Wenn mich das Thema wirklich interessiert, ich nicht nur „irgendetwas mit Medien machen“.

Selbstmotivation und die Leidenschaft, seine Berufung als junger Mensch in diesem Leben zu suchen, ist für mich zuletzt (und zuerst) eine Glaubensfrage, siehe meine Hamsterrad-Kolumne für Perspektive Mittelstand.

Ökonomisch spricht man vom Finden der eigenen Nische, der Unique Selling Proposition, etwas Bestimmtes besser als die Konkurrenz zu tun. Ich spreche aber lieber vom Dienstleisten, dem Erfüllen einer Bedarfsdeckung am Markt. Auch das Finden weiterer Standbeine kann glücklich machen, wenn man anderen Menschen etwas Gutes tut.

Das macht gute Laune. Kurzum: Wenn ich weiß, wofür ich mir Ihre Powerpoint-Präsentationen und Klausuren reinziehe, bin ich motiviert und diszipliniert genug, um später noch eine 1 vor dem Komma auf dem Zeugnis zu haben.

Professorin Gabriele Schäfer: In den USA haben Sie unter anderem beim Wirtschaft-Nobelpreisträger Paul Krugman gelernt. Kamen Sie sich als Geisteswissenschaftler nicht als Exot vor?

Jan Thomas Otte: Zugegeben habe ich mich bei diesen Veranstaltungen als Exot gefühlt. Theologie- oder BWL-Professoren wie Kommilitonen reagieren interessiert, Personaler schütteln manchmal den Kopf. Theologen, bessere Manager?

Ich finde das aber äußerst reizvoll, in Schubladen hinein gequetscht statt passgenau reingetan zu werden. Manchmal sei es aber auch stressig, einen vorgefertigten oder „geklonten“ Lebenslauf zu haben, wie mir eine Recruiterin neulich sagte.

Professorin Gabriele Schäfer: Eine ganze Weile haben sie sich mit dem Gedanken getragen, in die Wirtschaft zu gehen. Was fasziniert Sie an der BWL?

Jan Thomas Otte: Bedarfsdeckung und Anreizsysteme finden sich in der Theologie als auch der Ökonomie. In der Anwendung sieht das natürlich etwas anders aus. Viele High Potentials fragen zuerst nach ihrer Karriere, dann nach der Reflexion des vorherrschenden Systems.

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“

Das mag man alles verstehen, begründet das doch die Boni-Philosophie im Utilitarismus oder eine Ballade von Berthold Brecht in seiner Dreigroschenoper zur essentiellen Frage, wovon der Mensch eigentlich lebt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Menschenkenntnis zählt.

Professorin Gabriele Schäfer: Derzeit zieht es Sie wieder in die Theologie. Was fasziniert Sie an der Kirche?

Jan Thomas Otte: Mit mehr als einer Milliarde Anhängern weltweit, davon allein eine Million hauptamtliche Mitarbeiter in Deutschland, sind die großen Kirchen der internationalste Konzern unserer Geschichte.

In Krisenzeiten habe ich mich auf Wirtschaftsethik als Brücke zwischen beiden Welten spezialisiert, Moral im Management und in den Medien.

Professorin Gabriele Schäfer: Geisteswissenschaftler und Betriebswirte zeichnen sich nicht gerade durch großes Verständnis für einander aus. Was müsste passieren, damit sich das ändert?

Jan Thomas Otte: Betrachtet man die Halbwertszeit in unserer Wissensgesellschaft, sehe ich für Karrieren von Geisteswissenschaftlern in der Wirtschaft eigentlich keine Nachteile.

Selbst der CEO der Unternehmensberatung Roland Berger, Burkhard Schwenker hat erkannt, dass rechnende Philosophen durchaus ein Vorteil sein können.

Könnte ich die Köpfe mancher Personaler umcodieren, sollten BWL-Studis ebenso wie Theologen ihren CV erklären. Immerhin haben sie alle ein Abitur gemacht, mussten sich für ein Fach entscheiden.

Ersteres dauerte 12 Jahre, letzeres heute nur 3 Jahre. Mal vier, ein Unterschied!

Über die Interviewerin: Gabriele Schäfer ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Heilbronn. Ihr eLearning-Portal? An der Universität Augsburg. Jan Thomas Otte ist Karriere-Autor bei Suite101, einem Portal von Burda Media und Herausgeber von „Karriere-Einsichten“.

Artikelbild: sirtravelalot/ Shutterstock

3 KOMMENTARE

  1. Lieber Herr Otte,

    Es hat mir Freude gemacht Ihren Artikel: „Geisteswissenschaftler, die besseren Manager?“ online zu lesen. Ich bin einer Meinung mit Ihnen, dass gute Menschenkentniss und ein guter Umgang mit seinen Mitmenschen die Basisqualifikation für Führungsaufgaben sind. Dazu gibt es kein gutes „2-Tage-Seminar“, sondern diese Kentnisse müssen immer noch (mühsam) „on the job“ erworben werden. Ihr Artikel hat mich in meinem Vorhaben, in der PE bzw. OE tätig zu werden wieder einmal bestätigt.
    Danke dafür.

    Viele Grüße aus Ludwigsburg

    Christian Wolf

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