Eine Aufführung von Verdis „Aida“ am Theater St. Gallen dient als Ausgangspunkt für eine Reflexion über Loyalität in der modernen Arbeitswelt. Die Geschichte von Radamès, der sich zwischen Pflicht gegenüber dem Staat und seiner eigenen Haltung entscheidet, wird als zeitloses Bild für ethische Konflikte in Organisationen gelesen.
Die zentrale Frage lautet, ob Loyalität dem System oder dem einzelnen Menschen gegenüber gilt. Besonders in einer von Algorithmen und Kennzahlen geprägten Arbeitswelt bleibt das Gewissen individuell verantwortlich – Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit gegenüber Menschen, nicht durch Gehorsam.
Verdis „Aida“ und die Frage moderner Loyalität in der Arbeitswelt
Eingang B, Parkett, Reihe 7. Das Licht geht aus, der Triumphmarsch setzt ein – und plötzlich sitzt man nicht mehr nur im Theater, sondern mittendrin in einer sehr vertrauten Geschichte. Radamès, der Feldherr, soll Karriere machen. Er soll siegen, aufsteigen, dem Staat dienen. Und er liebt die Falsche: Aida, die Gefangene, die Tochter des Feindes.

Macht oder Liebe. Pflicht oder Haltung. Der Marsch klingt nach Sieg – doch wer genau hinhört, hört darin schon das Urteil.
In jeder Organisation gibt es diesen Triumphmarsch. Er heißt Quartalszahl, Beförderung, „High Performer“. Er klingt nach Erfolg, und er fordert Loyalität. Die Frage ist nur: Loyalität wem gegenüber? Dem Apparat, der dich befördert? Oder dem Menschen, der dir gegenübersteht – und der gerade nicht ins System passt?

Radamès entscheidet sich. Gegen den Staat, für die Liebe. Er verrät ein Geheimnis – nicht aus Berechnung, sondern aus Haltung. Der Preis dafür: eingemauert. Lebendig. Und Aida, die nicht von ihm lässt, geht mit ihm in die Tiefe.
Loyalität ist kein Befehl. Sie ist eine Entscheidung. Jeden Tag aufs Neue. Und manchmal ist der teuerste Verrat der an sich selbst.
Gerade in einer Arbeitswelt, in der Algorithmen, Kennzahlen und Prozesse immer mehr vorgeben, wer „performt“ und wer nicht, wird diese Frage drängender, nicht leiser. Wenn das System entscheidet, bleibt das Gewissen trotzdem zuständig. Vertrauen entsteht nicht durch Gehorsam, sondern durch Verlässlichkeit gegenüber Menschen – im Team, gegenüber Patient:innen, Kund:innen, Kolleg:innen.

„Aida“ zeigt: Der lauteste Marsch ist nicht immer der richtige Weg. Und Haltung kostet – aber Haltungslosigkeit kostet mehr.
Was bedeutet das konkret für Führungskräfte und Teams?
- Loyalität nicht mit Gehorsam verwechseln – Treue zum Menschen wiegt schwerer als Treue zur Zahl
- Mut zur Haltung, auch wenn der „Triumphmarsch“ gerade in eine andere Richtung spielt
- Verantwortung übernehmen, wo Systeme und Kennzahlen den Einzelnen unsichtbar machen
- Sich fragen: Wofür mauere ich mich gerade ein – und ist es das wert?
Die großen Opern handeln selten von Königen allein. Sie handeln von Entscheidungen. Die Bühne stellt die Frage – die Antwort geben wir, Montagmorgen, im echten Leben.
Fotos: Xiomara Bender/ Konzert und Theater St.Gallen