Der Aufschwung in China schwächelt. Bilder von Geisterstädten schockieren den Westen. Die Regierung versucht mit staatlich finanzierten Bauprojekten den Aufschwung aufrecht zu erhalten, aber viele dieser neuen Wohn- und Geschäftshäuser stehen leer. Was bleibt?

Laut einer Studie der Boston Consulting Group denken 37% der in China tätigen US Unternehmen derzeit darüber nach, sich aus dem Land zurückzuziehen. Der Grund: Steigende Löhne, zu hohe Kosten. Handelt es sich dabei um den Anfang vom Ende? Ganz im Gegenteil, erklärt Bruno Sergi, Dozent an der renommierten Harvard Universität. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas.

Karriere-Einsichten: Welche Chancen bietet China in den nächsten Jahren?

Bruno Sergi: China ist auf dem besten Weg die USA als größte Volkswirtschaft der Welt zu überholen. Das drittgrößte Land der Welt hat heute schon die größte Bevölkerung. Im asiatischen Raum gibt es mehr Millionäre als in den USA, und alleine in China leben mehr Milliardäre als in den Vereinigten Staaten. Die chinesische Firma “Foxconn” produziert bereits circa 40% der weltweit verkauften Elektronikartikel. Das Wachstum in China wird weitergehen.

Chinesen lieben deutsche Produkte

Karriere-Einsichten: Was bedeutet das chinesische Wachstum für Deutschland?

Bruno Sergi: Die Hälfte aller chinesischen Importe aus Europa kommen aus Deutschland. Ein Viertel der chinesischen Exporte nach Europa sind für Deutschland bestimmt. China hat allein im Jahr 2011 zehn Milliarden US Dollar in Europa investiert, drei mal so viel wie im Jahr zuvor. Dabei handelt es sich erst um den Anfang. Im Jahr 2020 könnte das Land bereits 500 Milliarden US Dollar pro Jahr in Europa investieren.

Die Herausforderung für Deutschland besteht darin, seine Position als Exportweltmeister zu verteidigen, die Handelsbeziehungen mit China zu festigen, und einen möglichst großen Betrag dieser bevorstehenden Investments für Deutschland zu gewinnen.

Karriere-Einsichten: Welche Karriere-Chancen bieten sich auf Grund der bevorstehenden Entwicklungen?

Bruno Sergi: Europäer müssen sich auf die Zusammenarbeit mit chinesischen Investoren und Kunden vorbereiten. Dabei gilt es, ein gewisses kulturelles Verständnis zu entwickeln. Mandarin-Kenntnisse sind sicher ein großer Vorteil, aber nicht zwingend notwendig. In erster Linie sollte man mit den Traditionen und kulturellen Besonderheiten seiner Geschäftspartner vertraut sein.

Karriere-Einsichten: Wie wichtig ist der chinesische Markt für Deutschland?

Bruno Sergi: Immer mehr deutsche Unternehmen investieren in China, um sich ein Stück vom Kuchen “Wachstumsmarkt” zu sichern. Zahlreiche Millionäre und Milliardäre sehnen sich nach deutscher Qualität. Aber auch eine stetig wachsende Mittelklasse möchte ausländische Produkte erwerben.

Laut der “European Business in China Confidence Survey 2012” planen 63% der befragten Unternehmen in den nächsten Jahren in China zu investieren. 61% der Unternehmen verzeichnen einen erhöhten Personalbedarf. „Das bedeutet neue Arbeitsplätze für Europäer in China.“

Bürokratische Hürden, wenig Transparenz

Karriere-Einsichten: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der chinesischen Regierung?

Bruno Sergi: Viele Unternehmen betrachten die chinesische Regierung als das größte Hinderniss für eine effiziente Zusammenarbeit. Mehr Transparenz und die konkrete Umsetzung der Richtlinien sind wichtig für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum. Allerdings befindet sich das Land auch aus dieser Perspektive auf dem besten Weg, und wird den Westen bald überholen.

„Know-How-Export“

Nicht nur deutsche Unternehmen expandieren in das wachstumsstärkste BRIC-Land. Die Schweizer Hotelkette Kempinski plant die Eröffnung eines neuen Luxushotels in Yixing. Dabei gilt es europäisches Know-How zu exportieren. Die Kette rekrutiert gezielt in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgebildetes Fachpersonal, um den gewohnten Kempinski-Standard auch in China zu gewährleisten. Attraktive Arbeitsbedingungen und Beförderungschancen stehen an der Tagesordnung.

Junge Europäer sollten sich optimal auf die neuen Herausforderungen vorbereiten. Weltoffenheit und kulturelle Kompetenz sind da ganz wichtig. Dabei liegt es am deutschen Bildungssystem junge Talente für die Märkte der Zukunft auszubilden. Austauschprogramme bieten Schülern und Studenten die Möglichkeit das Land näher kennen zu lernen.

Über den Autor: Professor Bruno Sergi ist Gastdozent für Russische und Chinesische Wirtschaftspolitik an der Harvard University und Senior Fellow am Davis Center in Boston. Fabian Teichmann studiert bei ihm Wirtschafts- und Finanzwissenschaften.

Artikelbild: NicoElNino/ Shutterstock

2 Kommentare

  1. Shanghai ist eine sehr interessante Stadt und ob der Bau-boom dort zum erliegen kommt ist eher fraglich. Shanghai ist nach wie vor eine sehr begehrte Stadt und dadurch sind Wohnungen noch immer extrem teuer sind und ein beliebtes Spekulationsobjekt. Allerdings gibt es wirklich so viele ungenutzte Wohnhäuser und derade auch Wohntürme, dass man sich manchmal fragt wo all diese Leute herkommen sollen. Und selbst wenn die Hochhäuser bewohnt sind, wie soll die Stadt diese Unmengen an neuen Menschen aufnehmen.

    Ich befinde mich gerade für ein Auslandssemester in Hangzhou, das sich etwa 180Kilometer süd-westlich von Shanghai befindet und die Hauptstadt der Provinz Zhejiang ist.
    Die Infrastruktur in Hangzhou, wie auch in vielen anderen Städten Chinas, ist meiner Meinung nach jetzt schon unzureichend ausgebaut. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bus und U-Bahn fahrten erinnern teilweise eher an Viehtransporte als an Personenverkehr, ganz zu schweigen davon, dass die Straßen oft einfach überlastet sind.
    Wenn die vielen leeren Hochhäuser, von denen es allein in Hangzhou unzählige gibt in näherer Zukunft bewohnt werden sollen, sehe ich für die Stadt schwarz.

    Meiner Meinung nach werden aber viele der neuen Hochhäuser weiter leer bleiben. Viele Unternehmen und kleinere Banken sind jetzt schon verschuldet und können sich nur mit den Geldern größeren Banken über Wasser halten. Wann, ob und wie hart die Bankenkrise die Wirtschaft treffen wird, darüber lasse ich lieber die „Experten“ spekulieren.

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