So sehen Nobelpreisträger aus, so schwitzte Paul Krugman bei der Presse-Konferenz im Herbst 2008. Morgens unter der Dusche hatte er davon erfahren. 17 Preisträger aus der VWL und einige der besten Ökonomen aus dem Nachwuchs, sie diskutieren in Lindau über die Zukunft ihrer Disziplin…

Welche Richtung nimmt die Wirtschaft in einer noch immer unter den Auswirkungen der Finanzkrise des Jahres 2008 leidende, globalisierte Welt – und zwar nicht nur als wissenschaftliche Disziplin, die versucht, unsere Erkenntnisse über die Gesellschaft und das menschliche Verhalten zu vergrößern?

Dies ist eine der zentralen Fragen, mit denen sich eine hochkarätig besetzte Konferenz unter Beteiligung von Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften und führenden Nachwuchsökonomen aus aller Welt in Lindau Ende dieses Monats beschäftigen.

Bei der vierten Lindauer Tagung der Wirtschaftspreisträger kommen brillante Ökonomen – und manche Karriere-Einsichten – aus über 60 Ländern zu einem generationsübergreifenden Dialog über kulturelle und fachliche Unterschiede hinweg zusammen.

Die Debatten werden die Zukunft der Ökonomie als Wissenschaftsdisziplin und als Bezugssystem für die Entscheidungen von Politikern und anderen Fachleuten beleuchten. Eine Reihe von Vorträgen von Wirtschaftspreisträger und drei Podiumsdiskussionen werden dazu stattfinden.

Wissenschaftliche Veranstaltung, keine Karriere-Messe…

Die Frage, in welche Richtung sich die Wirtschaft entwickelt, wird grundlegend im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema „Behavioural Economics“ mit Untersuchungsergebnissen zu den psychologischen und soziologischen Grundlagen wirtschaftlicher Entscheidungen. Die Frage, welchen Beitrag die Wirtschaft in der praktischen Politikgestaltung leisten kann, ist Thema vonPodiumsgesprächen zu den Themen Nachhaltigkeit und Wirtschaftsethik, „Sustainability in International Economics“ und „From Financial to Debt Crisis – Financial Markets, Monetary Policy and Public Debt“.

Reinhard Selten spricht über die Idee der „begrenzten Rationalität“, eine Theorie menschlicher Entscheidungsfindung, die nicht auf der Fähigkeit des Entscheidungsträgers gründet, konsistente Wahrscheinlichkeits- und Nützlichkeitsurteile zu fällen.

Als einen allgemeinen Baustein der Theorie der begrenzten Rationalität wird er die “Aspiration Adaption Theory“ oder Anspruch-Anpassungstheorie, einen auf einer Vielzahl von inkompatiblen Zielen basierenden Ansatz der Entscheidungsfindung, skizzieren und die Ergebnisse kürzlich durchgeführter Experimente vorstellen, die die deskriptive und präskriptive Gültigkeit der Theorie demonstrieren.

„Verhaltensökonomik“

Der Vortrag über „Verhaltensökonomik“ von Professor George Akerlof (basierend auf seinem Buch mit Rachel Kranton) schlägt ebenso eine neue Richtung in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung vor. Professor Akerlof ist neben Robert Shiller der Ko-Autor von Animal Spirits: How Human Psychology Drives the Economy and Why it Matters for Global Capitalism. Gemeinsam mit Rachel Kranton ist er Autor von Identity Economics: How Our Identities Shape our Work, Wages and Well-being ist.

Das Abschlussplenum der Tagung in Lindau wird sich auf die Finanzkrise konzentrieren – einschließlich einer Diskussion zur Rolle von Wissenschaftlern, Politikern, Regulierungsbehörden und uns allen bei der zukünftigen Vermeidung solcher Krisen. Zu den Referenten zählen William White, ein früherer Wirtschaftsberater und Leiter der Währungs- und Wirtschaftsabteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sowie Professor Robert Mundell, dem 1999 der Nobelpreis für seine bahnbrechenden Arbeiten über optimale Währungsgebiete verliehen wurde. Die Tagung endet mit Ausführungen des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble.

Entwicklung neuer Krisen-Warner notwendig, unmöglich?

In einem Vortrag mit dem Titel „Imagining an Economics that Works: Crisis, Contagion and the Need for a New Paradigm“, argumentiert Joseph Stiglitz, dass die makroökonomischen Standardmodelle den wichtigsten Tests wissenschaftlicher Theorie nicht standgehalten haben. Sie konnten das Eintreten der Finanzkrise nicht vorhersagen. Und als die Krise eingetreten war, unterschätzten sie ihre Auswirkungen.

Der Vortrag beschäftigt sich zunächst generell mit dem Versagen der Standardmodelle und entwickelt dann eine wirtschaftliche Analyse der starken Konjunkturrückgänge. Professor Stiglitz argumentiert, dass es im Gegensatz zu den Thesen der Standardmodelle systemische Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur gab, die sie anfälliger für eine Krise machten. Er untersucht, wie Integration Contagion-Effekte (also „Ansteckungen“) verstärken kann und wie Krisen in einem Land leichter auf andere Länder übergreifen.

Professor Stiglitz sagt: „Während die Welt noch im Taumel der Finanzkrise begriffen ist und weitverbreitet wirtschaftliche Unsicherheit bestehen bleibt, ist das Bedürfnis nach einer neuen Form ökonomischen Denkens drängender denn je. Die anstehende Lindauer Tagung bietet eine optimale Gelegenheit, um die Diskussion hierüber voranzutreiben.“

Auf der Tagung treffen 17 der 38 lebenden  mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis ausgezeichneten Wirtschafts-Preisträger auf 373 der talentiertesten Nachwuchsökonomen aus aller Welt. Die Nobelpreis-Träger auf der Tagung? George Akerlof, Robert Aumann, Peter Diamond, Eric Maskin, Daniel McFadden, James Mirrlees, Dale Mortensen, Robert Mundell, Roger Myerson, John Nash, Edmund Phelps, Christopher Pissarides, Edward Prescott, Myron Scholes, Reinhard Selten, William Sharpe und Joseph Stiglitz.

Die jungen Wirtschafts-Wissenschaftler stammen aus 65 Ländern, 37% von ihnen sind Frauen. Sie wurden aus einer Gruppe von über 5.000 Forschern ausgewählt, die von einem internationalen Netzwerk aus über 200 akademischen Partnern, 44 nationalen Zentralbanken, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der Europäischen Zentralbank, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung nominiert wurden.

Seit der ersten Tagung im Jahre 1951 als europäische Initiative zur Aussöhnung nach dem Krieg haben sich die Nobelpreisträger-Tagungen in Lindau zu einem internationalen Forum für globale Themen entwickelt. Die Tagungen der Physik, Chemie und Physiologie/Medizin finden seit 60 Jahren im jährlichen Wechsel statt. Die erste Tagung der Wirtschaftspreisträger fand im Jahr 2004 statt; weitere Treffen folgten in den Jahren 2006 und 2008. Bei jeder Tagung treffen sich brillante Wirtschaftswissenschaftler zu einem generationsübergreifenden Dialog vor dem Hintergrund unterschiedlicher Kulturen und Wissenschaftsdisziplinen.

Über den Autor: Jan Thomas Otte war live dabei als Paul Krugman vor 3 Jahren vor die Presse trat, schwitzend, etwas devot, aber auch selbstbewusst auf die Frage: „Hätten Sie je damit gerechnet?“ Krugman: „Um ehrlich zu sein, diesen Moment hatte ich insgeheim erwartet…“

Artikelbild: Ollyy/ Shutterstock

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