Beim Ruf nach dem Allheilmittel „Selbstverantwortung“ in Unternehmen läuft es Antje Bach kalt den Rücken runter. Sie meint: Selbstverantwortung hätte einen weit schlechteren Ruf, würden Unternehmen sich mal Gedanken darüber machen, was selbstverantwortliche Mitarbeiter eigentlich für sie bedeuten…

Karriere-Einsichten: Wie kommt es, dass Selbstverantwortung in Unternehmen solch ein Unwort für Sie ist?

Antje Bach: Ich fürchte, das liegt daran, dass ich diesen Begriff nicht mehr hören kann. Die Selbstverantwortung bei den Mitarbeitern wird seit einigen Monaten als DAS neue Allheilmittel durch Unternehmen getragen. Sie rangiert jetzt ganz oben im Medikamentenschrank, gleich neben Agility, Entrepreneurship und wie sie nicht alle heißen – und wird doch von niemandem richtig durchgedacht.

Karriere-Einsichten: Sind selbstverantwortliche Mitarbeiter denn so eine schlechte Sache?

Antje Bach: Das kommt darauf an, was ihr unter der Worthülle ‚Selbstverantwortung‘ versteht. Selbstverantwortung bedeutet doch, dass ich Verantwortung für mich selbst übernehme. Aber wo übernehme ich Verantwortung für mein Selbst – im Verhalten, in Emotionen, in Beziehungen …? Da gibt es so viele Bereiche!

Und was ist überhaupt mein Selbst? Steckt das in einem festen Rahmen oder ist es eine Kombination verschiedener Seiten von mir, die sich entsprechend der aktuellen Situation zusammensetzen? Oder verändert sich mein Selbst auch über die Jahre und mit dem Alter?

Die Frage ist also: Was sehe ich als mein Selbst an? Und dann: Wie übernehme ich Verantwortung dafür? Da steht viel persönliche Transformation dahinter.

Karriere-Einsichten: Angenommen, Mitarbeiter durchlaufen diese Transformation: Was würde das für ein Unternehmen bedeuten?

Antje Bach: Würden Menschen tatsächlich Selbstverantwortung für sich übernehmen, sähe es in vielen Unternehmen düster aus, denke ich. Da wäre was los! Welcher autonome und achtsame Mensch würde dann 70 Stunden die Woche arbeiten? Wer würde die Lügerei bei Audi und Co. zum Diesel akzeptieren? Welche Führungskraft würde sich da zum Kommunikationstraining schicken lassen, weil ihr eigener Chef nicht in der Lage ist, eine sinnvolle Besprechung zu führen? Da würden die Leute doch sagen: Dieses Kasperlestheater mache ich nicht mit, ich gehe jetzt nach Hause!

Karriere-Einsichten: In anderen Worten: Selbstverantwortung im Betrieb sorgt nur dafür, dass jeder nach sich selbst schaut.

Antje Bach: Das ist definitiv eine Ausprägung. Daneben ist eine weitere möglich: Sie betrifft die Mitarbeiter, die selbstverantwortlich den Mund halten. Die also Verantwortung für ihr Selbst übernehmen, das die Miete sichert und die Kinder füttert. Der Effekt ist dann: Diese Leute ducken sich weg, wenn es in der Firma Stress gibt. Um ihren Job zu sichern. Um nicht zu stören oder sich gar unerwünscht zu machen. Auch das ist ein Auswuchs des unwirksamen Placebo ‚Selbstverantwortung‘.

Karriere-Einsichten: Heißt das unterm Strich, dass das Konzept der selbstverantwortlichen Mitarbeiter gescheitert ist?

Antje Bach: So weit würde ich nicht gehen. Den Wunsch, dass eure Mitarbeiter Selbstverantwortung übernehmen, kann ich nämlich durchaus verstehen. Aber dann definiert sie bitte richtig: Denn eure Mitarbeiter sollen ja nicht Verantwortung für sich selbst übernehmen, sondern dafür, dass am Ende des Tages die Prozesse stimmen, die Kunden zufrieden sind, ihre Aufgaben erledigt sind.

Die Frage muss doch also heißen: Wie schaffe ich es, dass meine Mitarbeiter Verantwortung für ihre Aufgaben übernehmen?

Vielleicht lassen wir also einfach mal das Allheilmittel ‚Selbstverantwortung‘ im Schrank und schauen im hellen OP-Licht richtig hin: Dem Unternehmen geht es am Ende doch nicht um Selbstverantwortung, sondern um Selbstoptimierung. Im Sinne durch bessere, effizientere Mitarbeiter das Unternehmen zu verbessern und mehr Geld zu verdienen.

Karriere-Einsichten: Am Ende des Tages geht’s also auch beim Ruf nach Selbstverantwortung um das gute alte Geld.

Antje Bach: Ja. Und das ist okay. Ich bin sicher keine Sozialromantikerin und deshalb finde ich die Frage auch berechtigt, wie Mitarbeiter Selbstoptimierung im unternehmerischen Umfeld betreiben können – aber der Ruf nach Selbstverantwortung ist ganz sicher der falsche!

Menschen wären nicht lebensfähig ohne Selbstverantwortung. Aber doch bitte nicht im unternehmerischen Sinne. Organisationen müssen sich fragen, was Sie mit Ihrem Ruf nach Selbstverantwortung womöglich wirklich wollen – ein angepasstes, optimiertes, sich aufgegebenes Selbst ihrer Mitarbeiter. Das ist wohl der Preis im dreisten Zeitalter der neuen Götter Geld und Konsum.

Über die Autorin: „Herzlich willkommen, liebes Problem!“ – Mit dieser Überzeugung geht Antje Bach durchs Leben. Die Autorin und Coach legt den Finger gerne in die Wunde – hart, aber ebenso ehrlich und einfühlsam. Denn sie ist überzeugt: Jede private oder berufliche Entwicklung beginnt mit einem Hindernis. Umso schöner, dass Menschen sich nicht verändern müssen. Sie dürfen sich ergänzen. Mehr Infos unter antjebach.de

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