Klassische Berufsbilder lösen sich auf. Was übrig bleibt, sind die Kern-Kompetenzen der Zukunft. Die Journalistin Leila Haidar verrät, welche. Und hat mit einigen Early-Adoptern gesprochen…

Karin Wanninger arbeitet im Einkauf eines Autozulieferers. Damit sie die Bestellung auslösen kann, muss sie in einer Software den Lieferanten auswählen, die Artikelnummern hinterlegen und die Preise laut Angebot einfügen. Das Programm ist hochkomplex. Gut, dass sie einen kleinen Desktop-Assistenten hat, der sie Schritt für Schritt durch den Vorgang lotst. „Wie ein Navigationsgerät für den Arbeitsalltag“, weiß Wanninger, die im Alltag mit acht verschiedenen Programmen arbeitet.

Als sie einmal danebenklickt, meldet der Helfer mit einem Pling, dass etwas nicht stimmt. Schnell kann sie die Korrektur eingeben, bevor der Fehler Konsequenzen hat. Nach dem Start in den Job im September 2017 bekam die 22-Jährige nur eine Kurz-Schulung für alle Systeme. „Mehr hätte ich mir ja auch nicht merken können“, schmunzelt die Berufseinsteigerin. Nun hat die BWL-Absolventin einen erfahrenen Mentor an ihrer Seite und den Navigator, der ihr mit Anweisungen und Erklär-Grafiken zur Seite steht, wenn sie einmal nicht weiter weiß.

Kontextsensitive Systeme

„Es gibt heute kontextsensitive Systeme, die Menschen mit den nötigen Informationen durch jeden Arbeitsschritt führen. Das ist nicht nur in der Industrie so“, sagt Simon Schumacher. Der wissenschaftliche Mitarbeiter ist beim Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart Projektleiter für das „Future Work Lab“, wo unter anderem Assistenzsysteme für die Industrie gemeinsam mit Partnern entwickelt und demonstriert werden.

„Moderne Technik sorgt dafür, dass Menschen weniger im stillen Kämmerlein lernen, sondern on-the-job““, bestätigt Christian Wachter. Also situationsgerecht und kontextbezogen, ohne dass das das Gehirn es bewusst wahrnimmt. Der Experte für digitale Bildung vom E-Learning-Anbieter IMC entwickelt digitale Lernwelten für Unternehmen. Aus seinem Hause kommt auch der Process Guide, der schrittweise mit Echtzeithilfe durch jede beliebige Software führen kann. Mit seiner Unterstützung füllt Wanninger gerade die Bewertung bevorzugter Lieferanten aus.

„Assistenz durch intelligente Systeme“

Wir lernen immer mehr im Tun. Das heißt im Umkehrschluss, dass klassische Berufs- und Studienabschlüsse an Bedeutung verlieren könnten. Wenn intelligente Systeme uns durch einen Teil unserer Aufgaben assistieren, brauchen wir Verständnis auf der Metaebene. Die Details kann man wunderbar an die Technik outsourcen. Als klassisches Beispiel gilt der Steuerberater: Er wird auch in Zukunft umfassendes Wissen des Steuerrechts brauchen. Bei Einzel- und Spezialfällen hilft ihm jedoch eine Software. In den Vordergrund rücken gleichzeitig Soft Skills, die er in seiner Aufgabe als Berater nun stärker einsetzen wird. Kompetenzen eben, bei denen ihn keine Maschine ersetzen kann.

Austauschbare Studiengänge

Wanninger, die Absolventin der Hochschule Heilbronn, glaubt, dass sich dieser Trend auch auf ihre nächsten Bewerbungen auswirken wird: „Einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre haben Viele. Ich möchte im Lebenslauf eher auf meine Projekte und Erfahrungen eingehen“, sagt die Hobby-Schwimmerin. Der Grund: Titel seien immer austauschbarer; viele Personaler wissen gar nicht, was sich hinter einem der vielen Studiengänge verbirgt.

Wie die junge Frau lernen immer mehr Mitarbeiter nebenher statt in Seminaren. „Das ist gut für die Motivation. Denn wir können aus Informationen so den meisten Nutzen ziehen“, bestätigt Wachter. Lern- und Arbeitswelten verschmelzen immer mehr mit einander. Spaß machen Szenarien, die über mobile Geräte jederzeit und überall genutzt werden und mit animierten und spielerischen Elementen angereichert sind.

Virtuelle Welt, die in Echtzeit verschwimmt mit dem Realen: „Augmented Reality“

So lernen Mediziner per VR-Brille zu operieren und Architekten können in einer animierten Umgebung durch das Haus spazieren, bevor der Bau realisiert wird. Als eines der ersten Unternehmen nutzt die Deutsche Bahn flächendeckend „gemischte Realität“ aus Kamera, Einblendung und virtueller Umgebung, um beispielsweise Zugführer auszubilden.

„Spielerisch und über verschiedene Sinnes-Kanäle lernt es sich am besten“, weiß Simone Stargardt. Die Geschäftsführerin der Weiterbildungsakademien Carriere & More in Mannheim, Würzburg und in der Region Stuttgart glaubt, dass Wissen vor allem dann hängen bleibt, wenn es verschiedene Lerntypen anspricht und direkt angewendet wird.

Auch Studien bestätigen: Beim Nachmachen lernen wir mehr, als mit dröger Theorie. Karin Wanninger zum Beispiel ist ein visueller Mensch. Damit ist sie in guter Gesellschaft, denn die meisten Menschen lernen über Fotos, Grafiken, Schaubilder und Kurzvideos besser, als über reines Lesen. Deshalb sind die Lerneinheiten in Stargardts Akademien auf diese Weise gestaltet: Neben Skripten stehen den Studenten über eine App Lernkarteikarten, Hörbuch-Downloads oder Lernvideos zur Verfügung.

„Millenials“: 2020 jede/r Dritte Berufstätige weltweit

Wenn wir in Zukunft nicht mehr mit einem Berufsbild bis zur Rente durcharbeiten können, wie sich also auf die Aufgaben der Zukunft vorbereiten? Darauf gibt die Befragung „Millenial Careers: Vision 2020“ der Manpower Group eine Antwort: Lernfähigkeit ist King. Wer in Zukunft Karriere machen will, muss sich ständig selbst neu erfinden. Befragt wurden 19.000 junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren in 25 Ländern. Es geht also darum, Kompetenzen aufzubauen: Lernkompetenzen, ein Grundverständnis von Software und IT, Teamarbeit, Organisationsfähigkeit oder die passenden kommunikativen Fähigkeiten, um eigene Wissenslücken mit einem Netzwerk aus Kollegen zu schließen.

Kollegen sind hier ein gutes Stichwort: „Weil in jeder Branche die Komplexität steigt und sich die Anforderungen ständig verändern, werden wir in Zukunft immer häufiger in einem Team aus verschiedenen Experten agieren“, glaubt Weiterbildungsexpertin Stargardt. Die 38-Jährige meint, dass Berufsabschlüsse wichtig bleiben. Bei ihr können Mitarbeiter IHK-Abschlüsse wie den Personalfachkaufmann oder den Handelsfachwirt absolvieren. Hier gibt ihr die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA Recht.

Motivierte Angestellte: Qualifiziert und diszipliniert

Laut BDA sind Arbeitgeber motivierter als jemals zuvor, an den Qualifikationen ihrer Angestellten zu arbeiten. Rechnet man ihre Ausgaben für die Weiterbildung von Mitarbeitern (33,5 Mrd.), die Berufsausbildung (25,6 Mrd.), die akademische Bildung (3,3 Mrd.) und Forschungsgelder für Hochschulen (1,34 Mrd.) zusammen, kommt man auf rund 63 Milliarden Euro Investition pro Jahr. Viele Firmen nutzen den Fachkräftemangel als Chance, sich neu und attraktiv aufzustellen und Aufstiegschancen zu bieten. Und laut einer von der BDA zitierten Studie bieten rund 85 Prozent der Arbeitgeber Weiterbildungen für ihr Personal an. Zu vier Fünfteln findet diese während der Arbeitszeit statt.

Und die Millenials sind gerne bereit, mitzuspielen. Sie arbeiten hart. Gut die Hälfte verbringt mehr als 40 Stunden in der Woche am Arbeitsplatz, rund ein Drittel stellt sich darauf ein, bis zum Alter von 70, 80 oder sogar bis an das Lebensende zu arbeiten. Mangelnde Flexibilität kann man den jungen Leuten ebenfalls nicht vorwerfen. Sie wünschen und nutzen flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit, längere Pausen im Berufsleben einzulegen. Aber sie sind auch bereit, sich in ihrer Freizeit weiterzubilden und zu Lernen. Es sind mehr als 90 Prozent, die sich selbst als „high“ oder „potential Learners“ bezeichnen.

Artikelbild: View Apart/ Shutterstock

Hinweis der Redaktion: Zuerst veröffentlicht in der FAZ

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