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Keine Generation vor uns hatte so viele Freiheiten wie wir. Manchmal wird uns dabei ganz schwindelig. Fünf Thesen zum modernen Freiheitsbegriff – und ein paar Entscheidungshilfen…

Zwischen Schule, Job und Studium haben wir mittlerweile (fast) jeden Kontinent gesehen, sind digital bestens in aller Welt vernetzt. Wir sprechen mehrere Sprachen, sind weltoffen. So viele Möglichkeiten, sich für oder gegen etwas zu entscheiden! Los geht’s mit unserem Konsum, dem „Lifestyle“ den wir pflegen und nach außen hin möglichst lässig in Szene setzen. „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“? Solche Statussymbole bedeuten uns herzlich wenig.

Wir leben unsere Freiheitsgrade, unsere Selbstinszenierung, an anderer Stelle. Mit überteuertem „Slow Food“, natürlich aus dem Bioladen, darunter frisch gemixte Smoothies für sieben Euro, komplett vegan versteht sich. Und dann ist da noch das allerneuste Smartphone für 700 Euro – das sind die Statussymbole unserer Generation. Erlebnisse bedeuten uns viel, Essen is(s)t so ein Erlebnis. Ein Event! Mit dem Smartphone halten wir das alles fotografisch fest, wir teilen wie die Weltmeister! Doch dazu später mehr…

Schauen wir uns fünf Bereiche dieser schönen, neuen Freiheit mal genauer an: das Geld, unsere Reiselust und die Vernetzung mit aller Welt; sowie unser Wunsch nach völliger  Gleichberechtigung und Religionsfreiheit.

1. Finanzen: Wir geben Geld aus, um damit etwas zu erleben!

Geld regiert die Welt, das sagt man so. Aber auch unsere? (Foto: Minerva Studio/ Shutterstock)
Geld regiert die Welt, das sagt man so. Aber auch unsere? (Foto: Minerva Studio/ Shutterstock)

„Wir sind jung und brauchen das Geld“, sagen wir im einen Moment. Und im anderen: „Glück ist nicht käuflich“. Moment mal! Was denn nun? Uns verbindet mit diesem schnöden Mammon eine Hass-Liebe. Wir wollen uns nicht versklaven, gar unterwerfen. Die Moneten sollen einfach „fließen“. Und um „flüssig“ zu sein, arbeiten wir viel, meist in mehreren Gelegenheitsjobs, sparen einen Teil und geben es ziemlich schnell an anderer Stelle wieder aus. So wiederholt sich der Kreislauf, jeden Tag neu, so austauschbar ist das Geld, ein Medium für sich. Und morgen? Ist vielleicht alles ganz anders. Andere träumen derweil von der finanziellen Freiheit.

Bereits auf dem Campus tummeln sich Anlageberater obwohl wir noch gar keine großen Summen zum Anlegen haben. Sie versprechen uns Freiheit – gegen Provision. Und wollen dabei etwas nahezu Unmögliches schaffen: die geltenden Gesetze des Marktes übertrumpfen, austricksen. Vielleicht bist du ein ganz anderer Risikotyp, lässt dich von solchen Vorsorgestrategien nicht verunsichern.

Wir beschäftigen uns lieber mit etwas anderem – wir sind so frei! Und mutig. Wir haben das, was vielen so schwerfällt – dieses Gottvertrauen und die Gelassenheit, Dollars eben auch Dollars sein zu lassen – ist eh alles bloß relativ. Denkste? Recht haste! Denn erstens macht Geld nicht wirklich glücklich und zweitens gibt’s gerade eh kaum Zinsen aufs Sparbuch und drittens… Ach, lassen wir das!

„Vieles ist im Wandel“

Vieles ist im Wandel, alles fließt – „Change“ – vom Wind der Veränderung sangen bereits die Scorpions Anfang der 90er, den Geburtsjahren der heutigen Ypsiloner. Seit dreißig Jahren gibt es uns und wir wissen: was gestern galt ist morgen vielleicht schon längst „out“! Wenige GenYler werden in dem Beruf in Rente gehen, mit dem sie gerade erst ihre wohl bedachte Bachelor-Master-Karriere begonnen haben. Ängste von den Eltern und solche , die es „nur gut“ mit uns meinen, nerven uns, das engt unseren Freiraum ein. Was wir wollen? Natürlich die Welt entdecken, so wie sie uns gefällt. Mit dem nötigen Kleingeld in der Tasche…

2. Mobilität: Wir reisen um die Welt, um uns weit(er) zu bilden!

Blick zu den Meteore-Klöstern in Griechenland. Bock auf Kloster? Why not! Wir reisen überhaupt gerne und viel... (Foto: RossHelen/ Shutterstock)
Blick zu den Meteora-Klöstern in Griechenland. Bock auf Kloster? Why not! Wir reisen überhaupt gerne und viel… (Foto: RossHelen/ Shutterstock)

Wir wollen uns selbst ein Bild von ihr machen, der Welt in der wir leben. Und die wollen wir uns schön machen! Dabei verlassen wir uns weniger auf hochglänzende Prospekte mit gähnend langweiligen Stock-Fotos. Es sind für ins vielmehr die spontanen Eindrücke einer Reise: mobil, live und in Farbe; laufend kommentiert von unterwegs, verwackelt und nah dran. Dabei profitieren wir vom Preiskampf der Billigflieger im Netz. Du suchst gar nicht den günstigsten Flug nach Südostasien oder Nordamerika? Dann gibt es noch die Last-Minute-Schnäppchen der Reiseanbieter. Wie wie wär’s mit Schnorcheln in einem von hohen Zäunen abgeschirmten Fünf-Sterne-Hotelbunker?

Pauschlangebote gibt es auch für Rucksacktouristen, die „Backpacker“. Nur nicht so spiessig! Vielleicht ging es dir auf deinem letzten Interkontinental-Trip genauso. In den Hostels treffen wir immer mal wieder dieselben Leute, du hörst und sprichst deutsch, trägst dieselben Outdoor-Marken die mit der schönen, neuen Freiheit werben, wie „Ich bin raus!“ Raus kommen wir dabei auf der „Slack“-Leine, betätigen uns sportlich, machen Yoga. Nur irgendetwas tun müssen, das ist westlicher Lifestyle. Hat mit fernöstlichen Weisheiten, die uns inspirieren, noch wenig zu tun.

„Seele baumeln lassen“

Manchmal tut’s eben einfach nur gut, nichts zu tun, die Seele baumeln zu lassen und eine Woche irgendwo im Nirgendwo Urlaub „zu machen“. Mit gutem Wein, Essen und lieben Leuten am Lagerfeuer. Hauptsache Natur! So wie die Pfadfinder. Ganz egal wo? Ja. Und wie? Auf keinen Fall!

Mit einem VW-Bus machen wir Eindruck, das teilt sich gut als Marke – die schicken Bilder vom T3-Synchro mit Hubdach am Strand unterm Millionen-Sterne-Himmel. Der Bulli, ein Hippie-Mobil – das Image für Freiheit, Generationen-übergreifend. Unser Bulli verabschiedete sich auf einem unserer letzten Roadtrips bereits am ersten Tag, das Getriebe streikte und wir strandeten irgendwo an der Autobahn in Richtung Paris. Bis der Wagen wieder flott war brauchte es ein paar Tage und wir waren genervt, sprichwörtlich abgebrannt – ja! Und danach bestens erholt. Auch das gibt’s, gratis…

3. Digitalisierung: Wir vernetzen uns, um uns live mitzuteilen!

Was ich dir noch eben sagen wollte... WhatsApp, Snapchat oder Facebook Messenger - wir sind dauernd online, vernetzt und zugewandt... (Foto: Antonio Guillem/ Shutterstock)
Was ich dir noch eben sagen wollte… WhatsApp, Snapchat oder Facebook Messenger – wir sind dauernd online, vernetzt und zugewandt… (Foto: Antonio Guillem/ Shutterstock)

Was früher die Postkarte war, ist heute ein Facebook-Gruß. Aus Polaroid-Abzügen wurde das Instagram-Profil, unser Skype-Account löste die Telefonzelle ab. Seitdem wir über WhatsApp keine SMS-Zeichen mehr zählen müssen, ist das Zeitalter der Kurzmitteilungen ebenso angezählt. Wir haben die freie Wahl! Freiheit – digital scheint sie  grenzenlos, schön und schick.

So viele Fans, Follower und „echte“ Freunde du auch hast in den sozialen Netzwerken – es prägt dich und mich! Täglich entsperren wir den Bildschirm unseres Smartphones – im Schnitt achtzig mal. Ständig und überall erreichbar – wir könnten ja etwas verpassen!

„Zeitalter der Anti-Stress-Berater“

Das Ergebnis dieser ständigen Erreichbarkeit, lässt nicht lange auf sich warten, warnen Anti-Stress-Berater und „Life Coaches“. Irgendwann sind unsere Batterien mal ausgepowert, das große, fette Display und die schnelle Internetverbindung, das Datenvolumen für unsere Live-Postings – kein Ladekabel dabei, die Reservebatterie vergessen? So ein Pech! Denn irgendwann ist auch unser Kraftspeicher alle.

Eine Auszeit tut gut, probier’s mal mit „Digital Detox“! Sozusagen das Gegenmittel zur Sucht. Den meisten hilft da im offenen Entzug bereits eine einfache Regel: in Gesprächen das Handy auf Flugmodus schalten, ebenso in der Nacht – Zeiten, wo du dir dein Recht auf Nichterreichbarkeit einforderst, die Freiheit zurückholst –  vielleicht sogar einen ganzen Tag pro Woche, einen Ruhetag für dich. Das kann der Sonntag sein, oder ein anderer Tag. Du bist so frei! Du musst es nur aushalten lernen, das Einschalten des Hosenwärmers etwas aufzuschieben

4. Gleichberechtigung: Wir wollen, dass jede(r) zum Zug kommt!

Hanging out at the beach! Gone surfing. Egal welche Religion, Geschlecht noch Hautfarbe. Wir sind Multi-Kulti, bunt und stets tolerant... (Foto: William Perugini/ Shutterstock)
Hanging out at the beach! Gone surfing. Egal welche Religion, Geschlecht noch Hautfarbe. Wir sind Multi-Kulti, bunt und stets tolerant… (Foto: William Perugini/ Shutterstock)

„Werte Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe…“ – so beginnen viele Reden. Politisch korrekt, angepasst. Und die Bewegung der Alt-68er legt da viel Wert drauf, auf eine „gender-inklusive“ Sprache. Ich sage: unsere Generation Y ist da bereits ein paar Schritte voraus! Im Ernst. Uns ist doch völlig klar: wir sind verschieden und es gibt richtig viele Jobs, die beide gut können – Jungs wie Mädels. Mal abgesehen von Hebammen und dem Papstamt. Schwarz oder weiß? Wie ätzend!

Das ist für uns keine Wahl. Wir lieben es am liebsten so richtig laut und bunt, „crossover“. Vielfalt ist wichtig, jede(r) soll sagen dürfen was er glaubt, was er denkt – und was nicht. Das gilt auch für die K-Themen, so ganz und gar nicht Small Talk geeignet, Politik und Religion. Ob Kinder, Kirche oder etwas anderes. Nur keine Denkverbote! Wir wollen Familie und etwas Sinnvolles im Leben utun. Nur etwas vorschreiben lassen, dass lassen wir uns nicht so gerne. Auf diesem Ohr hören wir schlecht – das wäre auch wirklich „old school“…

Toleranz, dieses Wort hören wir häufig in der Tagesschau. Und ja, es ist uns nicht sch.. egal, wenn Flüchtlinge in Notunterkünften von Ausländerfeinden beschimpft werden, wenn Dschihadisten in irgendwelchen Hinterhöfen für ihren Krieg im Namen Allahs für den sogenannten „Islamischen Staat“ werben, wenn IS-Terroristen ein Heavy-Metal-Konzert von Freiheitsliebenden jungen Erwachsenen in Paris stürmen und wild um sich schießen. Ja, wir haben schon viel gesehen, manchmal zu viel von der Welt, die so ist wie sie ist – im Krieg. In Deutschland ist seit mehr als siebzig Jahren Frieden – Gott sei Dank! Es herrscht wieder „Einigkeit und Recht und Freiheit“, zumindest bei uns, in Europa.

„Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt…“

Und wenn wir für eine Minute die Newsticker ausschalten und mal wieder ein Buch aus der guten alten Kindheit zur Hand nehmen, zum Beispiel „Pipi-Langstrumpf“ – da habe ich diesen Ohrwurm im Kopf: „Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt…“. Astrid Lindgren lebte in Schweden – nach wie vor dem Musterland in Europa für Gleichberechtigung, Integration und Freiheit. Und die Bestseller-Autorin formulierte das so: „Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.“

5. Religionsfreiheit: Wir glauben, Göttliches in uns zu entdecken!

Jump into the air! Wir sind frei, aber auch religiös, irgendwie spirituell, glauben wir an das Göttliche - meist ohne institutionellen Überbau... (Foto: AnnaElizabeth photography/ Shutterstock)
Jump into the air! Wir sind frei, aber auch religiös, irgendwie spirituell, glauben wir an das Göttliche – meist ohne institutionellen Überbau… (Foto: AnnaElizabeth photography/ Shutterstock)

Eben noch ein „Selfie“ schießen, ganz schnell – damit’s heute noch, ja besser gleich sofort „online“ geht in die sozialen Netzwerke. Zuerst auf Instagram, dem digitalen Polaroid-Foto-Apparat. Der „Feed“ wird damit sozusagen zum Altar, zum sakralen Kirchenraum. Unsere Facebook-Chronik ist uns heilig. Wir verbringen mit unserer Selbstinszenierung viel Zeit. Alle sollen es sehen und hören – ICH bin toll, ICH bin hipp, ICH bin so wie ich bin und so (und nicht anders) ist es gut.

Wir wollen was erleben! Was wir heute schon wissen: es gibt Höhen und Tiefen, Up’s und Down’s. Wenn ich mit Konfis spreche, 12 bis 14 Jahre alt, Mittelstufe achte Klasse, meist Gymnasium – da höre ich von den beiden Seiten ein und derselben Medaille, dem „Flow“ von 20 Sekunden Ruhm in den „Social Media“ und FoMO – „fear of missing out“, die ständige Angst, etwas zu verpassen. Freiheit? Sieht irgendwie anders aus, fühlt sich anders an.

„Angst, etwas zu verpassen“

Cool war gestern! Heute ist das SWAG, möglichst lässig wollen wir rüberkommen – und später gilt immer noch das Gesetz des YOLO – „you only live once“.  Ja, wir leben nur einmal – in diesem Leben und in dem was noch kommt, auf das Christen hoffen. Das Leben geht weiter! Das ist Glaubenssache, jede(r) glaubt an etwas anderes – die einen an sich selbst, die eigenen Kräfte. Andere an die Gesetze der Schwerkraft beim Boarden in der Halfpipe, beim „Slacken“ oder dem nächsten Bungee-Jumping-Sprung…

Artikelbild: lassedesignen/ Fotolia.com

Hinweis der Redaktion: Text erschien in gekürzter Fassung im Heft „Idealisten“ (12/2016).

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